Nur ein glücklicher Vogel singt“, sagte die große schwedische Opernsängerin Birgit Nilsson. Und so schön und grandios, wie sie gesungen hat, muss sie sehr glücklich gewesen sein. Sie sang, dass ihr niemand und auch nichts widerstehen konnte. Als bei einem Konzert in Teheran das Orchester ungewöhnlich stark besetzt war, musste sie dermaßen laut werden, dass dabei ihre Ohrringe aus goldgefassten Türkisen zersprangen. Sie war sowieso für die brillante Dynamik und vokale Exzellenz ihres Gesanges bekannt, aber ein solcher Kraftakt war selbst für sie ungewöhnlich.

Und das ist keine Legende. Zu bestaunen sind diese „zersungenen“ Ohrringe in einer Vitrine in ihrem Elternhaus in Südschweden, das zu einem überaus ansprechenden, anschaulichen und charmanten Museum umgebaut wurde. Dort kann man sie immer noch betrachten, wenn sie nicht gerade gegen andere Fundstücke aus ihrem Nachlass ausgetauscht wurden, denn die Ausstellung wird jährlich thematisch neu ausgerichtet.

Gefeiert wie eine Pop-Ikone

Bodenständig ist der Begriff, der gern in Bezug auf Birgit Nilsson fällt, obwohl sie zu den berühmtesten Sängerinnen der Welt zählte, ständig unterwegs war und von allen hofiert wurde, die Rang und Namen hatten. Trotzdem verlor sie nie den Kopf, ließ ihn sich auch nicht verdrehen. Umflorte etwa Maria Callas generell etwas Tragisches und Kapriziöses, erfüllte sich Birgit Nilssons exorbitante Begabung in dem, was sie tat. In ihrem Fall kamen Wille und Vorstellung, Traum und Realität, Kunst und Leben zur Deckung.

Sie eroberte die größten Opernhäuser und wurde gefeiert wie eine Pop-Ikone, ob in Stockholm, Wien, Paris, Mailand, Chicago oder Buenos Aires. Denn bei ihr musste man nie fragen, ob sie ihre Partien durchhalten würde, sie tat dies makellos, unangestrengt und kunstvoll. In der Chicago Tribune wurde sie einst mit den Worten bejubelt: „Wenn man einmal Birgit Nilssons klare Sopranstimme gehört hat, dann vergisst man sie nie wieder. Es ist eher eine Naturgewalt als eine Stimme.“

Voller existenzieller Freude

Birgit Nilsson liebte das Rampenlicht und den Energieaustausch mit dem Publikum, weshalb sie Live-Einspielungen den Aufnahmen in der sterilen Atmosphäre eines Studios vorzog. Trotz ihres Ruhms und ihrer herausgehobenen Position sind von ihr keine Skandale oder Zickigkeiten überliefert, keine dramatischen Absagen oder Männergeschichten. Mit dem Tierarzt und späteren Unternehmer Bertil Niklasson verbrachte sie 57 glückliche Jahre, die Ehe blieb kinderlos.

Das Singen muss für sie ein so natürlicher Vorgang gewesen sein wie für andere Leute vielleicht das Schwimmen und ein Genuss nicht ohne Arbeit, aber voller existenzieller Freude. Es gibt wunderbare Fernsehmitschnitte von Aufführungen und Konzerten, in denen man Birgit Nilsson beim Singen zuschauen kann, wie sie jeden Buchstaben, jede Note präzise ausformt, wie sie die Komposition mit unendlicher Konzentration wahrhaftig und konzise gestaltet.

„Ich bin ein Bauernmädchen aus Skåne“

Sie wollte sowohl inhaltlich wie auch im musikalischen Zusammenhang verstehen, was sie da eigentlich zu singen hatte – und dass sie es wusste, merkte man in jeder Sekunde. Birgit Nilsson kam als Kind vom Land in die internationale Hochkultur und wurde – immer ohne Manager – zu einem Weltstar. Mit Geschick und Chuzpe sorgte sie dafür, dass sie eine mindestens ebenso hohe Gage erhielt wie der am jeweiligen Opernhaus am besten bezahlte Tenor, weil sie fand, dass sie für das Gelingen einer Aufführung und den Verkauf der Karten nicht weniger als er beitrug.

