Am 19. Februar 1964 schreibt Winfried Junge einen Brief an die Leitung des DEFA-Dokumentarfilmstudios. Nach seiner Regieausbildung an der Babelsberger Filmhochschule hatte er hier zu arbeiten begonnen, einige Assistenzen bei Karl Gass absolviert und erste eigene Filme gedreht. Nun war ihm sein neuestes Projekt quasi über Nacht verboten worden, „Studentenfasching“, eine unterhaltsame Etüde über den Alltag von Studierenden am Chemisch-Physikalischen Institut der Berliner Humboldt-Universität. Junge wollte diesen Film mit Bildern einer gut besuchten Vorlesung beginnen. Doch ausgerechnet Robert Havemann stand am Dozentenpult, der von den DDR-Oberen zur Persona non grata erklärt worden war – wovon Junge zu diesem Zeitpunkt noch nichts wusste. Weil Schnappschüsse von den Dreharbeiten in Westzeitungen auftauchten, kassierte die Stasi das Material, und bei der DEFA läuteten alle Alarmglocken.

„Man muss also sagen“, schrieb die Direktorin des Studios an das Politbüromitglied Kurt Hager, dass Junge „zweifellos zu jenen jungen Künstlern gehört, die noch keinen klaren parteilichen Standpunkt haben und anfällig sind.“ Das hätte, zweifellos, das unerwartet frühe Ende als Regisseur bedeuten können. Winfried Junge aber wollte sich weder verweigern noch wollte er resignieren. Stattdessen legte er in seinem Brief eine stattliche Liste neuer Filmvorschläge vor, darunter einen Stoff über Ursachen und Folgen der Alkoholsucht („Warum trinken Sie?“), einen zum Thema „Beruf verfehlt“ über falsche Berufswahl und auch einen über die „Vergessenen“: „In Kindergärten ist es nicht selten, dass die Eltern ihre Kinder zum Wochenende nicht abholen, weil sie nach einer schweren Arbeitswoche ihre Ruhe haben wollen. Sie denken: Der Staat ist ja heute für alles da. Falsch verstandener Sozialismus.“ Fast keiner dieser Vorschläge wurde von der DEFA angenommen.

Dagegen wurde, nach einiger Zeit, das Filmprojekt „Elf Jahre alt“ akzeptiert, das Winfried Junge zum dritten Mal ins Dorf Golzow im Oderbruch führen sollte. Zweimal hatte er hier bereits gedreht: 1961 für „Wenn ich erst zur Schule geh ...“ und 1962 für „Nach einem Jahr“. Beobachtungen in einer Schulklasse – ein Generationenporträt, das nach dem Wunsch des Ideengebers Karl Gass vielleicht bis ins Jahr 2000, ins kommunistische Zeitalter fortgesetzt werden könnte. Aus einer solchen Ära wurde bekanntlich nichts. Und dennoch avancierte das Golzow-Projekt zum Lebenswerk von Winfried Junge und mündete nach 19 Filmen mit rund 44 Stunden Laufzeit in die letzte Folge „Und wenn sie nicht gestorben sind – dann leben sie noch heute“ (2008).

Was diese „längste Langzeitdokumentation der Filmgeschichte“, eine soziologisch aufschlussreiche Chronik der laufenden Ereignisse, ausmacht, wurde schon oft beschrieben. Winfried Junge und seine Frau Barbara erkundeten mit steter Beharrlichkeit den Alltag in der ostdeutschen Provinz: Wie sich an einem der schlimmsten Schauplätze des Zweiten Weltkriegs der Frieden etablierte, wie die Menschen hier lebten, worüber sie redeten und worüber sie schwiegen, wie sie feierten und was sie traurig machte, wie sie sich emanzipierten oder auch nicht; und wie die Politik ins Dasein „gewöhnlicher“ Leute eingriff.

Stets rückten die Junges und ihre Kameramänner gesellschaftliche Wandlungsprozesse mit ins Bild: Was die Genossenschaft für die Bauern bedeutete, dass ein Kulturhaus entstand und eine neue Kaufhalle, die zwar kein Supermarkt westlichen Zuschnitts war, aber für das Dorf ein gewaltiger Fortschritt. Als die DDR in der Agonie lag, ließen die Bilder den Stillstand deutlich werden. Neuen Wind gab es für die Golzow-Reihe mit der deutschen Einheit und ihren Chancen, Brüchen und Verwerfungen. „Drehbuch: Die Zeiten“ (1993), neben „Lebensläufe“ (1980) einer der gewaltigsten deutschen Dokumentarfilme überhaupt, reflektierte auch über die Verbindungen und Verstrickungen des Regisseurs in Aufstieg und Fall von DDR und DEFA: Es ist eine der wenigen selbstreflexiven Arbeiten ostdeutscher Filmemacher.

Es ist also nicht vermessen, Winfried Junge, der am Sonntag achtzig Jahre alt wird, als einen der großen Filmchronisten dieses Landes zu bezeichnen – mit „unverstelltem Blick auf die Wirklichkeit und dem Bemühen um Ehrlichkeit“, wie er selbst sein Credo umriss. Dass er neben den Golzow-Filmen noch 35 andere, kürzere und längere Produktionen realisierte, soll hier wenigstens erwähnt werden. Darunter Filmreportagen aus Syrien, Somalia und Libyen, ein Gemeinschaftsfilm mit einem Workshop in Newcastle, „Diese Briten – diese Deutschen“ (1987/88), oder das Porträt „Keine Pause für Löffler“ (1975) über einen jungen Berliner Lehrer, der eine schwierige Klasse in den Griff zu bekommen versucht. Auch diese Arbeiten jenseits von Golzow wieder zu sehen, dürfte mit staunender Entdeckerfreude verbunden sein.

Unser Autor ist Vorstand der

DEFA-Stiftung.