Gianni Versace hatte etwas übrig für griechische Mythologie. Der Gründer des gleichnamigen Modeunternehmens, der es wie kein zweiter verstand, sexuelle Anziehung als Glücksformel zum gesellschaftlichen Prinzip zu erheben, wählte als sein Logo den Kopf der Medusa.

Dieser hängt denn auch übergroß an der Bühnenwand in der Tischlerei, dem Schauplatz für Experimentelles der Deutschen Oper. Alles ist schrill und laut, der Zuschauer hat Mühe, nicht zu Stein zu erstarren. „Ihr Geruch ist ein Kerker, der Schrei der Schlange, der das Leben aussaugt“, wird da gesungen. Und: „Sex mit ihr ist ein teuflisches, nie endendes Spiel.“ Damit ist auch schon der Charakter von „Gianni“ umschrieben, der ersten Oper der klassisch-elektronischen Berliner Musiker  von Brand Brauer Frick und dem Künstler und Regisseur Martin Butler, die am Sonnabend in der Tischlerei Premiere feiert.

Aufstieg und Fall

Glanz, Begierde, Jugend, Schönheit und all das als Produkt, Aufstieg und Fall: Diese Themen werden vor dem Hintergrund von Leben und Tod von Gianni Versace verhandelt.

Martin Butler, der auch als Konzeptentwickler in der Modewelt arbeitet, hat das Libretto geschrieben. Brandt Brauer Frick  fingen bereits an, an der Musik zu werkeln, bevor es einen Text gab, geschweige denn, bevor das Konzept für „Gianni“ feststand. Später dann kam die Feinarbeit mit den  Sängern.  „Wir haben das erste Mal vor  drei Jahren mit Martin Butler über die Oper gesprochen“, sagt Daniel Brandt, der den Synthesizer und allerlei andere Instrumentierung verantwortet. „Mit Versace hatten wir uns bis dahin nicht beschäftigt“, so Paul Frick.

Brandt Brauer Frick stehen als Quartett auf der Bühne, ergänzt um den Schlagzeuger Matthias Engler. Trommeln, eine E-Gitarre und jede Menge Kabel und Knöpfe sind um die vier herumdrapiert. Der Sound ist treibend, bedrohlich. Brandt Brauer Frick sind eingetaucht in für sie neue Genres. „Das Ganze hat etwas von  Trap und Electro Boogie“, sagt Paul Frick. Dazu findet das „Voguing“ statt; jener Tanz, der seine Blüte in der schwulen Subkultur der 80er-Jahre  erlebte und gerade eine kleine Renaissance feiert, wird in „Gianni“ integriert. Es gibt Szenen, in denen die Figuren wie auf einem Laufsteg auf und abschreiten, überakzentuiert die Schultern bei jedem Schritt hochziehen, kurz innehalten, posen, sich auf den Boden werfen. „Für uns war das neu, aber sehr eindrucksvoll“, so Jan Brauer.

Jugend kennt keinen Tod

Im Zentrum der Bühne steht eine Treppe, auf den Stufen antike Muster, links und rechts sind Leuchtröhren, die etwas Tempelhaftes haben, gleichzeitig aber einen Laufsteg abgrenzen. Rechts ist eine Bar, an der gelegentlich die Sängerin Claron McFadden als Pythia steht und ihre Stimme erhebt: „Jugend kennt keinen Tod.“ Das kontrastiert mit dem mantraartig wiederholten Satz: „Mit 16 verehren sie dich, mit 22 interessieren sie sich nicht mehr für dich.“ Eine heftige Bitterkeit bekommt dies, wenn Amber Vineyard, eine andere Tänzerin und Sängerin, wie in einem Bootcamp ihren Schützlingen beim Voguing einpeitscht, Brandt Brauer Frick legen dann noch mal einen drauf und ballern los.

„Es wird noch etwas kraftvoller“, sagt Jan Brauer freudig. „Die Anlage war uns zu klein und gerade eben ist die neue, große angekommen.“ Kurz vor der Premiere wird noch mal aufgerüstet, damit „Gianni“ auch ja ein Sinneserlebnis mit Schuss wird.

Düsternis, Sex und Götzenverehrung

Das ist  das Stichwort, Gianni liegt vor den Treppen, so wie vor seiner Villa in Miami Beach, wo der Modezar am 15. Juli 1997 von dem 27-jährigen Callboy Andrew Phillip Cunanan erschossen wurde. Aufstieg und Fall, Düsternis, Sex und Götzenverehrung, da sind die Themen wieder, mit denen die Macher, wie Gianni Versace selbst, einen Bogen zur griechischen Mythologie spannen. Medusa als eine der drei Gorgonen  verkörpert  Gefahr. Mit ihren Schlangenhaaren löst sie Ekel aus, allerdings hat sie jenes Äußere nur verpasst bekommen, weil Athene sie beim Sex mit Poseidon überraschte, Medusa war eine Schönheit. Was für eine poetische Tiefe für ein Mode-Logo und was für ein Bild für die Modewelt!

Gianni: Oper in zwei Teilen von Brandt Brauer Frick und Martin Butler, Tischlerei der Deutschen Oper Berlin. Uraufführung: 1. Oktober, 20 Uhr; weitere Vorstellungen: 2., 7., 8., 12., 13., 14. und 15 Oktober.