Die Oscar-Gewinner 2014 stehen eigentlich schon fest. Es kennt nur noch keiner ihre Namen – außer den Mitarbeitern der Prüfgesellschaft PricewaterhouseCoopers, die seit dem vergangenen Mittwoch die Stimmen der mehr als 6000 Oscar-Juroren ausgezählt haben.

Die geheimen Abstimmungsergebnisse in den 24 Preiskategorien werden dann in der kommenden Sonntagnacht während der Gala im Dolby Theatre am Hollywood Boulevard in Los Angeles öffentlich gemacht. Und es gibt tatsächlich etliche Gründe, sehr gespannt zu sein auf diese Show.

Da wären natürlich zunächst einmal die glamourösen Auftritte der Hollywood-Stars in Roben, die anschließend in jedem sich nur irgendwie für wichtig haltenden Medium nachbereitet werden. Die Qualität der Filme und der diversen kinematografischen Einzelleistungen mag ja das eine sein, doch die Oscar-Verleihung selbst lebt von eben diesen geballt festiven Auftritten, die den nunmehr eher sagenumwobenen Glanz Hollywoods doch immer wieder weiter in die Zukunft tragen.

Oder kann sich jemand eine Oscar-Gala ohne „Pomp and Circumstances“, ohne wochenlang vorausgegangene kosmetische Selbstoptimierung samt Figurformung und Kleideranpassung vorstellen? Das US-Magazin Vanity Fair widmete dieser Seite der Oscar-Verleihung in seiner traditionell dem Filmbusiness gewidmeten Märzausgabe jedenfalls nicht ohne Grund eine sehr lange und ebenso aufschlussreiche Geschichte unter dem sprechenden Titel „Slaves of the Red Carpet“– Sklaven des roten Teppichs.

Dann berechtigt auch die muntere Moderation der Vorzeige-Komödiantin und -Lesbe Ellen DeGeneres zu Hoffnungen. Womit wir endlich bei den Oscar-nominierten Filmen und Einzelleistungen wären. Die Roben und Moderation mögen ja atemberaubend oder wenigstens unterhaltsam ausfallen, aber inhaltlich wird es dieses Mal ausgesprochen spannend.

Während noch vor Jahresfrist von diesem und jenem Kritiker verkündet wurde, dass nicht Hollywood, sondern das US-Fernsehen längst die besseren Geschichten erzähle – und zwar im TV-Serienformat –, stellt sich die Situation derzeit vollkommen anders dar. Seit langer Zeit haben nicht mehr so viele und hochwertige Filme bei den Oscars konkurriert.

Academy-Mitglieder sind über 60 Jahre alt

Man nehme nur die neun Produktionen, die sich um den einen hochwichtigen Oscar als Bester Film bewerben. Welche hat da wohl die besten Chancen? Gaunerstücke mit Thrills und Humor wie „American Hustle“ lieben die Mitglieder der preisvergebenden Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die die Oscar-Trophäen in diesem Jahr zum 86. Mal verleiht. Der Film von David O. Russell spielt zudem in New York und hat Beziehungsgeschichten in seinem Zentrum – was wir nur erwähnen, weil Vanity Fair eine Art statistisches Oscarometer erstellt hat, wonach in der Oscar-Geschichte vor allem jene Filme in dieser Prestige-Kategorie abräumen, die a) in New York angesiedelt sind, und b) wenigstens teilwichtig von Paaren erzählen.

Wenn das stimmt, dann sieht es auch für Martin Scorseses herrlich überkandidelte Börsen-Satire „Wolf of Wall Street“ vielversprechend aus. Nicht aber für „12 Years a Slave“, das Sklavendrama von Steve McQueen. Werden es die US-Amerikaner unter den Oscar-Votoren wirklich mit einem Hauptpreis belohnen, dass sie ausgerechnet von einem schwarzen britischen Regisseur belehrt werden über die Schuld, die ihre Nation mit zweihundert Jahren Sklaverei auf sich geladen hat?

Die Mehrzahl der abstimmenden Academy-Mitglieder ist nämlich weiß, männlich und über 60 Jahre alt. Was auch schlechte Karten für Stephen Frears’ kirchenkritische Rentnerin „Philomena“, den experimentellen Ansatz von Spike Jonzes Bewusstseinsfantasie „Her“ sowie das geschäftsbewusste Aids-Drama „Dallas Buyers Club“ von Jean-Marc Vallée bedeutet.

Die schwarz-weiße Provinzreise „Nebraska“ von Alexander Payne läuft eher als Außenseiter mit und die Pirateriestory „Captain Phillips“ von Paul Greengrass quasi zur Vervollständigung. Als aussichtsreichste Kandidaten für den Oscar in der Kategorie Bester Film bleiben also die visuell wie philosophisch umwerfende Weltraumoper „Gravity“ von Alfonso Cuáron – und „American Hustle“!

Und Deutschland? Glänzt wieder einmal im Kurzfilmsektor. Hier wäre ein Oscar in der Kategorie Animierter Kurzfilm für zwei Absolventen der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg möglich.

Die Regisseure Max Lang und Jan Lachauer sind mit ihrem Zeichentrickfilm „Room on the Broom“ („Für Hund und Katz ist auch noch Platz“) im Rennen um den begehrten Filmpreis. Aber wie heißt es immer so schön und reichlich verlogen: Dabei sein ist alles. Angeblich auch bei den Oscars.