Solche Selbstvermarktung und solches Selbstbewusstsein war zu jener Zeit nicht üblich, was Birgit Nilsson indes nicht weiter scherte. Sie tat einfach das, was sie für richtig hielt, und betonte stets stolz ihre Herkunft, obwohl die zu Beginn ihrer Karriere durchaus gegen sie verwendet wurde: „Ich bin ein Bauernmädchen aus Skåne.“

Entdeckt im Kirchenchor

Geboren wurde Birgit Nilsson am 17. Mai vor hundert Jahren in der südschwedischen Provinz im Dörfchen Västra Karup. Es ist winzig und abgelegen und gewiss kein kultureller Hotspot. Wie mag sich die akustische Situation damals dort dargestellt haben, was war zu hören? Bestimmt kein Radio oder Fernseher, höchstens die Kirchenglocken, die Kühe, Schafe, Ziegen, Pferde, Hühner, Möwen, und nach ein paar Schritten das Meer. Oder eben die eigene Stimme. 

Birgit Nilsson, von der es hieß, sie habe gesungen, noch ehe sie sprechen und laufen konnte, war Mitglied in einem Kirchenchor, wo ihr Talent entdeckt wurde. An der Musikakademie in Stockholm trieb man ihr mit einer falschen Technik fast die Stimme und die Freude am Singen aus, doch bewahrte sie sich das Vertrauen in ihr Potenzial, wechselte den Lehrer und konnte sich zu der legendären Ausnahmekünstlerin entwickeln, die in ihr steckte. Sie hatte ein absolutes Gehör und ein fotografisches Gedächtnis, was es ihr erleichterte, schnell und viel zu lernen.

Bühnenkarriere währte 38 Jahre

Und sie hatte Humor und Ironie, wie zahlreiche Anekdoten, Bonmots, ihre Autobiografie „La Nilsson – Mein Leben für die Oper“ (1995) und unzählige Fotos belegen, auf denen sie fröhlich und unbeschwert lacht. Wie genau sie ihr Repertoire einzuschätzen wusste, belegt dieses Aperçu: „Wagner hat mich berühmt gemacht und Puccini hat mich reich gemacht.“ Sie hinterließ ein stattliches Vermögen, aus dem alle zwei bis drei Jahre der Birgit-Nilsson-Preis vergeben wird, mit einer Million Dollar der am höchsten dotierte Musikpreis überhaupt. 

Birgit Nilssons sagenhafte Bühnenkarriere währte 38 Jahre. Nach ihrer Isolde 1957 bei den Bayreuther Festspielen galt sie als weltweit führende Sopranistin für die Werke Richard Wagners. Zur „Queen of the Wagnerians“ adelte sie 1971 die Herald Tribune. Ihr Repertoire umfasste neben dem deutschen Fach und den herausfordernden Rollen eines Richard Strauss (Salome, Elektra, die Färberin) außerdem etwa das italienische Fach.

„Es ist herrlich, zu singen!"

So war sie die erste nicht-italienische Sängerin, die eingeladen wurde, die Saison der Mailänder Scala zu eröffnen, und zwar 1958 mit „Turandot“. Die mit 23 Minuten nicht lange, dabei immens schwierige Titelpartie sang sie zum Beispiel ebenfalls an der Deutschen Oper Berlin – und wurde dort einmal mit sechzig Minuten Applaus und 63 Vorhängen belohnt. 

Über den Moment kurz vor dem Auftritt, wenn der Vorhang geschlossen ist, aber sich der Saal schon gefüllt hat, sagte Birgit Nilsson: „Es ist Zeit, alles zu geben und sich mithilfe des Publikums zu großen Taten aufzuschwingen. Alle trivialen Sorgen sind wie weggeblasen. Es ist herrlich, zu singen! Gibt es einen schöneren Beruf als meinen?“ Das verhieß also auch der Hörerschaft – und verheißt es dank vieler Tonaufnahmen noch heute, was Adorno als das Versprechen wie den „uralten Einspruch der Musik“ bezeichnete: „Ohne Angst leben.“