Heinrich Voelkel: Deutschland – Österreich; Grenzübergang Tittmoning, aus der Serie „no easy way out“, Coronazeit  2020
Foto:  Ostkreuz/Heinrich Voelkel

Berlin - Was tun im verrückten und bis heute folgenreichen Jahr 1990? Prall von Motiven war die chaotische, auch orientierungslose Wendezeit, doch die Auftragslage für ostdeutsche Fotografen wurde prekär. DDR-Redaktionen, Verlage wurden übernommen oder abgewickelt. Die bunten Bilder aus dem Westen ließen der schwarz-weißen Tristesse keine Chance. Aber im Osten Berlins gab es exzellente Fotoreporter mit einem kritischen, aber auch tief melancholischen Blick auf die Realität. Diese „triste“ Fotografie hatte zunächst auch vor dem westlichen Blick einen schweren Stand. Die Vorurteile überwogen, doch die Qualitäten der Gruppe wurden bald erkannt. Inzwischen gibt es ohne Ostkreuz-Beitrag keinen der aller zwei Jahre stattfindenden Europäischen Monat der Fotografie. Der Oktober bietet berlinweit 144 Foto-Ausstellungen. Die Ostkreuz-Schau „Kontinent – Auf der Suche nach Europa“ in der Akademie der Künste ist das Herzstück.

Ina Schoenenburg:  Junges Mädchen im Bildungs- und Begegnungszentrum Schloß Trebnitz, 2019, aus der Serie „Zwiazki“, 2016–2020

 
Foto: Ina Schoenenburg/OSTKREUZ

Ostkreuz: Sieben Fotografen – darunter die 2010 verstorbene Sibylle Bergemann,  deren herb-poetische Bilder in der Schau eine ganz Wand alleine füllen und deren Credo „Mich interessiert der Rand, nicht die Mitte“ belegen,, gründeten im Jahr der Wiedervereinigung so trotzig wie mutig die Agentur Ostkreuz. Man war so anspruchsvoll, sich die legendäre Fotoagentur Magnum, 1947 gegründet in New York unter anderem von Robert Capa und Henri Cartier-Bresson, zum Vorbild zu nehmen, den ungeschminkten Blick auf die menschliche Komödie, inklusive des genossenschaftliches Statuts: Jeder für alle. Alle oder keiner. Kein Starkult, gemeinsame Vermarktung, geteilter Erlös, geteiltes Risiko. Jeder gibt von seinen Einkünften 20 Prozent in die gemeinsame Kasse.

Die Wagemutigen hießen Sibylle Bergemann, Ute und Werner Mahler, Harf Zimmermann, Jens Rötzsch, Harald Hauswald, Thomas Sandberg. „Alles war neu“, schaut Ute Mahler zurück. „Wir gründeten Ostkreuz ebenso als Überlebensstrategie wie als Mittel, um gleichgesinnte, individualistische Persönlichkeiten zusammenzubringen zu einer egalitären Gemeinschaft.“ Die zählt heute 22 Mitglieder. Plus die unvergessliche Sibylle Bergemann. Wenn die Agentur sich trifft, um zu beraten, zu streiten, zu feiern, dann steht ihr leerer Stuhl dabei, dann fragt der eine oder andere in der Runde: „Und was würde Sibylle dazu sagen?“ Der Name ist Programm: Das Ostkreuz war 1990 noch ein ruppiger Umsteigebahnhof im Berliner Osten. Das passte, weil er in seiner Form an eine Windrose erinnert, sich in ihm die Linien aller Himmelsrichtungen treffen. Ostkreuz bezeichnet zudem  jenen Punkt, von dem aus man in jede Richtung aufbrechen kann.


Ute Mahler und Werner Mahler: Der Rhein bei Walsum, 2019, aus der Serie „An den Strömen“, 2019–2020

Foto: Ute Mahler und Werner Mahler/OSTKREUZ

Ostkreuz hat seither nicht nur zig Fotopreise eingefahren, die Agentur hat sich auch verjüngt. Fünf der Fotografen wurden ausgebildet an der privaten Ostkreuz-Schule. Und alle, so subjektiv auch der Kamerablick, interessieren sich für den utopischen Raum Europas, nehmen die demokratiebedrohende Spaltung und Zerstörung der Utopie schmerzhaft wahr, die  Flüchtenden, den Klimawandel, islamistischen und rechten Terrorismus, rechtsradikale und nationalistische Tendenzen, nicht  zuletzt die Folgen der Corona-Pandemie.

