Kulturelle Aneignung: Wer darf Filme über das Leben in der DDR machen?

Unsere Autorin kann es nicht ausstehen, wenn sich Filmleute eine Geschichte schnappen in dem Glauben, den Osten zu verstehen. Aber sie weiß: Es ist kompliziert.

Keine kulturelle Aneignung: Regisseurin Aelrun Goette am Set von „In einem Land, das es nicht mehr gibt“
Keine kulturelle Aneignung: Regisseurin Aelrun Goette am Set von „In einem Land, das es nicht mehr gibt“Ziegler Film/Tobis/Peter Hartwig

Als ich das Plakat zum Film über die Modeszene in der DDR sah, erschrak ich erst mal, denn dass es um die Gruppe geht, in der ich aufgewachsen bin, erkannte ich gleich. Meine Mutter und ihre Freunde gehörten dazu. Jemand musste gut recherchiert haben, die Originalkostüme nachgenäht und ähnliche Schauspieler gefunden haben, dachte ich. Der erste Gedanke, der mich also traf, war: Wer hat diesen Film gemacht?!

Ich fürchtete, es könnten Leute gewesen sein, denen ich es nicht erlauben würde. Filmleute, die sich die Geschichte geschnappt haben in dem Glauben, den Osten zu verstehen oder ihn erklären zu müssen. Und alles originalgetreu nachgestellt zu haben in der Hoffnung, die coole rebellische Punkmodeszene des Ostens zu einem erfolgreichen Film zu verarbeiten. So wie es schon mit einer fiktiven Stasi-Geschichte in „Das Leben der Anderen“ gemacht worden war und schiefgegangen ist.

Schiefgegangen zumindest für den Osten, der sich damit nicht gemeint und nicht gesehen fühlte. Gut gegangen aber für das Filmteam aus dem Westen.

Holzschnittartige Darstellung der DDR

Klar, gibt es eine Menge Filme, die es besser gemacht haben. Die Serie „Weissensee“ oder Filme wie „Gundermann“, „Lieber Thomas“, „Westen“ und andere. Aber ausgerechnet die holzschnittartige Darstellung der DDR, wie man sich das Land im Westen vorgestellt hat, hat es um die ganze Welt geschafft. „Das Leben der Anderen“ hat mit seinem Oscar dem Osten einen gültigen Stempel verpasst.

Letztendlich haben die DDR-Komödien wie zum Beispiel „Go Trabi Go“, „Sonnenallee“, „Good Bye, Lenin“ oder „Stasikomödie“ viel mehr dazu beigetragen, Ost und West miteinander zu verbinden. Egal, wer sie gemacht hat. Die Miniserie „Kleo“ nimmt mit ihrer überzeichneten Indoktrinierung und der übertriebenen Rachelust gegen die Wendegewinnerin vor allem den Osten mit.

Aber das graue Stasi-Bild des real existierenden Sozialismus, das Florian Henckel von Donnersmarck als DDR-Klischee in die Welt gesetzt hat, lässt sich nicht mehr korrigieren. Das Frauenbild vor allem, das passiv wirkt und nicht rüberbringt, mit welcher Selbstverständlichkeit DDR-Frauen Mitbestimmung gewohnt waren. Sieht man den Film, denkt man, man wüsste Bescheid über den Überwachungsstaat, und ist froh, dass man sich, um Bescheid zu wissen, nicht die Filme ansehen muss, die von DDR-Regisseuren gemacht wurden, und die Bücher von DDR-Schriftstellern nicht lesen muss.

Genauso wie Donnersmarck die Hälfte des Casts mit DDR-Schauspielern besetzt hat, die Macher aber ein rein westdeutsches Team waren, haben weiße Musiker in den USA, die mit Schwarzer Musik berühmt geworden sind, Schwarze Musiker als Spielsteine in den Background gestellt, damit die, von denen die Musik ursprünglich kam, auch noch zu sehen waren.

