Die Austellung "Ost-Berlin.Dis halbe Hauptstadt" im Ephraim-Palais
Foto: Thomas Meter/ Stadtmuseum Berlin

BerlinDie Ausstellung „Ost-Berlin. Die halbe Hauptstadt“ läuft noch bis zum 10. November. Und ich kann nur raten: nichts wie hin ins Ephraim-Palais! Für Kinder und Jugendliche ist der Eintritt frei. Während der Herbstferien führte ich meine neunjährige Enkelin und den dazugehörigen zwölfjährigen Enkel dorthin. Die Beiden sind je zur Hälfte mit thüringischen, genauer Rudolstädter Genen versehen und solchen aus Westberlin. Sie kennen die Heidecksburg besser als das Heidelberger Schloss. Sie ahnen nicht, dass der „Bumerang“ von Joachim Ringelnatz dem gesamtdeutschen Kulturgut zugerechnet werden soll, wohingegen die „Eiche Hulda“ von Peter Hacks aus einer von manchen Leuten für fehlerhaft erachteten Ostgegend stammt. Sie sind mit dem Sandmännchen, der Raupe Nimmersatt, der Grimm“schen Märchensammlung und den Liedern von Reinhard Lakomy aufgewachsen. Außer diesen beiden halb Ost-, halb Westenkeln habe ich noch zwei halbfranzösische und einen viertelgriechischen Enkel. Sie verstehen sich untereinander prächtig. Differenz macht das Leben zweifellos spannender.

Die Frage nach den früheren Mauerverhältnissen interessierte meine durchaus aufgeweckten Begleiter in der Ost-Berlin-Ausstellung überhaupt nicht. Mit meinen Grenz- und Zwangsumtauscherfahrungen konnte ich landen. Aber gebannt schauten sie sich die Fotos vom Zustand Berlins im Jahr 1945 an, bestaunten das Modell des DDR-geprägten Wiederaufbaus von Berlin-Mitte: der Fernsehturm, die Fischerinsel, die Leipziger Straße, der Alex. Es lag ihnen fern, irgendetwas als vorgestrig oder hipp zu beurteilen. Fieberhaft suchten sie überall im Historischen nach dem Heutigen. Das Reiterstandbild von Friedrich dem Großen erkannten sie sofort. Gerne ließen sie sich am Modell zeigen, dass die Generäle auf dem Sockelrelief auf den Prachtseiten prunken, wohingegen die Geistesgrößen Lessing und Kant unter dem Pferdehintern platziert wurden. Diese Verbildlichung des sogenannten Macht- und Geistesstaats Preußen werden sie sich womöglich merken. Die musealisierten Reste einstiger Stalin- und Leninstatuen ließen sie unbeachtet, weil sie aus ihrer realen Welt verschwunden sind. Auf dem riesigen offiziellen Stadtplan von Ost-Berlin auf dem Boden des Foyers, der so angelegt ist, als hätte es Westberlin nicht gegeben, interessierte sie ihre Schule und Schmöckwitz, denn dort wohnt seit Jahrzehnten ihr sehr beliebter Urgroßonkel Rudi.

Besonders überraschte sie das Schild „Bersarinstraße“. Sie kennen es gut, denn normalerweise ziert es meinen Flur. Derzeit hängt es in der Ausstellung. Wie ich 1992 in den Besitz des guten Stücks gelangte, berichte ich in dem von Ausstellungkurator Jürgen Danyel herausgegebenen Begleitband „Ost-Berlin. 30 Erkundungen“. Damals stritt ich nämlich für den Erhalt der Bersarinstraße. Immerhin gelang es 1991/92 wenigstens, den Bersarinplatz vor dem Rückbenennungsfuror zu retten und damit das ehrende Gedenken an den ersten sowjetischen Stadtkommandanten von Großberlin Nikolai Bersarin. Nutzen Sie, liebe Leserinnen und Leser, die nächsten drei Wochen und besuchen sie die gut gemachte Ausstellung „Ost-Berlin“ mit ihren Kindern oder Kindeskindern. Lassen sie sich dabei einfach assoziativ befragen und erzählen Sie einfach, die Geschichten, die Ihnen wichtig und mitteilenswert sind.