Nur halb im Scherz riskierte Guillermo del Toro noch einmal einen Blick in den Gewinnerumschlag, als er am Ende der 90. Oscar-Verleihung auf die Bühne des Dolby Theatres in Los Angeles gerufen wurde. Zu präsent war – nicht zuletzt dank jeder Menge Scherze von Moderator Jimmy Kimmel in den vorangegangenen dreieinhalb Stunden – die Erinnerung ans Vorjahr, als Faye Dunaway und Warren Beatty zunächst den falschen Gewinner in der Kategorie Bester Film verkündet hatten. Nun waren die beiden Hollywood-Legenden wieder eingeladen, den wichtigsten Filmpreis der Welt zu überreichen. Doch dieses Mal lief alles glatt: del Toro und sein Film „Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“ waren tatsächlich die Abräumer des Abends.

Das nostalgische Cineasten-Märchen über eine stumme Putzfrau und ihre Liebe zu einem Amphibienmann war mit insgesamt 13 Nominierungen als Favorit ins Rennen um die Academy Awards gestartet. Am Ende gab es nicht nur den Oscar für den Besten Film, sondern del Toro gewann die keusche Figur in Gold – als dritter Mexikaner in fünf Jahren (nach del Toros Wegbegleitern Alfonso Cuarón und Alejandro G. Iñárritu) – auch für die Beste Regie, außerdem wurden die Filmmusik und das Produktionsdesign ausgezeichnet.

Die anderen Filme, denen in einem ungewohnt offenen Oscar-Rennen der Sieg in der Hauptkategorie zugetraut worden war, mussten sich anderen Preisen begnügen. Für „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ wurden Hauptdarstellerin Frances McDormand und Nebendarsteller Sam Rockwell geehrt, das Weltkriegs-Epos „Dunkirk“ von Christopher Nolan setzte sich bei Schnitt, Tonschnitt und Tonmischung durch. Jordan Peeles Horror-Satire „Get Out“, die nicht nur wegen ihres großen Kassenerfolgs, sondern vor allem wegen ihres ungewöhnlichen wie smarten Umgangs mit dem Thema Rassismus als besonders zeitgemäßer Geheimfavorit galt, erhielt immerhin den Preis für das beste Originaldrehbuch.

Erster Afroamerikaner gewinnt Oscar für bestes Drehbuch

Trotzdem schrieb Peele in der Nacht zum Montag Oscar-Geschichte: er ist der erste Afroamerikaner, der in 90 Jahren in dieser Kategorie gewann. Überhaupt gab es im Laufe der Verleihung manchen historischen Moment zu erleben. Dass sich „Ikarus“, ein Blick auf systematisches Doping im Sport, als bester Dokumentarfilm behauptete, bedeutete den ersten Oscar für den Streamingdienst Netflix jenseits der Kurzfilm-Kategorien. Drehbuchautor James Ivory, geehrt für die Romanadaption „Call Me By Your Name“, darf sich mit seinen 89 Jahren nun als ältester Oscar-Gewinner aller Zeiten bezeichnen. Und Kameramann Roger Deakins konnte nach 13 vergeblichen Nominierungen für „Blade Runner 2049“ endlich seinen ersten Oscar mit nach Hause nehmen. Für den gleichen Film ging übrigens eine Auszeichnung auch nach Deutschland: an den prämierten Spezialeffekten war unter anderem der schwäbische Ex-Landwirt Gerd Nefzer beteiligt.

Oscar für besten fremdsprachigen Film geht nach Berlin

Die Chilenin Daniela Vega gehörte zwar nicht zu den Gewinnerinnen, durfte aber gleich doppelt stolz sein: nicht nur war sie die erste transsexuelle Präsentatorin jemals auf einer Oscar-Bühne. Sondern das Drama „Eine fantastische Frau“, die chilenisch-deutsche Koproduktion des Wahl-Berliners Sebastián Lelio, in dem sie die Hauptrolle spielt, setzte sich bei den fremdsprachigen Filmen unter anderem gegen den Cannes-Gewinner „The Square“ durch.

