Die Künsterin Otobong Nkanga vor ihrem Werk „Double Plot“ im Martin-Gropius-Bau.
Foto: Laura Fioro

BerlinEs ist wie eine Szene aus dem Chemieunterricht: Ein mit Wasser gefülltes Glasbehältnis steht inmitten des Raums, und an der hahnförmigen Öffnung tritt regelmäßig ein dicker Tropfen aus. Allerdings erst, sobald er seine volle Form erreicht hat. Dem Hahn entronnen, plumpst er auf eine abschüssige Rinne, rutscht nach unten und landet auf einer heißen Kachelfläche, wo er dramatisch seiner Form beraubt wird, indem er zischend verdampft. Schon bildet sich oben der nächste Tropfen.

Wäre diese kleine Wasserkaskade - Otobong Nkangas Arbeit „Contained Measures of Shifting States – Evaporate“ - ein griechischer Mythos, der Tropfen wäre Sisyphos und sein Stein in einem. Die Negation des physischen Zustands des Tropfens ist wie das antiklimatische Hinabrollen des Steins kurz vor Erreichen des Gipfels. Sprich, das Entlarven der Absurdität des Hinaufschleppens. Nkangas Werk spielt mit der Logik sinnbefreiter Verwertungszyklen sowie mit den sprichwörtlich verdampfenden Aufmerksamkeitsspannen, die wir ihnen dieser Tage widmen.

Kritik am Umgang mit Rohstoffen auf Kosten des globalen Südens

Die darin liegende Kritik zielt insbesondere auf den postkolonialen Umgang mit Ressourcen: Wasser, Kohle, Mineralien - Rohstoffe, die oftmals im afrikanischen Kontinent abgeschöpft und auf wohlhabenderen Kontinenten verbraucht werden. Es ist ein Umgang, den die nigerianische Künstlerin als zwanghafte Suchtstörung begreift: Das schier unendliche Bedürfnis nach der Befriedigung diverser Stimuli, das trotz der katastrophalen Folgen für den globalen Süden fortlaufend neu gestillt werden muss und längst nicht mehr in Frage gestellt wird.

Um diese Infragestellung geht es Nkanga. „There's No Such Thing As Solid Ground“, lautet der Titel ihrer Ausstellung. Es ist eine Absage an die Illusion der Bodenständigkeit - materiell wie ideell. Die Körper, der Boden, das Material, so lautet die Botschaft ihrer Werke, all das ist miteinander verbunden. Um den Zusammenhang dazwischen freizulegen, bedarf es einer Ethik der Fürsorge. „Wir müssen Widerstand leisten“, sagt Nkanga im Gespräch mit der Gropius-Bau-Direktorin Stephanie Rosenthal, uns „um alle Körper kümmern: die Gewässer, die Landstriche und unsere emotionalen und psychologischen Zustände“. Eine Losung, die in Corona-Zeiten umso bedeutsamer wird.

Die mediale Spannbreite, mit der Nkanga diese Gedanken verfolgt, ließe sich kaum breiter vorstellen. Zeichnungen, die in ihrer emotionalen Direktheit an die Malerei der Surrealistin Frida Kahlo erinnern. Eine begehbare Steinfläche, eine raumfüllende Sound-Installation, eine Performance, bei der zwei schwarze Frauen zu wandelnden Untersätzen von Topfpflanzen werden. Und auch Wandteppiche oder eine afrofuturistisch aufleuchtende Kreisskulptur. Die Kunst von Otobong Nkanga kennt kaum Grenzen: weder zwischen Kontinenten, noch zwischen Gattungen.