Niemand gehe mehr ins Kino, jammert der Lichtspielbetreiber, und verschenkt schon seine Karten. Das Jahr 1962 hat andere Probleme, Stichworte: Kalter Krieg, atomare Bedrohung, die beginnende Bürgerrechtsbewegung. Vor allem hat es das Fernsehen. Einen sehr seltsamen Gast wird der gute Mann dennoch bekommen, auch wenn ihn im Dunkeln niemand bemerkt. Die Kreatur hat schuppige Haut, Schwimmhäute zwischen den Fingern und ganz offenkundig einen Sinn für das Schöne. Mit offenem Fischmaul betrachtet sie das bunte Geschehen auf der Leinwand, lässt sich bezaubern vom falschen Schein, bevor sie wieder verschwindet.

Vor zehn Jahren hätte sie sich selbst sehen können, als grässliches Ungeheuer, dem tapfere Forscher den Garaus machen. „Der Schrecken vom Amazonas“ hieß der Film, und es ist in jeder Hinsicht gut, dass der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro daraus etwas ganz anderes gemacht hat: eine Liebeserklärung nicht nur an das Kino, sondern mehr noch an das Unperfekte und weniger Schöne, das sich darin so selten wiederfindet.

Ein märchenhaftes Abenteuer für Erwachsene

„The Shape of Water“ nutzt das ganze Potenzial des alten B-Movie-Monsters, das immer anders war. Der Lagunenmensch, erstmals aufgetaucht 1952 unter der Regie von Jack Arnold, war eine Geburt der Natur, sinnlicher und verletzlicher als seine Universal-Studiokollegen Dracula oder Frankenstein. Wie eine Mischung aus King Kong und dem weißen Hai umschwärmte er eine schöne Frau, ohne in seiner eigenen Schönheit erkannt zu werden. Das wollte del Toro ändern, und es ist ihm prachtvoll gelungen.

Elisa (Sally Hawkins) heißt die unscheinbare Frau, die den Tanz der Amphibie annehmen wird. Stumm von Geburt an, wie die Kreatur, wohnt sie über jenem Kino und saugt dessen Sinneseindrücke in sich auf. Das Leuchten der Leinwand strahlt durch ihre Bodenritzen, sie kann gar nicht anders. Bei ihrem homosexuellen Nachbarn Giles (Richard Jenkins), ein glückloser Werbezeichner, sieht sie oft fern, Musicals haben es beiden angetan. Jeden Morgen badet sie, streng nach der Eieruhr, und masturbiert dabei ein wenig. Ein erstes Anzeichen dafür, dass dieses märchenhafte Abenteuer für Erwachsene bestimmt ist.

Eine finstere Welt, in der diese unwahrscheinliche Liebe gedeihen muss

Als Putzfrau arbeitet Elisa in einer mysteriösen Forschungseinrichtung, wo sie dem Kiemenmann erstmals begegnet. Der Amazonasfund ist ein Gefangener des Kalten Kriegs, wichtig vielleicht für die Weltraumforschung, Sowjetspione sind hinter ihm her. Der brutale Chef (herrlich exaltiert: Michael Shannon) indes sieht in ihm nur einen südamerikanischen Eindringling und malträtiert ihn mit Elektroschocks.

Schön – die ästhetische Allzweckvokabel ist gewissermaßen Dreh- und Angelpunkt des Films – ist für ihn sein neuer türkisfarbener Cadillac, aber gewiss nicht dieses gottlose Geschöpf aus dem Sumpf. Es ist eine finstere Welt, in der diese unwahrscheinliche Liebe gedeihen muss, aber eben dafür ist der oscargekrönte Schöpfer von „Pans Labyrinth“ nun mal Spezialist. Eine fulminante Sally Hawkins als Elisa und ihr glitschiger Seelenverwandter, im Latexanzug grazil verkörpert vom Schauspieler Doug Jones, werden zu einem Paar für die Filmewigkeit.

Eine solch eigenwillige Schöne hat man selten gesehen

Der Menschheit einen Dienst erwiesen hat del Toro schon im Vorfeld. Gespräche mit Universal, das sein „Dark Universe“ und damit auch den Amphibienmenschen gerne wiederbeleben würde, brach er wohlweislich ab. Der Vergleich mit dem zuletzt erschienenen Studio-Remake „Die Mumie“, ein lebloser Blockbuster mit Tom Cruise, zeigt das ganze Elend der gegenwärtigen Filmkultur. Mit gleich 13 Oscarnominierungen ist del Toros Erwachsenenmärchen nun vielleicht etwas überfrachtet. Fest steht aber auch: Einen derart offenen Angriff auf aktuelle Probleme wie Rassismus, Fremdenhass und Homophobie hätte man ihm bei einem Remake niemals erlaubt. In „The Shape of Water“ überwindet die Liebe sogar die eigene Gattung, und das ist alles andere als furchterregend.

Im Gegenteil, das polymorph-monströse Liebesspiel zweier geschundener Seelen, und dazu braucht es wohl wirklich einen Mexikaner in Hollywood, gehört zu den sensibelsten und ehrlichsten Darstellungen von Sexualität der jüngeren Filmgeschichte. Das meiste davon spielt sich unter Wasser ab, wie schon im Original. Aber diesmal erkennen die Partner einander und stellen die bekannte Matrix von „Die Schöne und das Biest“ auf den Kopf: Eine solch eigenwillige Schöne hat man selten gesehen, und ein derart schönes Biest schon gar nicht.