Ein bisschen schlucken muss man dann doch. Immerhin wurde da gerade ein Mensch gevierteilt. Das war gottlob nicht zu sehen, irgendwann hält jemand aus der Räuberschar ein abgetrenntes Bein in die Höhe, ein anderer einen Arm, ein dritter schließlich den Kopf. Man sieht, dass es die Teile einer Puppe sind, auch von Blut weit und breit keine Spur. Ein Trauma wird hier niemand davontragen. Und doch wird es ein bisschen stiller an diesem sonst kalauerreichen, zum Ende hin sehr lustigen Nachmittag.

Heitere Gewalt ohne Blutvergießen: Es ist nicht das einzige Mal in der Kinderoper „Ali Baba und die 40 Räuber“, die am Sonntag in der Komischen Oper uraufgeführt wurde, dass der Zuschauer sich an einen Zeichentrickfilm erinnert fühlt. Matthias Davids tut mit seiner Inszenierung jedenfalls alles, um die kleinen Zuschauer bei Laune zu halten. Vielleicht hat man sogar panische Angst, die Aufmerksamkeit der Kinder zu verlieren.

Umgang mit dem Reichtum

So oft wie hier „huh“ und „ha“ geschrien wird, so sehr wie die Darsteller und Sänger sich biegen, wie sie grimassieren und dröhnlachen. Dass Ali Baba eine auch für Kinder verständliche Parabel ist auf den Umgang mit Reichtum – verkörpert in einer klugen, grundsympathischen Hauptfigur –, gerät im ständigen Possenreißen ein wenig in den Hintergrund. Das schreibt natürlich ein Erwachsener. Einer, der glauben mag, dass man Kinder bei der Stange halten könnte, ohne ununterbrochen Bühnenstaub aufzuwirbeln. Der begeisterte Applaus am Ende gab der Aufführung jedoch Recht.

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Und es gibt tatsächlich einen Haufen gelungener Einfälle zu erleben. Ali Babas Gefährte etwa (Daniel Drewes), ein Papageno in Eselausführung, der die komische Figur mimt. Ein Räuberhauptmann (Carsten Sabrowski), der ordentlich herumpoltert und dabei doch das Böse in liebenswerter Form ist. Man darf sich als Zuschauer auch freuen über eine ziemlich elegante Lösung für das leibliche Ende der 40 Räuber. Wo im Originalmärchen die kluge Magd eben mal heißes Öl in die Schläuche füllt, in denen sich das lichtscheue Gesindel versteckt, wird auf der Opernbühne sogenanntes „Schlafpulver“ über den Räubern ausgestreut.

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Räuber, die in diesem Fall außerdem gar nicht so übel sind, schließlich werden sie vom begeistert johlenden Kinderchor der Komischen Oper dargestellt, Turbane auf dem Kopf, Krummsäbel geschwungen. Sie sitzen am Ende auch nicht in Schläuchen, sondern – Clou der Aufführung – in Öltonnen mit Sehschlitzen. Und der Räuberhauptmann hat sich als Ölscheich mit schwarzer Sonnenbrille und Arabertuch verkleidet, um zu Ali Baba vorzudringen, dem Mitwisser seines Passwortes.

Mit orientalischem Geschmack, aber ohne Morgenland-Kitsch wird das in Szene gesetzt. Die Bühne ist wenig mehr als ein riesiger Teppich, der von buntem Personal bevölkert wird. Gleich zu Beginn ist ein opulentes Markttreiben zu sehen, bei dem orientalische und neuköllner Basarform aufeinandertreffen. Gewürze werden ebenso feilgeboten wie Blechkram und Klobürsten. Der Chor der Marktleute singt türkisch.

Der etwas andere Hintergrund

Was allerdings die Ausnahme bleibt. Für eine deutsch-türkische Kinderoper ist man sogar erstaunt, wie wenig türkisch zu hören ist, und dass auch selten nur erkennbar orientalisches Kolorit aus dem Orchestergraben dringt. Das Verhältnis zwischen deutschen und türkischen Anteilen entspricht in etwa der Zusammensetzung des Publikums dieser Premiere: Migrationshintergrund meist eher Süddeutschland.

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Für seine Musik hat der in Berlin lebende Saz-Virtuose und Komponist Taner Akyol türkisches Instrumentarium zum klassischen Orchester hinzugefügt. Eine Zurna, die türkische Oboen-Schalmei, sitzt mit im Orchestergraben,wie auch eine Saz und die dumpf dröhnende Rahmentrommel. Schade nur, dass diese Instrumente so selten hervortreten. Und wenn doch einmal, dann wird es hinreißend, wie bei der Eingangsmusik zum zweiten Akt.

Ansonsten schreibt Taner Akyol eine Musik, die sich dezent dem Treiben auf der Bühne unterordnet, eine Art atonales Hintergrundrauschen, das die Dirigentin Kristiina Poska exzellent organisiert. Selten nur stellt sich eine neue Klangfarbe ein, auf ein Instrumentalsolo wartet man vergeblich. Es ist, als fürchte Akyol eine zu orientlastige Klangsprache. Und dabei, so der Eindruck, verliert seine Musik doch viel Sinnlichkeit. Wie herrlich, als zum Schlussapplaus ein türkischer Tanz aus dem Graben dröhnt. Saftig, lebensfroh, üppig klingt das, der Saal klatscht begeistert mit. Warum nicht mehr davon?

Wieder: 3., 8., 12., 28., 30.11.; und 9., 14., 20., 26.12., Tel. 47997400