Kammersänger Peter Schreier starb im Alter von 84 Jahren.
Foto: dpa/Hendrik Schmidt

DresdenEr war einer der führenden lyrischen Tenöre des 20. Jahrhunderts. Peter Schreier wurde weltweit gefeiert. Auch nach seinem Abschied von Opern- und Konzertbühne nach Jahrzehnten voller Stress und Druck mit 65 Jahren war sein musikalischer Rat als Dirigent und Lehrer weiter gefragt. In den letzten Jahren aber war es still um ihn geworden, er musste immer wieder sein Zuhause am Dresdner Elbhang mit dem Krankenhaus tauschen. Am ersten Weihnachtsfeiertag ist Peter Schreier nach langer Krankheit im Alter von 84 Jahren in Dresden gestorben.

Wen Tenöre schreckten und nun gar die drei, wer also davon lief vor der großen Show und dem Gepresse und Gewürge der umjubelten Tenöre der   westlichen Welt, der floh zu Peter Schreier. Der ließ sich von ihm eine der schönsten Arien der Opernliteratur immer wieder vorsingen. „Un aura amorosa“, die Arie des Ferrando aus Mozarts „Così fan tutte“. Zärtlicher als Schreier hat das keiner gesungen.

Auf Youtube kann man mehrere Einspielungen hören. Wenn Sie keine Platte, keine CD haben, gehen Sie an den Computer und hören Sie die Einspielung mit Otmar Suitner und der Staatskapelle Berlin aus dem Jahre – wenn ich mich nicht täusche – 1968.

Die Beweglichkeit von Schreiers Stimme nahm mich damals sofort gefangen. Aber noch mehr nahm mich etwas ein, was ich erst später als Peter Schreiers Intelligenz erkannte.

Er sang, als sei es das Natürlichste der Welt

Er wirkte immer ein wenig unbeholfen, ein Buchhalter unter Künstlern. In Wahrheit war er einer der größten in einem der showträchtigsten Gewerbe der Welt. Er sang an allen großen Bühnen, und er gab atemraubende Liederabende, und immer sang er, als sei es das Natürlichste von der Welt. Die Töne kamen scheinbar ohne jede Anstrengung. Sie flossen ihm aus dem Mund wie Wasser aus einer glücklichen Quelle.

Jeder, der auch nur etwas Ahnung davon hat, dass Singen ein Hochleistungssport ist, weiß, wie viel kunstfertiger Verstand notwendig ist, um den Eindruck dieser vollkommenen Natürlichkeit herzustellen. Wie viel Disziplin, um das über Jahrzehnte leisten zu können.

Am 29. Juli wurde Peter Schreier in Meißen geboren. Am ersten Weihnachtsfeiertag starb er nach langer Krankheit in Dresden. Dort war er 1945 Mitglied des Kreuzchores geworden. Schon damals wurden für den Knabenalt Solopartien komponiert, damit er zeigen konnte, wozu er in der Lage war. 1961 wurde er Ensemble-Mitglied an der Staatsoper Dresden. Schon 1963 wechselte er nach Berlin. Seit 1967 sang er ein Vierteljahrhundert bei den Salzburger Festspielen. Immer wieder an der Mailänder Scala, an der Met.

Auf Bühnen von Mailand bis New York

Ich hörte ihn übrigens zu allererst in Karl Böhms Bayreuther „Tristan“ aus dem Jahr 1966. Und ich habe sein: „Westwärts schweift der Blick“ immer noch im Ohr. Sein „Frisch weht der Wind der Heimat zu, mein irisch Kind, wo weilest Du“ singe ich mir immer wieder – gerne auch parodierend zu. Ich wusste damals nicht, dass ich Peter Schreier zuhörte. Aber so offen, so gänzlich unverknödelt habe ich diese paar Klänge nie wieder gehört. Jedenfalls bilde ich mir das ein. Erinnerungen trügen auch gerne, und die frühe jugendliche Begeisterung könnte widerlegt werden.

Natürlich war Peter Schreier kein Wagner-Sänger. Aber wie gerne sind wir ihm durch die Matthäuspassion gefolgt. Diesem frohgemuten Andante des „Ich will bei meinem Jesu wachen …“ Wie er in die Höhe geht und wie er dann wieder hinunter kommt. Falsches Tempus. Peter Schreier ist tot. Es gibt auf Youtube auch eine Matthäuspassion, bei der er Chor und Orchester der Accademia Santa Cecilia dirigierte.

Die „Winterreise“ hat er immer wieder gesungen. Es gibt eine sehr späte Einspielung. Immer wieder sackt ihm die Stimme weg, er kann die Töne halten, aber nur noch über sehr kurze Strecken. Mit allem ihm zur Verfügung stehenden Geschick verteidigt er jeden Ton. Die Anfänge geraten ihm immer ein wenig zu auftrumpfend, im Verlauf der Strophe verliert er die Luft und er verschwindet. Peter Schreier gelang damals ein tränentreibendes Meisterstück. Sein Vermögen reichte so weit, auch noch sein Unvermögen – ein böses, ein falsches Wort – als Ausdrucksmittel zu nutzen. Schuberts „Winterreise“ erzählt vom Zerbrechen der Kraft. Schreier führt es uns vor. Unfassbar großartig.