Die Schatten flattern, und das rote Licht dehnt sich, bis plötzlich jemand tot ist. Eben sah man noch ein enthusiastisches Publikum, das einen Boxkampf irgendwo in Bangkok bejubelte. Dann verschwinden seltsame Männer in der Nacht, und ein Mädchen liegt leblos in einem Zimmer, doch das bleibt nicht der einzige unnatürliche Tod in „Only God Forgives“. Der neue Thriller des dänischen Hollywood-Imports Nicolas Winding Refn (u..a. „Drive“) mutet dem Zuschauer, was die Präsentation von Mord und Sterben anbelangt, viel zu. Zu viel.

Denn das, worum es eigentlich geht, wirkt unerheblich und allenfalls wie ein Alibi für eine Gewalt- und Folterorgie, die nur in immer neue, exquisit ausgeleuchtete und ornamental dekorierte Raumschächte führt, in billige Absteigen, lange Korridore, weitläufige Luxushotelzimmer, teure Bordelle und bescheidene Wohnungen. Es gibt in diesem Film ein Brüderpaar, von dem der eine, Billy, getötet wurde, weil er selbst ein Mörder war: Billy hat ein junges Mädchen vergewaltigt und danach getötet. Und es gibt die Mutter der beiden jungen Männer, ein Monster mit langem, blond gefärbten Medusenhaar, das Kälte mit Vulgarität effektiv zu verbinden weiß. Billy werde schon seine Gründe gehabt haben, diese Schlampe zu töten, sagt Crystal. Kristin Scott Thomas spielt diese Frau, die nach dem Tod ihres Mannes ein Drogenimperium leitet und nun nach Thailand gekommen ist, um dafür zu sorgen, dass ihr jüngerer Sohn Julian den Mord am älteren Billy rächt.

Nur hat Julian ein Problem mit der übermächtigen Monstermutter, die nicht allein seine Freundin sogleich beleidigt, sondern den jüngeren Sohn auch bei der ersten sich bietenden Gelegenheit spüren lässt, dass sie ihn für einen Versager hält. Und hier kommt der Hollywood-Star Ryan Gosling als Julian ins Spiel, der – wie schon in „Drive“ oder „The Place Beyond the Pines“– aufs Neue die tickende Zeitbombe, den latenten Psychopathen gibt und dessen undurchdringliches, vielleicht aber auch nur leeres Gesicht dem Film ein Zentrum geben soll. Wo doch der eigentliche Kern eines Films – in diesem Fall eine ödipale Rachegeschichte – keine Chance hat angesichts von Nicolas Windig Refns ebenso skrupelloser wie manierierter Werbespot-Ästhetik. Natürlich ist das alles meisterhaft gefilmt. Exzessive Licht- und Schattenspiele, exquisite Choreografien beim Thai-Boxen, nahezu feierlich gemessene Bewegungen und quasi hypnotische Kamerafahrten sind schön anzusehen in ihrer der Geschichte auch entsprechenden alptraumhaften Anmutung.

Winding Refn nennt das selbst „Film fantastique“; „Only God Forgives“ hat er, reichlich prätentiös, dem chilenischen Avantgarde-Regisseur Alejandro Jodorowsky gewidmet. Doch Refns Hochstilisierung und Überinszenierung dient letztlich nur als Rahmen- und Damenprogramm für eine Gewalt ohne Funktion: für reines Quälen, Metzeln und Schlachten mit Messern und Schwertern – unter dem Vorwand einer Kastrationsfantasie. Besonders deutlich wird das in einer widerlichen Szene, in der einem Mann , der aussagen soll, von einem allmächtig wirkenden Polizeibeamten ein sehr großes Messer ins Ohr eingeführt wird, während um ihn herum atemberaubende Frauen in ausgesucht schönen Kleidern sitzen und schweigen.

Gewalt ist keine Option, hat der große US-Regisseur Martin Scorsese einmal gesagt. Das stimmt, sie ist Teil der Realität, ob einem das nun passt oder nicht. „Only God Forgives“ klammert diesen Aspekt der Realität jedoch aus, um einen pseudo-ästhetischen Rausch zu etablieren. Staaten gab es in der Weltgeschichte, da war das Politik. Gott sei dank ist das hier nur ein angeberischer, kleiner Film. Er hatte im Mai beim Filmfestival Cannes Premiere: Wer dabei nicht kotzen musste, der hat sich gelangweilt.

Only God Forgives USA/Frankr. u.a. 2013. Kinostart Deutschland: 18.7., Drehbuch & Regie: Nicolas Winding Refn, Kamera: Larry Smith, Darsteller: Ryan Gosling, Kristin Scott Thomas, Vithaya Pansringarm, Tom Burke u. a.; 89 Minuten, Farbe. FSK ab 16.