Sind die Ostdeutschen wirklich immer noch duldsamer gegenüber Schikanen als die Westdeutschen? Zwei Drittel der Käufer in Halle an der Saale akzeptierten jedenfalls im Modeladen eine „Umkleidekabinenbenutzungsgebühr“, aber nur ein Drittel in Stuttgart. Ein ähnliches Ergebnis brachte der Test in Dessau: Hier ließen sich doppelt so viele Leute eine halbe Bratwurst zum vollen Preis andrehen wie die Kunden in Krefeld – die Dessauer zeigen oft sogar Mitleid mit den Imbissverkäufern.

Der Ost-West-Check im ZDF will spielerisch testen, ob und wie stark die Vorurteile und Klischees immer noch stimmen, ob wir in den Köpfen immer noch ein geteiltes Land sind. So zeigte ein Test die Ostdeutschen als hilfsbereiter: Hier hielten sieben Autos in einer Stunde an einem Pannenauto an, im Westen waren es nur drei.

Eine Reihe von Professoren, wie Rebecca Pates von der Uni Leipzig und Klaus Schroeder von der FU Berlin, lieferte auch stets soziologische Erklärungen für die Ergebnisse. Doch wie repräsentativ die Umfragen waren, wurde nicht erklärt, viele Tests wirkten eher zufällig. So sollte ein nacktes junges Pärchen am Strand erkunden, ob Wessis prüder als Ossis sind – doch prüde blieben vor allem die Autoren der Leipziger Firma Fernsehkombinat, die ihre Nackten untenrum verpixelten.

Schon gar nicht lässt sich derart spielerisch-naiv herausfinden, ob der Osten tatsächlich fremdenfeindlicher eingestellt ist. Der freundliche Umgang einiger Passanten in Hohenstein-Ernstthal mit einer Gruppe Sudanesen kann kaum widerlegen, was in Heidenau, Tröglitz und anderswo passiert ist. Hinzu kamen sachliche Schnitzer: So trugen DDR und BRD nicht, wie behauptet, vierzig Jahre lang verschiedene Fahnen, sondern nur dreißig Jahre lang. Das Emblem mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz rückte erst zehn Jahre nach DDR-Gründung in die Fahne. Anlass für Diskussionen bietet der ZDF-Check aber allemal.

Kritisch statt emotional

Im Vorfeld des 25. Jahrestags der Wiedervereinigung widmet sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen ausgiebig dem Zusammenwachsen Deutschlands. So kommt das Erste am nächsten Montag mit seinem Ost-West-Report daher. Die Einheit wird nicht nur gecheckt, sondern auch in Talkshows, Quiz-Shows und Fernsehfilmen wie „Weissensee“ oder dem Doppel-„Polizeiruf“ aus Magdeburg und Rostock aufgearbeitet. Waren die Filme und Dokus vor einem Jahr zum Jahrestag des Mauerfalls noch stark von den Emotionen geprägt, so soll in diesem Jahr stärker eine kritische Bilanz gezogen werden, verspricht ZDF-Chefredakteur Peter Frey.

Am weitesten in die Tiefe geht die MDR-Doku „Wem gehört der Osten?“ auf Arte – eine Zusammenfassung der gleichnamigen Reihe, die Anfang Juli im MDR gelaufen war. Hier analysieren die Autoren Ariane Riecker und Matthias Hoferichter den Wandel der Eigentumsverhältnisse im Osten und setzen ihre Aussagen grafisch sehr anschaulich um. Das aussagekräftigste und symbolischste Beispiel haben sie in Heiligendamm gefunden. Hier versperren ein umzäuntes Nobelhotel und eine Reihe verrottender Villen den Weg des Fußvolks zum Strand.

Der Investor Anno August Jagdfeld, der im Interview alle Klischees des arroganten Westlers erfüllt, hofft auf reiche Kundschaft und blockiert bis heute die Entwicklung des Ortes. Kritisch hinterfragt wird auch die Veräußerung der städtischen Wohnungen: So sanierte die Stadt Dresden mit dem Verkauf sämtlicher Wohnungsgesellschaften ihre Kasse – auf Kosten der Mieter. Überhaupt zeigt die Doku die Ostdeutschen nicht nur als passive Opfer der „Deals der Einheit“.

Als positives Beispiel wird die Agrar-Genossenschaft im Mansfeldischen Gerbstedt vorgeführt, die mit 300 Kaufverträgen und 700 Pachtverträgen sich genügend Land für ihre Entwicklung gesichert hat. In Leipzig wiederum sorgen mittlerweile auch einheimische Investoren für die Verdrängung: Eine Kommune muss eine ausgebaute Fabrik verlassen, um Platz für Luxuslofts zu schaffen.

Leider kollidieren am Dienstag stets die Dokus auf Arte und im ZDF beim Sendetermin: Sie laufen gleichzeitig. Der Frage „Wem gehört der Osten“ lässt sich aber nicht nur in der Arte-Mediathek, sondern auch in einer Web-Doku im MDR nachgehen.