„Ostfrauen“: RBB und MDR feiern wenig differenziertes Bild einer Minderheit

Da hat das Land Berlin dem Filmprojekt sogar zu einem Feiertagstermin verholfen. Die ersten beiden Folgen der Dokureihe „Ostfrauen“ laufen am Frauentag, ab 20.15 Uhr, bei RBB und MDR. Die Autoren Antje Schneider und Lutz Pehnert erweisen sich als echte Gratulanten für alle Frauen zwischen Ostsee und Erzgebirge, feiern sie in der Ouvertüre überschwänglich: „Sie sind selbstbewusst, unabhängig, erfolgreich. Sie machen Karriere, nicht nur in der Politik. Sie meistern Beruf und Familie, weil sie es nicht anders kennen. Sie reden nicht über Emanzipation, weil sie emanzipiert sind.“

In den drei Folgen reden insgesamt 18 solcher „Ostfrauen“ über sich und ihr Selbstverständnis, alle werden dazu mit einer Kurzbiografie vorgestellt. Manche sind Ende Siebzig, andere erst Mitte Zwanzig, was die Frage aufwirft, wie lange die biografische Prägung eigentlich hält. Umspielt werden die Aussagen von prägnanten Filmausschnitten mit Defa-Heldinnen wie Jutta Hoffmann, Angelica Domröse, Renate Krößner und Katrin Sass sowie Dokumentarfilmen, in denen selbst die berüchtigte Justizministerin Hilde Benjamin – in einer MDR-Produktion von 2013 „Die Scharfrichterin der DDR“ genannt –, als Vorkämpferin der Ostfrauen angeführt wird.

Ostdeutsche Bundesministerinnen ebenfalls Dreh-Anlass für Produzent Olaf Hoferichter

Die Vorzeige-Frauen können fast allesamt aus einem besonderen Lebensweg berichten, was oft anregend ist und zum Vergleich einlädt. So war Solveig Leo in den 60er-Jahren die jüngste LPG-Vorsitzende der DDR, Sabine Eckner Anfang der 90er dann die jüngste Chefin eines Arbeitsamtes, Simone Brackrog kennen viele als Aktmodell, Viola Klein leitet heute eine Softwarefirma mit mehr als 200 Mitarbeitern – und Regine Sylvester muss den Lesern dieser Zeitung gar nicht vorgestellt werden. Deutlich und anschaulich wird, wie die staatlich angeordnete Emanzipation nicht nur zu einer anhaltend höheren „Erwerbsneigung“ und zu einem Vorsprung in puncto Gleichstellung führte, sondern auch zu erhöhten Raten bei Scheidungen und Schwangerschaftsabbrüchen, die in der DDR viel liberaler geregelt waren. Vor allem aber will die Reihe zeigen, dass die „Ostfrauen“ mit ihrem Pragmatismus die Bundesrepublik stärker verändern, als sie es selbst wahrhaben wollen.

In der Folge „Wege zur Macht“ rücken Politikerinnen ins Zentrum, wie die beiden SPD-Frauen Petra Köpping und Katrin Budde, die linke Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg oder die Lausitzer Konservative Jana Schimke, die 1989 gerade mal zehn Jahre alt war. Die höhere Präsenz der Ostfrauen in der Politik, so sind seit 2013 sämtliche ostdeutsche Bundesminister stets Frauen gewesen, war für Produzent Olaf Hoferichter überhaupt der Anlass für diese Dokureihe. In den Interviews stellen alle Politikerinnen das Verbindende heraus – als stünden Sozialisation und Herkunft über politischer Position, als würden sie stets mit einer Stimme sprechen.

Ostfrauen ohne tolle zweite Karriere werden nicht gezeigt

Überhaupt besteht das Problem dieser Reihe darin, dass im Kommentar, den Anna Thalbach spricht, alle Aussagen sofort verallgemeinert, oft pauschalisiert werden. Doch Ostfrauen, die keine zweite tolle Karriere hingelegt haben, sondern nach der Wende sich zurückzogen, Hausfrau wurden, in Mini-Jobs festhingen oder resignierten, kommen im Film nicht vor. Gegenüber den „Westfrauen“ aber müssen sich fast alle Befragten immer wieder abgrenzen. Keine wollte je „Emanze“, „Karrierefrau“, „Püppi“ oder „Superweib“ sein. „Ostfrauen sind kein Mythos – sie bestehen auf ihr Glück“, heißt es hymnisch im Ausklang des ersten Teils. Gilt das nur für sie?

Ostfrauen Folgen 1/2: „Wege zum Glück“, „Wege zur Macht“, Fr, 8.3., ab 20.15 Uhr , RBB und MDR; Folge 3: „Weg vom Herd“, Di, 12.3., 20.15 Uhr, RBB, 22.05 Uhr, MDR

Begleitstudie: rbb-online.de/ostfrauen