Dies ist ein Musical-Film. Das sei dem Zuschauer deutlich angezeigt, um Missverständnissen vorzubeugen. Das heißt, in „Les Misérables“ wird die Handlung gesungen. Es gibt vielleicht zehn gesprochene Sätze in den gut zweieinhalb Stunden, ansonsten transportiert sich der gesamte Inhalt über Töne und Reime. Das sollte wissen und am besten auch mögen, wer sich für den Kinobesuch entscheidet. In Musical-Filmen wie „Chicago“ oder „Moulin Rouge“ versuchten die Macher entschlossen, dem Gesang eine Bühne zu bereiten, ihn abzusetzen von der Handlung, damit es nicht zu Irritationen kommt. „Les Misérables“ aber ist ein durchkomponiertes Stück wie eine Oper, es kennt keine Scheu. Hier wird alles gesungen, und zwar live, nicht wie üblich nachsynchronisiert, daher mit deutschen Untertiteln.

Also, wenn Hunderte angekettete Sträflinge hüfttief in rauer See stehen und qualvoll mit Muskelkraft ein gewaltiges gekentertes Segelschiff aus dem Meer ziehen, nähert sich die Kamera aus der Vogelperspektive, kommt einem Sträfling immer näher, lässt sich schließlich auf seinem ausgezehrten, dreckigen, harten Gesicht nieder – und dann macht der Mann den Mund auf und fängt an zu singen. Selbst mit Vorwarnung hat dieser Moment eine ziemlich bizarre Anmutung.

Vor allem lenkt er ab von dem unglaublichen Panorama mit den historischen Schiffen, für das im britischen Portsmouth eigens ein Trockendock geflutet wurde. Der Film trumpft auf wie die erste Hollywood-Liga, er hat 61 Millionen Dollar verbraucht und konnte sich neben so einem Hafen auch jeden Star leisten, den er wollte. Dazu zählt der Oscar-Preisträger Tom Hooper („The King's Speech“) als Regisseur. Mehrere Oscar-Nominierungen sind dem Film sicher.

Komplizierte Handlung

Auf die Reime zu hören, ist vorteilhaft, die Filmhandlung erklärt sich mitnichten von selbst. Sie folgt dem Roman von Victor Hugo, der ein großes Sittenbild von Armut und Aufbegehren zeichnet, spielt auf drei Zeitebenen zwischen 1815 und 1832, der Niederschlagung des Pariser Juniaufstands, und stattet die Figuren mit starken Charakteren aus.

Im Mittelpunkt steht der Häftling Jean Valjean (Hugh Jackman), der den Diebstahl von einem Stück Brot und mehrere Fluchtversuche mit neunzehn Jahren Kettenhaft büßt. Er bleibt auch danach ohne Chance auf redlich verdientes Brot, bis ihn unerwartet ein Bischof reich beschenkt und ihm einen Neuanfang ermöglicht, nun als gottesfürchtiger honoriger Mann.

Unter falschem Namen wird aus dem Sträfling ein philanthropischer Fabrikant und angesehener Bürgermeister, der aber bis zum Lebensende von seinem einstigen Aufseher gejagt wird, von Polizeiinspektor Javert.

Zur Vorstellungskraft dieses ebenfalls aus ärmlichen Verhältnissen emporgestiegenen Inspektors gehört es nicht, dass aus einem Häftling ein ehrbarer Mensch werden kann. Am Ende streckt der einstige Häftling seinen Gegner mit einer sehr besonderen Waffe – mit gnadenloser Anständigkeit. Der Inspektor stürzt sich in die Seine: Er konnte Valjean nicht wieder in Ketten legen. Aber er konnte das auch nicht lassen.

Bühnenstück Maß aller Dinge

Das wäre eine Geschichte von Recht und Gerechtigkeit, wie sie etwa Bille August 1998 mit seiner Roman-Verfilmung ansteuerte. In Hoopers Film dagegen ist allein das Bühnenstück Maß aller Dinge. Es erlaubt keinen neuen Blick auf die alte Geschichte. Mit 62 Millionen Zuschauern nimmt sich das Stück sich das Recht. Sein Erfolg beruht nicht auf der Bühnentauglichkeit des Elends, sondern auf dem Suchtpotenzial der Musik von Claude-Michel Schönberg. Nur eiserne Ignoranten vermissen Puccini-Haftigkeit und Einfälle. Tatsächlich graben sich die Melodien dieser Hymnen, Arien, Duette und Märsche so nachhaltig in die Gehörgänge seines äußerst heterogenen Publikums, dass man ihrer Wucht den Erfolg des Stücks zuschreiben muss.

Der Plot des französischen Autors Alain Boublil dagegen hatte immer von allem zu viel – zu viele Geschichten mit ähnlich vorgetragener Verve, die von der sterbenden Arbeiterin Fantine (Anne Hathaway), ihrer von diebischen Wirtsleuten misshandelten und später von Valjean aufgezogenen Tochter Cosette (Amanda Seyfried), schließlich die Geschichte von deren Geliebten und den tragischen Revolutionären.

Zu viel für einen stringenten Film, vor allem aber zu viel Tränen, Pathos, Drama, Gottergebenheit. Denn wie gesagt, hier wird ohne den artifiziellen Abstand zur Bühne agiert, dabei ständig gesungen wie im richtigen Leben, beim Fliehen, Lieben, Sterben, Beten, Wachen und Trauern. Und auch im Abwasserkanal mit dem Kot bis zum Hals.

Das alles wäre nicht zu ertragen, wäre der Film nicht so kraftvoll und bildgewaltig, dass man das Elend förmlich riechen kann. Wären die Darsteller nicht so souverän, dass sie einiges Pathos einfach wegspielen. Anne Hathaway stirbt singend in Großaufnahme, das ist ergreifend, nicht peinlich. Hugh Jackman lässt dem Sträfling wie dem Bürgermeister seine Zweifel, einzig von Russel Crowe mit seinem warmen Bariton erwartete man einen entschlosseneren, schneidigeren Inspektor. Ein Film für Liebhaber.

Les Misérables GB 2012, 158 Min. nach Victor Hugos Roman „Die Elenden“. Regie: Tom Hooper. Musik: Claude-Michel Schönberg. Darsteller: Hugh Jackman, Anne Hathaway, Russel Crowe, Amanda Seyfried, Helena Bonham Carter, Sacha Baron Cohen, Eddie Redmayne