Kontemplation statt Party. Die geplante fulminante Feier zum 20. Geburtstag und damit der Erfolgsgeschichte des Hauses hat man im sonst so gut gelaunten Kunstmuseum Wolfsburg abgesagt. Der plötzliche Tod des erst 55-jährigen Direktors Markus Brüderlin im März versetzte Kollegen sowie die VW-Kunststiftung, die Ermöglicherin all der anspruchsvollen Ausstellungen, in Trauer.

In der Haupthalle indes konnte zum Jubiläum das ganz große, weil der Nachdenklichkeit dienende Ding starten: eine Oskar-Kokoschka-Schau der Superlative, mit aus aller Welt, aus diversen Privatsammlungen und Museen, herbeigeholten Leihgaben des Wiener Expressionisten (1886–1980). Fünfzig Gemälde, gut 100 Papierarbeiten, dazu Dokumente, sogar eine vergilbte Fotografie jener Alma-Mahler-Puppe, die der junge Maler – unglücklich liebend und schnöde verlassen – seinerzeit fast voodooartig liebkost und ebenso malträtiert hat.

Ohnehin publikumswirksam hängen in der Schau natürlich die Bilder von Alma Mahler und jene Motive, die Kokoschkas Faszination von der Macht der Musik erzählen, dazu die unvergleichlichen Tier-Bilder, die emotionalen Kinderporträts, die Allegorien zum unerschöpflichen Thema Frauen. Ein Kabinett ist seinem seinerzeit spektakulären Bühnenstück „Mörder, Hoffnung der Frauen“ gewidmet.

In elf Kapiteln geht die Ausstellung zunächst auf die Anfänge seines Werks in Wien ein (die Arbeiten für die Wiener Werkstätten und die Lilith-Bilder) auf die Berliner Jahre 1910 bis 1916 und die Zusammenarbeit mit Herwarth Walden, auf die Artikel und Bilder für „Der Sturm“) und die Dresdener Jahre von 1916 bis 1923.

Kokoschka, einer der Großen der Wiener und der Klassischen Moderne überhaupt, wird aber nicht scholastisch retrospektiv dargeboten, eher in einer an der Zeit festgemachten thematischen Perspektive auf das zwiespältige, gewalttätige 20. Jahrhundert mit Revolutionen, Diktaturen, zwei verheerenden Weltkriegen und der Auflösung aller Gewissheiten.

Und da passiert etwas Frappierendes: Der dramatische und nervöse Malstil Kokoschkas erscheint uns heute als etwas sehr Gegenwärtiges. Fast so, als schildere, paraphrasiere der Österreicher die zerrissene Welt unserer Tage: Die Nachmoderne, mit ihren schizophrenen Schauplätzen von bürgerkriegshafter Gewalt, des Hasses und Rassismus, des religiösen Wahns, der Ratlosigkeit. Aber auch des Überflusses, des Raubbaus an der Natur und der Verantwortungslosigkeit des liberalistischen Zeitgeistes. Künstler wie Kokoschka waren Seher, sie hatten das Kassandra-Gen. Und sie litten an ihrer Zeit, wohl wissend, dass es für sie keine andere geben würde.

Drastischer Abschied

Das besagt vor allem das heftig-sarkastische Alterswerk mit den Selbstbildnissen, in denen er, wie er in seiner Autobiografie schrieb, „den bösen Blick“ abwehren wollte. Das letzte Motiv dieser Reihe ist „Time, Gentleman Please“ von 1972 (Abb. oben): Ein nächtlicher Pub, der Wirt läutet die letzte Runde an. Aber eher besagt das Motiv, dass dem Maler gleich vom Gevatter Tod das Herz aus der Brust geschnitten wird. So drastisch verabschiedete Kokoschka sich von seiner Malerei über siebzig Jahre. Mit Bildern wie diesem wurde er Ende der 1970er zum Paten der „Neuen Wilden“ – im Westen wie im Osten, in der von den Kulturwächtern beargwöhnten jungen Dresdner Malerszene.

„Humanist und Rebell“ sind Adjektive, die Kuratorin Beatrice von Bormann dem Österreicher anhängt. Und ja, das Humanistische bestätigt sich schon am Leitfaden der Schau, an den Bildnissen, psychologisch aufgeladen, dargestellt in den sozialen und politischen Wirren der Zeit: Mimik, Gestik, Körpersprache. Das Porträt „als Spiegel, der mir zeigt, wann und wo und wer und was ich bin“.

Und da ist, wie allegorisch, der Mensch im Raum, erst als einfarbige, später als bewegte, mehrfarbige Fläche. In die Köpfe hat der Maler hinein gekratzt, so dass fast eine Strahlung von ihnen ausgeht. Später sind die Bildgründe immer dunkler, die Figuren scheinen sich, aufzulösen, vereinnahmt von einer übermächtigen Substanz.

Und der Rebell? Rebellisch waren und sind sie doch alle, die Avantgarde-Künstler! Es war wohl sein unbeirrtes Festhalten am Menschenbild – gegen den abstrakten Trend, was hier „rebellisch“ meint. Denn nach 1945 war er hineingeraten in die Gemengelagen der Nachkriegsmoderne mit ihrem Figuren-Verdikt. Wie muss der alte Mal-Barde sich vorgekommen sein im Schweizerischen Exil von Villeneuve? Wie ein Fossil?

Kokoschka gründete 1955, für ein Jahrzehnt, die Salzburger „Schule des Sehens“. Da warnte er die Studenten vor dem „Unfug der technischen Zivilisation“, erzählte vom blinden Mann, der glaube, er habe die Welt erobert „und sieht nicht, dass er blind ist, er glaubt, er hat den Kosmos, das Universum bezwungen...“.

Im frühen Werk lehnte der Maler sich gegen den Historismus und den ornamentalen Jugendstil auf. In der Berliner und Dresdener Zeit hatte er engen Kontakt mit den deutschen Expressionisten. Und ganz wie die russischen Avantgardisten glaubte er, man könne mit der neuen Kunst auch einen neuen Menschen bilden.

Was er in sieben Jahrzehnten, gleichsam in Farbgebirgen und nervös, mit zuckenden Linien oder Pinselhieben, auf den Bildgrund setzte, das verkörpert die Essenz der Kokoschka-Weltanschauung: Es war die eines unwirschen Humanisten. Und die eines Fabel-Interpreten Aesop’scher und Lessing-würdiger Güte. Denn Kokoschka malte meisterhaft Tiere, vom Mandrill und der Raubkatze bis zum Ferkel, von der Schildkröte über den Frosch bis zum Buntspecht: tierisch Menschliches.

Dieser Maler, von den Nazis verfemt, mit seiner Frau Olda ins Exil getrieben, erst nach Prag, dann nach London, wo ihn das Entsetzen packte, dass die Briten die Annexion der CSSR so gleichgültig zuließen. Es ging ihm, sagen Kokoschkas Bilder, um eine Botschaft, um Wahrheit in seiner Malerei. Eine, die den Menschen nicht aus den Augen verlieren darf.

Kunstmuseum Wolfsburg, bis 17. August, Di–So 11–18 Uhr. Kooperation mit dem Museum Boijmans Van Beuningen Rotterdam. Katalog (Hirmer) 38 Euro.