Vor Freude hüpfte Steve McQueen am Ende nahezu einen Meter hoch. Dazu hatte der Brite auch allen Grund, schließlich wurde seine neue Regiearbeit „12 Years a Slave“ in der Nacht zum Montag bei der 86. Oscar-Verleihung im Dolby Theatre von Hollywood als Bester Film ausgezeichnet. Unverkennbar aufgeregt und sich immer wieder in seiner Dankesrede verstolpernd, fand McQueen dann doch Worte, um die Essenz seines Sklavendramas zusammenzufassen: „Jeder verdient es, nicht nur zu überleben, sondern zu leben.“ Und damit meinte er die Würde eines jeden Menschen, die unantastbar sein müsse.

Mit „12 Years a Slave“ würdigte die preisverleihende Academy of Motion Pictures Arts & Sciences nicht allein eine kunstvolle Filmerzählung, sondern einfach auch eine jener Geschichten, die das Mainstream-Kino so liebt: Geschichten, die von unvorstellbarem Leid erzählen, aber gleichzeitig auch von einem ungebrochenen Geist, also wenigstens internal bewahrter Würde.

Der freie Schwarze Solomon Northup, auf dessen gleichnamigem autobiografischen Buch Steve McQueens Film beruht, wurde 1841 von Sklavenhändlern aus dem fortschrittlichen Norden der USA in die Südstaaten verschleppt und dort an einen Plantagenbesitzer verkauft. Er überstand zwölf Jahre Sklaverei mit dem Willen eines Menschen, der die Freiheit gekannt hat und verzweifelt darauf hofft, sie eines Tages wiederzugewinnen.

Zu Beginn der Gala hatte die Moderatorin Ellen DeGeneres diesem Abend der vielen Möglichkeiten eigentlich nur zwei zugebilligt: „a) Entweder 12 Years a Slave’ gewinnt einen Oscar. Oder b) Ihr seid alle Rassisten.“ Tatsächlich war das nicht nur ein dahingeplauderter Scherz. Sehr wohl stellte sich vor den Oscars die Frage, ob sich die US-Academy denn von einem schwarzen Briten über die Schuld ihrer Nation belehren lassen würde. Nun, sie ließ das nicht allein zu - sie belohnte es sogar mit einem Preis in einer der beiden Königkategorien.

Sieben Oscars für Weltraumdrama „Gravity“

Nur aus Schuldgefühlen? Sagen wir so: Ohne Preis wäre es wohl kaum gegangen; anders kann das liberale weiße Amerika, wie es zahlreich in der Academy vertreten ist, heute kaum mit den historischen Fakten umgehen – und darüber hinaus mit einem passablen Film. Sechs von den neun Produktionen, die in der Kategorie Bester Film nominiert waren, beruhen auf einer wahren Geschichte, auch „12 Years a Slave“. Mit insgesamt drei Oscars kann McQueens neuer Wurf indes keineswegs als großer Abräumer der Academy Awards gelten: Die Kenianerin und Stil-Ikone Lupita Nyong'o wurde in ihrer ersten Filmrolle überhaupt gleich als beste Nebendarstellerin geehrt, und John Ridley erhielt den Oscar fürs beste adaptierte Drehbuch nach Northups Buch.

Der große Abräumer des Abends war mit insgesamt sieben Trophäen das Weltraumdrama „Gravity“ des mexikanischen Regisseurs Alfonso Cuarón, der dafür zu Recht mit dem anderen Preis in einer Königskategorie ausgezeichnet wurde: dem für die Beste Regie. Denn „Gravity“ liegt nicht allein eine originäre Idee seines Schöpfers – und dessen Bruders Jonás – zu Grunde, Cuarón erfindet auch genuine Bilder für diese Idee, die den Zuschauer auf so noch nicht erlebte Weise mit auf die Reise ins All nehmen. Irritierend wirkte indes der Kontrast zwischen dem visuellen und philosophischen Reichtum dieses Films und der bis an den Rand zur Schmucklosigkeit begradigten Oscar-Gala.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, mit welchen kuriosen Einfällen Moderatorin Ellen DeGeneres durch den Abend führte.