In den Bildersälen der AdK am Pariser Platz, in der vom Hamburger Museumsmann Ingo Taubhorn kuratierten Ostkreuz-Jubiläumsschau ist ausgebreitet, was das Arbeitsethos dreier Generationen von Fotografen  hervorbringt: Fotografie als Haltung und Leidenschaft. Zeitgeschehen, festgehalten in freien Reportagen und Bildserien. Ostkreuz-Weltsichten sind disparat. Die Haltung dazu aber immer eine: Es geht um Respekt, Empathie, Sensibilität. Dokumentieren heißt aufzeigen, nicht entblößen. Die Ästhetik der Bilder soll weder verklären noch urteilen. 

An den Wänden der Akademie hängen subjektive, auch beiläufige und experimentelle Motive voller Fragen an einen Kontinent, der spätestens seit Corona im Ausnahmezustand ist und neue Abriegelungen erlebt. Heinrich Voelkel fotografierte die  bizarren Grenzsperren zwischen Bayern und Österreich. Da sind aber auch Jordis Antonia Schlössers Aufnahmen vom zaghaft wiedererwachenden jüdischen Leben in Osteuropa. Linn Schröder erzählt aus ihrer Familiengeschichte heraus Schicksale in den zerfurchten Gesichtern alter Leute, die 1945 aus Oberschlesien geflüchtet waren. Sibylle Fendt porträtierte junge Männer, Geflüchtete in einer abgelegenen Unterkunft im Holzbachtal, Schwarzwald. Bleierne Wartezeit. Warten auf den Asylbescheid, aufs Bleiberecht in Deutschland, Europa. Rauchkringel wie vage, ungreifbare, flüchtige  Hoffnungswolken. 

Und dann blickt man in das skeptische Mädchengesicht aus Ina Schoenenburgs Serie „Zwiatzki“, fotografiert in der deutsch-polnischen Grenzregion an der Oder. Selten waren die Zweifel am Gelingen der Idee von Europa so groß wie jetzt, scheint der Blick des Teenagers zu sagen. Auch gestandene Ostkreuzler wie die berühmten Mahlers und Hauswald fassen Konfrontatives auf ihren Streifzüge durch die europäischen Niederungen des Alltags behutsam an. Empathie ist Gesetz auch für Annette Hauschild, Linn Schröder, den sensiblen Porträtisten Jörg Brüggemann, für einfühlsame Beobachter und Menschenfreunde wie Maurice Weiss, Tobias Kruse, Dawin Meckel, Espen Eichhöfer, Johanna-Maria Fritz, Jörg Brüggemann und all die anderen.

Sibylle Fendt : Sezar Krout, 2016, aus der Serie „Holzbachtal, nothing, nothing“ , 2015–2018



Foto: Sibylle Fendt/OSTKREUZ

Tristesse verbirgt sich hinter kühler Normalität in den Aufnahmen des Jüngsten in der Gruppe, dem  24-jährigen Sebastian Wells, der für die Berliner Zeitung die „Zeitenwende“-Serie bebildert. Er machte mit seiner Kamera die ökologische Krisenregion Südost-Sizilien mit den brutalen Erdölraffinerien zu einer Metapher für das Dilemma: Arbeitsplätze versus Umweltzerstörung.

22-mal Ostkreuz am Pariser Platz, da sehen wir, wie Fotografinnen und Fotografen in den europäischen Alltag reisen, zu Konfliktherden und dahin, wo Heimat ist, Hoffnung ist, Zuversicht, Schönheit. Lachen. Die Kameras sind mal schwer, mal leichter, die Stative sperrig. Der Fotografenrücken schmerzt, und die Welt im Sucher heißt conditio humana. Auch das klingt nach dem Credo von Magnum: Realitätsnähe, Menschlichkeit, Respekt. Nie Effekthascherei. Kein Krawall-Journalismus: Schau her. Und siehe, dass es sich lohnt, diese Welt, dieses Europa zu einem besseren Ort zu machen!

Akademie der Künste, Pariser Platz 4, 2. Oktober bis 10. Januar 2021, Di–So 11–19/Do bis 22 Uhr. Katalog (Hartmann Books) 39,90 Euro, Zeitfenstertickets adk/de/tickets, Begleitprogramm: ww.ostkreuz/kontinent.de