Siebenundsiebzig Jahre, nachdem seine Familie aus Nazi-Deutschland nach England floh, ist der britische Historiker Orlando Figes deutscher Staatsbürger geworden. Er wolle kein Brexit-Brite sein, verkündete er. Zunächst will er trotzdem in London bleiben.

Sie haben über Twitter bekanntgegeben, dass Sie die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen haben. Wie kam es zu Ihrer Entscheidung?

Der Brexit ist ganz eindeutig der Grund dafür. Es ist eine pragmatische Entscheidung, die ich für mich und meine Kinder treffe. Als Deutsche werden wir weiterhin in der Lage sein, in Europa zu leben, zu arbeiten und zu shoppen. Der harte Brexit, der auf uns zukommt, wird in dieser Hinsicht für Probleme sorgen. Außerdem fühle ich mich als Europäer. Ich wurde 1959 geboren, lebte als britischer Europäer, ich spreche fünf Sprachen, habe ein Haus in Italien, wo ich ziemlich viel Zeit verbringe, ich reise frei durch Europa, lebe im Zentrum Londons, einer kosmopolitischen Stadt mit einer Menge Europäer. Und ich teile mit diesen Leuten den Dissens über die Richtung, die dieses Land nun einschlägt. Und ich will nicht durch eine Politik bestimmt werden, die uns von der tiefen Integration mit Europa immer weiter entfernt, die wir erreicht haben. Viele Bekannte und Freunde würden vermutlich gerne dasselbe tun.

Wie können Sie denn überhaupt Deutscher werden?

Nach dem deutschen Grundgesetz Artikel 116, Absatz 2 können Juden und andere Nationalitäten die deutsche Staatsbürgerschaft wiedererlangen, die ihnen von den Nationalsozialisten entzogen worden ist. Meine Mutter wurde im Jahr 1932 in Berlin geboren und emigrierte 1939 mit ihren Eltern und ihrem Bruder nach London. Sie ließen ihre Großeltern in Berlin zurück, wo sie bis 1942 überlebten. Im Frühjahr 1942 wurden sie in das Zwangsarbeiterlager Trawniki deportiert, wo sie erschossen wurden. Meine Urgroßmutter überlebte in Berlin bis zum Krieg. Andere Angehörige der Familie meiner Mutter flohen nach Amerika. Mein Großvater väterlicherseits wollte im Krieg gegen die Deutschen kämpfen und ging aufseiten der Alliierten in den Krieg. Er landete 1944 in der Normandie. Er agierte als Übersetzer für die Einheiten, die deutsche Offiziere gefangen nahmen. Er wurde in Großbritannien eingebürgert. Nun benötigen wir seine Papiere, um die Einbürgerung voranzubringen, die deutsche Botschaft war bislang sehr hilfreich. Meine Schwester und ich stellen die Anträge für die Einbürgerung.

Wollen Sie auch in Deutschland leben und vielleicht auch an einer deutschen Universität lehren?

Das ist nicht Teil des Plans, aber warum nicht? Ich mache meinen Job jetzt, wo ich bin, am Birkbeck College in London. Aber warum nicht? Ich habe jetzt einen Job in London, meine Kinder sind hier. Allerdings werde ich nicht meine britische Staatsbürgerschaft abgeben, denn wenn ich es täte, könnte ich Probleme bekommen, hier zu arbeiten. Besonders wenn das Resultat der Brexit-Verhandlungen wäre, dass Europäer hier nur mit Genehmigung leben könnten. Es gibt im Augenblick viele, die in meiner Lage sind. Einige wollen die irische oder deutsche Staatsbürgerschaft oder andere. Ich werde die Möglichkeit, in Deutschland zu arbeiten, auf jeden Fall nicht ausschließen.

Wie erleben Sie Deutschland, was denken Sie über das Land?

Sehr positiv! Wir erleben, dass das Parlament in Großbritannien für den Brexit stimmt. In den USA regiert nun Donald Trump. In anderen Ländern erleben wir ein Erstarken rechter Parteien. Da ist Deutschland im Augenblick ein Faktor der Stabilität. Deutschland ist eines der wenigen Länder, in denen es kaum Antisemitismus gibt. Die vielen Denkmäler in den Straßen Berlins zeugen von einer guten Aufarbeitung der Geschichte des Nationalsozialismus. In Großbritannien wurden Minderheiten bislang toleriert. Doch der Brexit schließt bestimmte Gruppen aus, und er schürt Hass und Rassismus.

Sie fühlen sich mehr als ein Europäer denn als Brite oder Deutscher? Was erwarten Sie für Europa in Zeiten von Trump, Brexit und Putin. Sind es gefährliche Zeiten?

Ja, ich fühle mich als Europäer. Und in der Tat sind es gefährliche Zeiten, in denen sich Europa befindet. Wir erleben eine Art Revolution. Die Art, wie der Populismus politische Führer wie Trump und Le Pen hervorbringt, die Kraft des Internets, die diese Fake News generiert, destabilisieren das Vertrauen in zuverlässige Informationsquellen. Auch die Institutionen wie etwa Gerichte, siehe USA, sind bedroht. Ich bin traurig über all diese Dinge. Es gibt Anlass zur Besorgnis, was gerade alles passiert. Das höchste Gericht, welches das Parlament am Brexit-Votum beteiligte, wurde von Teilen der Presse als Feind des Volkes erklärt. Und sollte etwa das House of Lords gegen das Brexit-Votum stimmen, gilt es sogleich in den Worten des Brexit-Ministers als unpatriotisch. Ich denke nicht, dass es als britischer Europäer unpatriotisch ist, sich für den Verbleib auszusprechen.

Das Gespräch führte Michael Hesse