Vor zwei Tagen wurde Hans Küng 84 Jahre alt. Seit den Sechzigerjahren ist der katholische Theologe, der immer wieder im Clinch liegt mit der römischen Amtskirche, mit seinen theologischen Büchern ein Bestsellerautor. Benedikt XVI. kennt er seit einem halben Jahrhundert. Die zwei Bände über Jesus von Nazareth, die der Papst 2008 und 2011 vorlegte, mögen Hans Küng zum Widerspruch gereizt und ihn zu seinem neuesten Buch „Jesus“ animiert haben.

Wir treffen Hans Küng am Tag des Frühlingsanfangs in seinem Haus in Tübingen. Es ist warm, kurz nach drei Uhr am Nachmittag. Hinter ihm steht die Bücherwand mit den grünen Bänden der Bibliothek der Kirchenväter und den weißen Rücken der 36-bändigen Serie „Religionen der Menschheit“. Vor ihm liegt ein prächtiger spanischer Bildband mit den Weltraum-Fotos des Hubble-Teleskops.

Waren Sie schon schwimmen?

Nein. Ich bin seit einigen Tagen nicht geschwommen, ich habe mit meinen 84 Jahren ein Problem mit dem Rücken. Aber bald schwimme ich wieder wie gewohnt jeden Tag. Haus und Schwimmbad wurden vor 33 Jahren gebaut, da ist es leicht, jeden Tag Bewegung zu haben. Sie schreiben über das Christsein, über die Kirche, über die verschiedenen Weltreligionen, die Unfehlbarkeit des Papstes, Elementarteilchenphysik, das Zweite Vatikanische Konzil, über Jesus … Man könnte den Eindruck haben, Sie interessierten sich für alles. Ich glaube aber: Sie interessieren sich fürs Ganze.

Ich war immer am Ganzen interessiert. Aber was im Nachhinein aussieht wie die Durchführung eines Programms, hat sich in Wirklichkeit aus der Situation heraus jeweils ergeben. Ich wurde von außen in bestimmte Auseinandersetzungen gedrängt. Indem ich mich ihnen stellte, entstand nach und nach – es dauerte lange, bis ich es merkte – eine gewisse Kohärenz in meinem Œuvre: In den Fünfzigerjahren beschäftigte ich mich mit Karl Barth und der Frage der Rechtfertigung des Sünders, in den Sechzigerjahren dann mit Kirche, Konzil, Wiedervereinigung der Konfessionen; 1970 erschien „Unfehlbar? Eine Anfrage“.

Das führte zu einer großen Auseinandersetzung, die mich zwang, ernsthaft über die biblischen und historischen Grundlagen des christlichen Glaubens nachzudenken: „Christ sein“ war das Ergebnis. Dazu kamen „Existiert Gott?“ und 1982 „Ewiges Leben?“. Die große Konfrontation mit Rom 1979/80 machte mich frei zur Erforschung der Weltreligionen und auch zur Beschäftigung mit Weltliteratur. Das alles brachte mich in den Neunzigerjahren auf die Idee des Weltethos. Dieses habe ich im neuen Jahrtausend im Blick auf Weltpolitik und Weltwirtschaft konkretisieren können. Das vorläufige Ende ist nun ein „Handbuch Weltethos“, das im Herbst 2012 im Buchhandel erscheinen wird. So habe ich, ohne es jemals geplant zu haben, schließlich doch einigermaßen das Ganze ausgeleuchtet.

Ihr Werk ist eine Summa, eine Zusammenfassung des Weltwissens unter christlich-katholischer Perspektive. War Thomas von Aquin wichtig für Sie?

Und Hegel. Der hat mir immer imponiert durch seine Faktenkenntnis und seine denkerische Kraft. Exegeten, die eine Stelle genau ausleuchten, schätze ich – ich mache das auch. Aber wirklich beeindruckt bin ich erst, wenn man darüber hinausgeht, wenn man versucht, das Ganze, „Gott und die Welt“, zu begreifen. Die Genauigkeit im Detail ist nötig, aber ich wollte immer bei jedem Detail auch wissen, wo es seinen Ort hat in der großen Architektur des Ganzen – der Welt und des Buches, das ich gerade schreibe. Ich schreibe viel um und noch einmal um. Meine großen, dicken Bücher – ich betrachte sie wie Symphonien. Die Themen gehen einem meist bald auf. Doch wichtig ist, was man aus ihnen macht, wie man sie in Beziehung zueinander setzt. Bei jedem größeren oder kleineren Kapitel mache ich zuerst eine relativ rasche Rohskizze, das ist der eigentlich kreative Vorgang. Das muss einem geschenkt werden. Die Instrumentierung kann ich dann in einem weiteren Arbeitsgang hinzufügen. Meine Bücher sind also Kompositionen. Sie sind, so wird mir immer wieder gesagt, leicht zu lesen. Aber dieses Leichte erfordert viel schwere Arbeit.

Alles Handarbeit?

Buchstäblich. Ich schreibe mit der Hand, dann diktiere ich das. Den Computer-Ausdruck korrigiere ich wieder handschriftlich. So geht das ein paar Mal hin und her. Das Schreiben fällt mir jetzt etwas schwerer. Meine Finger leiden zunehmend unter Arthrose.

Wo schreiben Sie?

Am liebsten an der frischen Luft, da am Tisch auf der Terrasse. Heute saß ich das erste Mal in diesem Jahr wieder draußen. Ich höre gerne Musik dabei, alles zwischen Monteverdi und Strawinsky, viel Mozart.