Berlin ist nicht nur Opernhauptstadt, sondern darüber hinaus auch Hauptstadt des konzertanten Opernmusizierens. Vor kurzem erst ging beim Rundfunk-Sinfonieorchester der große Wagner-Zyklus zu Ende, in dessen Verlauf sämtliche Opern des Meisters konzertant in der Philharmonie aufgeführt wurden. Die Philharmoniker führen jährlich auch zu Hause noch einmal vor, was bei ihrem Abstieg in den Orchestergraben bei den Osterfestspielen, jüngst in Baden-Baden, herausgekommen ist. Und dann sind da die Opernhäuser selbst, die ihren Spielplan mit szenebefreiten Aufführungen aufhübschen.

Wie aufregend und wertvoll es sein kann, allein die Wagner’sche Musik ins Zentrum der Aufführung zu rücken, zeigten die Abende mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester. Ähnlich aufregend kann es sein, wenn ein außergewöhnliches Konzertorchester wie die Berliner Philharmoniker Werke frisch abhört, deren Musik im komplexen Betrieb des Opernalltages häufig ein wenig unter die Räder kommt.

Es gibt allerdings auch konzertante Aufführungen, die vor allem dazu dienen, dem Publikum Sängerstars zu präsentieren. Dazu gehörte die Aufführung von Donizettis „Lucrezia Borgia“ am Sonnabend in der Deutschen Oper. Ein Zuckerstück für alle Belcanto-Enthusiasten, besonders auch weil Edita Gruberova, gerne mit dem Ehrentitel „Nachtigall“ ausgestattet, die Titelrolle übernahm.

Kluger Umgang mit der Stimme

Über das Alter reiferer Damen sollte man ja eigentlich schweigen. Bei Gruberova erübrigt sich diese Zurückhaltung, weil ihre Stimme so erstaunlich jung geblieben ist. Oder liegt ihr Geheimnis einfach darin, dass sie mit ihren 66 Jahren so unendlich klug mit ihrer Stimme umgeht? Sie weiß sehr genau, was sie sich zumuten kann und was nicht. So wird man ein heftiges, dramatisches Forte von ihr an diesem Abend nicht hören. Stattdessen übt sie sich fast schon demonstrativ im Leise- und Leisestsingen, die Koloraturen sind ihr kein Virtuosenfutter, sondern musikalische Verdichtungen, denen sie sich mit zärtlicher Sorgfalt widmet.

Es ist eine mütterliche, introvertierte Lucrezia Borgia, die ihr dabei gelingt – und das passt besonders im ersten Akt ausgezeichnet. Schließlich ist Lucrezia in dieser Oper nicht nur die Dame aus dem berüchtigten Borgia-Clan, die etwas fahrlässig mit Gift hantiert, sondern vor allem auch Mutter, die ihren Sohn sucht, findet und ihn später versehentlich gemeinsam mit seinen Freunden tötet.

Knarzende Bodenbretter

Aus Sicht des Sohnes Gennaro hat diese Handlung schon freudsche Dimensionen: der Sohn, dem die Mutter von Geburt an unbekannt ist, der sich in sie verliebt, als er sie trifft, ohne zu wissen, dass es sich um seine Mutter handelt, der auf die Borgias schimpft, bis er erkennen muss, dass er selbst ein Spross der verhassten Familie ist. Und dann wird er auch noch von seiner Mutter getötet – weil das Gegengift bei all der Vergifterei nebst anschließender Rettung knapp geworden ist.

Es ist eine Oper, in der sehr viele Männer mit sehr geblähter Brust herumlaufen. Neben Lucrezia Borgia gibt es nur noch eine einzige weitere Frauenstimme, und die spielt eine Hosenrolle: Orsini, Gennaros Freund, kultiviert und geschmeidig gesungen von Jana Kurucovà. Aus der Männerriege ragen Alex Esposito als Don Alfonso heraus – sehr grimmig und ebenso dröhnend – und Pavol Breslik als sensibler, stimmlich extrem aufpolierter Gennaro.

Das Orchester macht während des gesamten Abends kein großes Aufhebens um sich. Den energischsten Moment hatte Dirigent Andriy Yurkevych bei seinem ersten Gang auf die Bühne, als man die Bodenbretter von seinem wilden Schritt knarzen hörte, noch bevor man seiner ansichtig wurde. Am Pult verlor sich diese Wildheit leider ziemlich schnell.

Noch einmal am 1. Mai, 18 Uhr