Blüten wurden um die Frau herum gestreut, die auf dem Bett aufgebahrt ist in einem schlichten schwarzen Kleid. Sie muss da schon eine Weile liegen, die Blüten sind verwelkt, und die Wohnungstür wurde von der Polizei aufgebrochen, wahrscheinlich wegen des Verwesungsgeruchs. Dennoch strahlt die Tote eine ungeheure Würde aus.

Ihre Geschichte ist die einer großen Liebe, die dem neuen Film von Michael Haneke auch seinen Titel gab: „Liebe“. Nicht „Die Liebe“, sondern einfach „Liebe“. Allein das kann einen schon umwerfen: der totale Anspruch, der darin steckt, die Bedingungslosigkeit, die Unbegrenztheit. Davon zu erzählen, ganz ohne in Gefühligkeit zu verfallen – das schafft nur ein großer Künstler. Eben so einer wie der Österreicher Michael Haneke, dem jeder Naturalismus, jede schnelle Erklärung zuwider sind.

Und Hanekes Liebe richtet sich hier auf zwei schon sehr alte Schauspieler, die sich furchtlos ihrer eigenen Gebrechlichkeit stellen in einem Film, der vom Ende des Lebens, aber nicht der Liebe erzählt.
Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant spielen Anne und George, ein Musikerpaar über die 80 hinaus, das seit vielen Jahren zusammen ist. Als sie eines Abends nach einem Konzertbesuch heimkommen, finden sie ihr Wohnungsschloss beschädigt – erster Vorbote einer existenziellen Störung ihres kultivierten Lebens. Am nächsten Morgen erleidet Anne beim Frühstück eine Absenz; sie verfällt in eine Starre, die ihr nicht bewusst ist. Eine Halsschlagader ist verstopft, und als die Routine-Operation misslingt, nimmt Anne ihrem Mann das Versprechen ab, sie nie wieder in ein Krankenhaus zu bringen, geschweige denn in ein Pflegeheim zu geben.

Anne ist nun halbseitig gelähmt. Dann ein zweiter Schlaganfall, der sie ans Bett fesselt und ihr Sprachzentrum nahezu ausschaltet. Man hört Anne lallen, heulen, schreien, wimmern. George versorgt sie selbst. Die Pflegerin, eine herzlose Person, hat er entlassen. Als Anne nicht mehr trinken will, um zu sterben, und George ins Gesicht spuckt, gibt er ihr eine Ohrfeige. Dies ist die schrecklichste Szene des Films – nicht jene, in der George Sterbehilfe leistet, indem er Anne mit dem Kissen erstickt. Es sieht aus, als umarme er sie.

Der Film beginnt mit dem Ende

Dieser Film beginnt mit dem Ende, dem Tod, und danach zeigt er, wie es immer schlimmer wird mit Annes Krankheit. Es geht nur noch bergab. Das aber ohne Dramatik und Pathos; Haneke inszeniert keine Zusammenbrüche, Arztgespräche oder medizinische Behandlungen. Nur der Rollstuhl und später ein Tropf am Bett, die ins Bild geraten, künden vom rapiden Verfall, vom letzten Weg. Warum aber möchte man – denn das ist der Fall! –, dass dieser Film nicht endet? Warum möchte man Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant immer weiter zusehen in diesem Kammerspiel, das die bürgerliche Pariser Wohnung von Anne und George kaum verlässt? Das sie zeigt inmitten ihrer Noten, Bücher und schönen Bilder, im Salon der Flügel. Vielleicht weil man so gefesselt und ergriffen ist von der Würde und Entschiedenheit, mit der hier zwei alte Menschen die Kontrolle über das eigene Leben verteidigen gegen die Institutionen, die Zumutungen wie Übergriffe der Außenwelt. Und sei es eine Taube, die ins Fenster hineinflattert. Die Hilflosigkeit der Jugend gegenüber dem Verfall der Alten zeigt der ehemalige Schüler: Der Pianist Alexandre Tharaud spielt ihn.

Verteidigt werden muss das eigene Leben sogar gegen die eigene Tochter (Isabelle Huppert), die ihre Mutter unbedingt ins Krankenhaus verbringen will – vielleicht nur, um sich zu entlasten, um sich selbst besser zu fühlen. „Ich habe keine Zeit für Deine Sorgen“, sagt George zu ihr, und nicht nur in seiner Fürsorge, auch in diesem Satz ist alle Liebe für Anne enthalten. George hat sich entschieden. Und Haneke interessieren die inneren Konflikte, die aus dem Leiden derer entstehen, die man liebt. Der Regisseur spart die physischen Seiten der Krankheit dabei nicht aus, und das provoziert dann die emotionale Reaktionen beim Zuschauer. Denn hier endet die Kontrolle. Für alle.

Eine große Zärtlichkeit und Freude grundieren diesen Film. Einmal sagt Anne: „Das Leben ist schön, das lange Leben!“ Eine solche Bejahung würden viele dem Analytiker Haneke vielleicht nicht zutrauen, aber sie ist hier erfahrbar. Und sie überzeugt durch die phrasenlose Nacktheit der Bilder: Es sind klare, streng kadrierte Handlungsräume.

Der Regisseur und seine Frau Susie haben sich ein ähnliches Versprechen gegeben wie Anne und George im Film. Wesentlicher für die Arbeit an „Liebe“ war jedoch der Suizid einer Tante von Haneke, die ihn großgezogen hatte und sich über neunzigjährig das Leben nahm, weil sie an äußerst schmerzhaftem Rheuma litt und auf keinen Fall in ein Altersheim wollte. Ja, es geht hier um Selbstbestimmung – des Abschieds vom Leben wie der Inszenierung. Die beiden Hauptdarsteller, Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant, dominieren diese Inszenierung: Riva mit ihrer Autorität noch im Siechtum und Trintigant mit seiner geheimnisvollen Melancholie, seiner Schönheit noch im Alter und seiner letztlichen Unentzifferbarkeit.

Trintignant soll Haneke einem Gespräch zufolge gefragt haben, ob man nicht die Rollen tauschen, ob er nicht den Kranken spielen könne. Riva ist nun 85 Jahre alt, Trintignant wird im Dezember 82. Sie sind so mutig, so souverän sehen sie sich selbst an als künftige Tote. Diese Offenheit prägt auch den ungewöhnlichen, großartigen Film.

Liebe (Amour) Frankreich/ Deutschland u.a. 2012. Buch & Regie: Michael Haneke, Kamera: Darius Khondji, Darsteller: Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva, Isabelle Huppert u. a.; 127 Minuten, Farbe. FSK ab 12.

Ab Donnerstag im Kino