Das Massenpublikum will Verarbeitetes serviert bekommen von jemandem, der am besten genau da steht, wo das Publikum selbst auch steht, nämlich außen. Jemand soll es sich angeeignet haben, so, wie sich die Außenstehenden die fremde Kultur selbst aneignen würden, wenn sie könnten.

Die kulturelle Aneignung ist nicht nur dem Künstler vorzuwerfen, sondern auch dem Publikum.

Franziska Hauser, Schriftstellerin

Die kulturelle Aneignung ist nicht nur dem Künstler vorzuwerfen, sondern auch dem Publikum, das die Geschichten am liebsten in einer Form präsentiert bekommen möchte, in der es sich in seiner eigenen Ignoranz gegenüber den wahren Urhebern wiederfindet.

Mit dem Punkmode-Film „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ ist es zum Glück anders. Als ich den Namen der Regisseurin lese, stoße ich einen kleinen Schrei aus vor Freude. Sie ist eines der damaligen Models und erzählt ihre eigene Geschichte. So sollte es sein, denke ich.

Dann erst überlege ich, warum ich es Leuten, die nicht dabei waren, nicht erlauben würde, diesen Film zu machen. Und warum das Thema eigentlich immer noch so starke Emotionen auslöst, sobald es sich um dramatische Filme handelt.

Wie immer beim Thema kulturelle Aneignung sind es eben auch in diesem Fall die manifestierten Machtverhältnisse, die nicht nur nachwirken, sondern immer noch gelten. Die zeigen sich, wenn politisch oder gesellschaftlich Ausgegrenzte, Ausgebeutete, Vertriebene oder Eingesperrte sich benutzt fühlen für kommerzielle Zwecke, ihr Leben falsch dargestellt sehen, aufbereitet für ein Massenpublikum, das sie mit ihrer eigenen Darstellung unmöglich erreichen könnten. Auch weil sie damit nicht einverstanden sind.

So über den Zweiten Weltkrieg zu schreiben, ohne ihn erlebt zu haben, dass sogar jene, die ihn erlebt haben, damit einverstanden sind, funktioniert ja oft durch vererbte und weitergegebene Erinnerungen betroffener Vorfahren. Kriege sind keine Minderheitskultur, sondern Gesellschaftskatastrophen. Man darf nicht dabei sein, um den Krieg zu verstehen. Denn wer dabei ist, versteht ihn nicht.

Kunst entsteht aus dem Bedürfnis, die Welt zu verstehen. Wissenschaft auch. Aber Wissenschaft will erklären, ohne zu verarbeiten. Kunst will verarbeiten, ohne zu erklären.

Kunst zeigt Machtverhältnisse

Kunst ist keine Wissenschaft, und man kann von ihr keine „Fehlerlosigkeit“ verlangen. Aber Kunst zeigt auch Machtverhältnisse. Und deshalb sehe ich in der unbehaglichen Frage nach der Aneignung nicht nur die Berechtigung, sondern auch die Bereicherung.

Vor dem S-Bahnhof Friedrichstraße, wo die Plakate für den DDR-Mode-Film hängen, sehe ich einen schmutzigen dünnen Mann in Schwarz hocken, der schreit wie eine Möwe, flattert mit den Armen, als wäre ihm ein Flügel gebrochen. Vor ihm zwei Polizisten, wie blaue Säulen, die etwas aufschreiben. Der Mann reckt den Hals zu ihnen hoch und der dünne Bart steht ab, wie ein Schnabel. Die Polizisten werden ihn wegbringen, weil er die Passanten belästigt und den Straßenverkehr stört.

Wie er da sitzt und flattert, der verrückte Vogel, es könnte Kunst sein. Er könnte zum Tanztheater gehören, das zwei Kilometer weiter in der St.-Elisabeth-Kirche aufgeführt wird. Die Tänzer bewegen sich als Suchende durch den Raum wie Tiere, haben kein Ziel und erinnern in ihren Bewegungen an Obdachlose, die sich von den Passanten darin unterscheiden, dass sie keine Termine haben, sich mal an eine Wand lehnen, stehen bleiben, die Richtung wechseln. Während die Tänzer bezahlt und geehrt werden, wird der Vogelmann von der Straße gefegt.

