Drei graue Pappkartons voller Super-8-Filme stehen in einem Wohnzimmer im neunten Stock der Wohnung in der Karl-Marx-Allee in Berlin-Mitte. Der Politologe Laurence McFalls und der Filmemacher Alberto Herskovits haben sich hier vorübergehend eingerichtet, sitzen an ihren Laptops und sichten noch Material. In wenigen Tagen wird ihr Projekt, die Open Memory Box, online gehen. Es ist ein neues Online-Filmarchiv, das noch nie gezeigte private Alltagsaufnahmen aus vier Jahrzehnten DDR sammelt.

Wenn man heute Filme über die DDR sieht, wirken sie oft sehr stereotyp, die Menschen sind entweder Stasi-Spione oder Dissidenten. „Wir wollten einen Gegenpunkt zum sehr steifen, von Vorurteilen geprägten Diskurs über die DDR setzen und die Ostdeutschen selbst zu Wort kommen lassen“, sagt Laurence McFalls.

Der Kanadier interessierte sich schon als Kind für die DDR, besuchte seineTante in Karlshorst. 1990 zog er nach Freyburg in Sachsen-Anhalt und befragte Bürger aus dem ganzen Land zu ihren Umbruchserfahrungen. 2011 lernte er am Rande eines Fußballplatzes den schwedisch-argentinischen Filmemacher Alberto Herskovits kennen, der Anfang der 90er-Jahre einen Film über ein Braunkohledorf bei Leipzig gedreht hat. Sie stellten fest, dass sie sich beide für das ostdeutsche Alltagsleben interessierten. Gemeinsam starteten sie den Suchaufruf für die Heimvideos. Sie bekamen Post von 150 Familien aus dem ganzen Land, vom Schlosser bis zum Parteisekretär. Zwei Jahre dauerte die Sichtung.

Ein Kleid aus dem Exquisit

Wenn man die Open Memory Box öffnet, gibt es verschiedene  Schlagworte − Angst, Erotisch, Freiheit, Kinderwagen, Zufall − an denen man sich orientieren  kann, und das funktioniert ohne Hierarchien, ohne Bewertung. Da steht „System“ dann direkt neben „Tanz“. Die Schlagworte Stasi und Diktatur gibt es gar nicht. Das ist so gewollt. „,Diktatur' ist ein Kampfbegriff, den man gezielt einsetzt, um das Leben der Menschen in der DDR zu entwerten“, sagt Alberto Herskovits. „Den Ostdeutschen fehlt immer noch Anerkennung, deshalb ist die Lage im Osten auch so, wie sie ist“, ergänzt Laurence McFalls.

In einem Film sieht man ein junges Paar aus Sachsen-Anhalt, sie sind Studenten, sie reisen nach Berlin und filmen sich dabei. Eben noch spazieren sie am Strausberger Platz zum Exquisit-Laden, wo er ihr ein besonders teures Kleid kauft, heiter und vergnügt, dann sind sie am Brandenburger Tor und filmen scheu die Grenze, obwohl das verboten war. Der Film zeigt das Nebeneinander von Staat und Alltag, Abschottung und Offenheit.

In einem anderen Film begleitet man einen Potsdamer Arbeiter in die Sowjetunion, er wirkt dort am Bau der Trasse „Drushba“ mit, aber er trifft auch Colette, ein schönes Sowjetmädchen und den FDJ-Sekretär Eberhard Aurich. „Der hat seine Reden gehalten, dass alles in rosa Blüten war, wir wussten ja nicht, dass die DDR schon längst pleite war“, hört man aus dem Off die heutige Stimme des Einreichers.

Man kann sich in dem Material verlieren, über Stunden. Wenn man zum Beispiel in der Suchmaske „Eisenhüttenstadt“ eingibt, landet man bei Bildern einer Hochzeit. Die Frau trägt ein weißes Kostüm und einen weißen Schleier, er einen schwarzen Anzug, im Hintergrund sieht man den ersten Wohnkomplex. Man begleitet die beiden zur Feier, sie küssen sich innig, ohne sich von der Kamera beeindrucken zu lassen.

In der Kaserne

Man klickt weiter, zu mehr Filmen der Familie, und landet unter dem Weihnachtsbaum, wo ein Kleinkind einen Kuschelhasen hält, den man selbst auch hatte. Die Filme lösen Erinnerungsschleifen aus und fördern schon verloren Geglaubtes wieder zu Tage. Und es sind ja nicht nur Gegenstände wie ein Kuschelhase, sondern auch die Mode, die Blicke, die Körperhaltungen, die Form der Gesichter, die einen an früher erinnern.

Wenn man bedenkt, dass heute jede Influencerin mit einer Handy-Kamera vor der Nase herumläuft, wirken die Schmalfilme vielleicht nicht allzu besonders. Aber anders als die Videos heute waren die Filme damals nicht zur Veröffentlichung bestimmt, das macht sie ungleich intimer. Unmittelbarer. „Manche Filme haben eine unglaubliche Qualität, erinnern fast an die French Noveau“, sagt der Politologe Laurence McFalls. Sein Lieblingsfilm sind Sequenzen, in denen ein junger Mann mit Zigarette in der Hand den Dandy gibt, aufgenommen in einer NVA-Kaserne.

Wenn man die NVA und die Grenzanlagen wegnimmt - hätten die Aufnahmen auch so im Westen gemacht werden können? War das Alltagsleben in den beiden deutschen Staaten gar nicht so verschieden? In der Bundesrepublik gab es 1980 ja ein ähnliches Projekt, von Udo Kier, „Deutschland Privat“ hieß der Film.

Der Filmemacher Herskovits, der als Junge in West-Berlin lebte, sagt, es gebe Ähnlichkeiten, aber die Werte hinter den Aufnahmen seien sehr verschieden. „Im Westen war man eher drauf bedacht, seine Statussymbole zu zeigen, sein Auto, seinen Urlaub auf Mallorca. Das fehlt im Osten. Da machten alle Urlaub an der Ostsee.“

Adresse des Archivs: open-memory-box.de