Dass ausgerechnet die Coming of Age-Geschichte „Lady Bird“ von Greta Gerwig trotz fünf Nominierungen leer ausging, gehörte zu den Enttäuschungen des Abends, der doch ganz im Zeichen der Frauen stehen sollte. Die großen Umwälzungen in Sachen Gleichberechtigung, mit denen Hollywood seit Beginn der ersten Weinstein-Enthüllungen beschäftigt ist, drückten auch der Oscar-Verleihung ihren Stempel auf. Von Jane Fonda bis Guillermo del Toro trugen nicht wenige Gäste den #TimesUp-Pin am Revers, Moderator Kimmel scherzte über Weinsteins Ausschluss aus der Academy, und zu den Aktivisten, die während der Darbietung des nominierten Songs „Stand Up For Something“ auf der Bühne zu sehen waren, gehörte neben dem syrischen Flüchtlingsmädchen Bana Alabed oder Alice Brown Otter vom Standing Rock Youth Council auch Tarana Burke, Schöpferin des Hashtags MeToo.

Zwei Momente werden von dieser Oscar-Verleihung besonders in Erinnerung bleiben. Mit Ashley Judd, Annabelle Sciorra und Salma Hayek kamen drei von Weinsteins Opfern gemeinsam auf die Bühne, um all jenen die Ehre zu erweisen, die den Mut hatten, mit ihrer Wahrheit an die Öffentlichkeit zu gehen. „Die Reise, die vor uns liegt, ist noch lang“, sagte Sciorra, „doch es hat sich ein neuer Weg aufgetan.“ Und Judd fügte hinzu: „Wir werden sicherstellen, dass in den nächsten 90 Jahren Gleichberechtigung, Diversität, Inklusion und Intersektionalität groß geschrieben werden. Das ist das Versprechen dieses vergangenen Jahres.“

Wenig später riss eine sichtlich bewegte Frances McDormand in ihrer Dankesrede das Publikum abermals von den Sitzen. Sie forderte, nachdem sie ihren Oscar auf dem Boden abgestellt hatte, alle weiblichen Filmemacher im Saal zum Aufstehen auf: „Sehen Sie sich um, meine Damen und Herren. Wir alle haben Geschichten zu erzählen und Projekte, die finanziert werden wollen!“

Dass mit ihrem Kollegen Gary Oldman, der für seine Rolle als Churchill in „Die dunkelste Stunde“ ausgezeichnet wurde, und Ex-Basketballer Kobe Bryant, der den animierten Kurzfilm „Dear Basketball“ als Autor und Produzent verantwortete, auch zwei Männer geehrt wurden, die sich in der Vergangenheit mit Vorwürfen der Gewalt gegen Frauen konfrontiert sahen, schien zumindest vor Ort – anders als auf Twitter – an diesem Abend dennoch kaum für Empörung zu sorgen.

Stattdessen feierten Hollywood und die Academy im Jubiläumsjahr neben der eigenen Vergangenheit vor allem die Aussicht auf eine bessere Zukunft. „Die Veränderungen, die wir aktuell erleben, werden vorangetrieben kraftvollen Klang neuer Stimmen, unterschiedlicher Stimmen, unserer Stimmen“, sagte Judd unter großen Applaus. „Sie stimmen einen in einen mächtigen Chor der endlich verkündet: die Zeit ist abgelaufen.“ Die Vielfältigkeit der diesjährigen Präsentatoren (zu denen auch Gal Gadot, Kumail Nanjiani oder Lupita Nyong’o gehörten) dürfte diesbezüglich optimistisch stimmen. Aber eben natürlich auch die Auszeichnung für del Toro, der sich in einer seiner Dankesreden ganz selbstbewusst als Einwanderer feierte – und sich mit „Shape of Water“ vor gesellschaftlichen Außenseitern der unterschiedlichsten Art verneigt.