Winnetou und die Kriegsschuld

Man könnte behaupten, die Tänzer würden sich die absichtslosen Ausdrucksformen von Menschen abgucken, deren Verhalten in der Öffentlichkeit nicht anerkannt, sondern abgelehnt wird.

Würde man den künstlerischen Tanz Obdachlosen vorführen, würden sie sicher keinen Zusammenhang zu ihrem eigenen Leben erkennen. Den Zusammenhang erkennen nur wir, die wir keine Ahnung haben, vom Leben auf der Straße. Der Tanz ist für uns gemacht. Wir zahlen Eintritt und wollen dafür Kunst sehen. So, wie auch Winnetou damals für ein deutsches Nachkriegsvolk gemacht war, das mithilfe der Kunst und einer fremden Kultur eine Kriegsschuld vergessen und verdrängen wollte. Jetzt ist die Kriegsschuld halbwegs aufgearbeitet und das Märchen von Gut und Böse steht entblößt da und schämt sich für seine Form, die plötzlich falsch ist.

Obwohl die Debatte über kulturelle Aneignung so heiß diskutiert wird, lässt sich ein Massenpublikum vermutlich immer nur schwer dazu animieren, sich Filme von Minderheiten anzusehen, um sich ein eigenes Bild zu machen. Die umgewandelte und aufbereitete Version ist beliebter als die ursprüngliche. Bestenfalls könnte die Debatte dazu führen, dass Regisseure und Autoren sich stärker und ernsthafter verpflichtet fühlen zusammenzuarbeiten mit den Kulturen, die sie filmisch oder literarisch verarbeiten. Von Donnersmarck hat sich zugunsten des Oscars von seinen anfangs als Schreibberater hinzugezogenen Native Ostlern schnell verabschiedet, als sie seiner Darstellung widersprachen.

Dass man eine eingeladene Musikerin bei einer „Fridays for Future“-Demo wegen ihrer Dreadlocks auslädt, hinterlässt Beklommenheit.

Franziska Hauser, Schriftstellerin

Auf beiden Seiten erzeugt das Thema ein enormes Unbehagen, wie immer, wenn es darum geht, Machtverhältnisse umzustürzen. Aber dass man eine eingeladene Musikerin bei einer „Fridays for Future“-Demo wegen ihrer Dreadlocks auslädt, hinterlässt eine Beklommenheit, die sich nicht weginterpretieren lässt. Denn der Vorgang richtet sich gegen die Multinationalität der Kulturen. Daraus lässt sich nun mal kein absolutes Konzept ableiten. Und das erinnert mich schon wieder an die DDR. So viele, die dort lebten, standen anfangs hinter der sozialistischen Idee und sollten sich dann immer stärker auf eine enge und oft unerträgliche Linie herunterbrechen lassen. Die Ideologie richtete sich nicht mehr nur gegen die Feinde von außen, sondern auch gegen die eigenen Leute von innen und fraß sich selbst.

Aber, dass zwar Dreadlocks nicht mehr auf weiße Köpfe gehören sollen, gleichzeitig aber Schwarze in Dirndl und Lederhosen begrüßt werden, zeigt ja, dass es hierbei gar nicht um eine Ideologie gehen soll, sondern um das Umkehren der Machtverhältnisse. Ich fürchte, das hat noch nie nach Konzept funktioniert.

Den Film „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ sehe ich mit Einverständnis und Wohlwollen. Unabhängig von künstlerischer Qualität und Ranglisten. Selbst wenn ich einiges anders erlebt habe, fühle ich mich gemeint, weil die Regisseurin sich und uns beschreibt, wie sie uns sah. Das hat eine Berechtigung, die keinen Oscar braucht. Und dass diese Punkmodewelt existierte, neben den Stasigeschichten, könnte das westliche Publikum immerhin irritieren.