Das Bild dieser zwei Männer dürfte es eigentlich nicht geben. Erstens ist es in einem militärischen Sperrgebiet entstanden, Sebastian Wells hatte sich eingeschlichen, wurde entdeckt und musste seine Fotos löschen. Zweitens ist dieses Bild ästhetisch, eine Komposition: weiße Container links und rechts, ein kleiner Gegenstand fliegt herüber von einem Mann zum anderen, beide stehen sie oben auf den Treppen, die Containertüren sind offen. Im Hintergrund ein bewaldeter Hügel, davor Wäscheleinen.

So normal. So harmonisch. Obwohl die Szene an einem schlimmen Ort  aufgenommen worden ist: in Moria auf der griechischen Insel Lesbos, im Erstaufnahmelager für Geflüchtete. Manche nennen es  Lager der Verzweiflung oder gleich: Hölle. Es ist ein europäischer Unort − vor allem aber ein Ort voller Menschen. Um die geht es dem  Fotografen Sebastian Wells, um ihre Stärke und Abhängigkeit. Wie sie den Raum gestalten und über andere verfügen oder eben nicht.

„Ich liebe meine Bilder nicht. Manche Bilder sind besser, viele sind schlechter“, sagt der junge Berliner. Das gilt ganz allgemein, nicht nur für sein Abschlussprojekt an der Ostkreuzschule für Fotografie, für das er 24 Flüchtlingslager in sieben Ländern besucht hat. Was er liebt: „Eine Kamera in der Hand zu halten, weil man dann eine Funktion hat, egal in welcher Gesellschaft man sich gerade befindet. Auch wenn man nicht dazugehört, im Zweifel ist man der Fotograf und auf diese Art und Weise irgendwie ein bisschen zu Hause, wenn auch nicht so richtig. Das liebe ich sehr.“

Berliner Sportplätze und die große Bühne

22 Jahre ist Sebastian Wells alt, preisgekrönt für seine Sportfotos, aufgenommen auf Berliner Sportplätzen und der ganz großen Bühne Olympia. 2016 druckten Zeitungen und Magazine sein Bild von Usain Bolt großformatig ab, es wurde zum Sportfoto des Jahres gekürt, und auf einmal galt Wells als Fotograf mit dem besonderen Blick auf den Sport. Er, der Schüler, der Suchende.

Ursprünglich wollte Wells für sein Abschlussprojekt nur nach Kenia, er hatte einen Bericht über Dadaab gesehen. 1991 war das Lager nach dem Sturz des somalischen Diktators Siad Barre als Übergangslösung für 90 000 Flüchtlinge angelegt worden, bis zu eine halbe Million Menschen lebten zwischenzeitlich dort, derzeit sind es offiziell 210.000. Warum ihn dieser Ort anzog? Das wurde ihm erst im Laufe der Zeit klar.

„Mich faszinieren Räume, die künstlich gebaut sind für eine bestimmte Zeit. Räume, die eine Projektionsfläche sind. Olympia ist zum Beispiel ein wahnsinnig künstliches Konstrukt. Solche Räume erzählen ganz viel über Machtstrukturen und Menschenmassen und wie sie sich in Räumen arrangieren“, sagt Wells. So wurde aus der fixen Idee mit Dadaab ein Großprojekt, das ihn von Jordanien über Griechenland, die Türkei, die Niederlande, den Tschad auf das Tempelhofer Feld und schließlich von einer Polizeieskorte begleitet auch nach Kenia brachte.

Ein Jahr lang zog er immer wieder los, finanzierte die Reisen mit den Preisgeldern und Honoraren für seine Sportfotos, wechselte zwischendurch die Welten: Olympische Winterspiele in Südkorea und Fußball-WM in Russland. Abhalten ließ er sich auch von den Polizisten auf der griechischen Insel Lesbos nicht. Einige Stunden Verhör, Warten, die Bilder, die er heimlich im Lager aufgenommen hatte, wurden gelöscht. „Ich durfte gehen, nachdem ich gesagt habe, dass ich am nächsten Tag in die Türkei fliege“, erzählt Wells.

