Dies ist ein Musical-Film. Das sei dem Zuschauer deutlich angezeigt, um Missverständnissen vorzubeugen. Das heißt, in „Les Misérables“ wird die Handlung gesungen. Es gibt vielleicht zehn gesprochene Sätze in den gut zweieinhalb Stunden, ansonsten transportiert sich der gesamte Inhalt über Töne und Reime. Das sollte wissen und am besten auch mögen, wer sich für den Kinobesuch entscheidet. In Musical-Filmen wie „Chicago“ oder „Moulin Rouge“ versuchten die Macher entschlossen, dem Gesang eine Bühne zu bereiten, ihn abzusetzen von der Handlung, damit es nicht zu Irritationen kommt. „Les Misérables“ aber ist ein durchkomponiertes Stück wie eine Oper, es kennt keine Scheu. Hier wird alles gesungen, und zwar live, nicht wie üblich nachsynchronisiert, daher mit deutschen Untertiteln.

Also, wenn Hunderte angekettete Sträflinge hüfttief in rauer See stehen und qualvoll mit Muskelkraft ein gewaltiges gekentertes Segelschiff aus dem Meer ziehen, nähert sich die Kamera aus der Vogelperspektive, kommt einem Sträfling immer näher, lässt sich schließlich auf seinem ausgezehrten, dreckigen, harten Gesicht nieder – und dann macht der Mann den Mund auf und fängt an zu singen. Selbst mit Vorwarnung hat dieser Moment eine ziemlich bizarre Anmutung.

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