Die Menschen im Mittelpunkt

Was er nicht verriet, war, dass er zurückkommen, sich ein halbes Jahr später wieder an den Wachposten vorbeischleichen und erneut fotografieren würde. Obwohl er gehört hatte, dass andere für die Berichterstattung aus dem militärischen Sperrgebiet, zu dem die Lager in Griechenland erklärt worden sind, verhaftet worden waren, fürchtete er sich nicht. „Ich wusste ja, was ich beim ersten Mal falsch gemacht habe“, sagt er. Die Perspektivlosigkeit der Lagerbewohner bedrückte ihn, die Sympathie zu den Menschen und die Größe des Themas trieben ihn an.

68,5 Millionen Menschen waren laut Flüchtlingshilfswerk UNHCR im Jahr 2017 auf der Flucht, in den Lagern werden die Auswirkungen von vielen Krisen auf einen Schlag sichtbar. Zelte, Container, volle Supermarktkühlungen mit nur einem Produkt – Joghurt als XXL-Portion. Die Sterilität der Lagerstrukturen, die symmetrische Perfektion – selbst auf den Fotos, auf denen kein Mensch zu sehen ist, stehen sie doch im Mittelpunkt der Arbeit von Sebastian Wells – ausgeliefert.

Was alle Lager verbindet: die (mitunter unsichtbare) Grenze, der (ewige) Zwischenzustand, die (dauerhafte) Abhängigkeit. „Die Hilfe durch NGOs oder Regierungen steht in einem sehr ambivalenten Verhältnis zu der Kontrolle, die von diesen Akteuren ausgeübt wird“, sagt Wells. „Die Werte, die die Europäische Union hochhält, vornehmlich die Menschenrechte, sind in den griechischen Lagern, vor allem in Moria, außer Kraft gesetzt.“

Die Ästhetik der Bilder soll weder verklären noch überhöhen noch urteilen. Sie ist für den Ostkreuz-Absolventen Mittel zum Zweck, ein Träger, der für Aufmerksamkeit sorgt. „In dem Fall müssen wir uns alle mit dem Leid der anderen konfrontieren, ohne darauf hinabzuschauen. Um einfach zu verstehen, dass alle Menschen unsere Mitmenschen sind, und es krasse Unterschiede in den Möglichkeiten gibt, die man hat.“

Die Konfrontation legt er behutsam an. Die Tristesse verbirgt sich hinter der kühlen Normalität, erklärt sich durch das Gefangensein der Personen im Raum, dessen Grenzen oft gar nicht zu sehen sind. Wells verortet die Menschen in der Ausweglosigkeit und zeigt sie im Bestreben, aus dem zugewiesenen Platz das Beste zu machen: einen Ort, an dem gelebt werden muss.

Ausstellung bei Ostkreuz

30 Bilder sind vom 5. bis 15. Oktober im Rahmen der  Absolventenausstellung der Ostkreuzschule  auf dem vormaligen Gelände von Robben & Wientjes in Kreuzberg zu sehen, 63 hat Wells in ein Buch gebunden, zusammengehalten von einem orangenen Faden. „Orange wie irgendwas, das nicht passt, wie der Flüchtling, der eigentlich nicht vorgesehen ist in einem System von ganz vielen Staaten und Staatsbürgern“, sagt er.

„Utopia“ hat er sein Projekt genannt, obwohl er keine Utopie fotografiert hat, sondern einen Ausschnitt der Realität. Doch ist das Wort abgeleitet von utopos, Nicht-Ort. „Das ist genau das, was ein Lager ausmacht: ein ewiges Provisorium“, sagt Wells. Dann denkt er an die einstige Notaufnahme für Flüchtlinge aus der DDR in Marienfelde. Sie war damals nicht die Lösung, sondern später die Wiedervereinigung. In dem Fall seines Projekts wäre die Lösung noch eine Nummer größer. Globale Solidarität. Utopisch?

Absolventenausstellung, Ostkreuzschule für Fotografie, 5. bis 15. Oktober 2018, The Shelf, Prinzenstraße 32-34