Nichts auf diesen Altartafeln, das einen zum inbrünstigen Gebet, zur inniglichen Meditation, zum Lobpreisen von Gottes Gnade bringen würde. Da ist auch kein Quäntchen Trost zu haben, nur Schock, Abscheu, Schmerz.

Aus dieser Bildwelt sind alle guten Mächte geflohen. Da, auf der Mitteltafel mit dem Leichenberg, wo die nackten Beine eines Soldaten mit blauschwarzen Wundmalen von Kugelsalven übersät sind Und auf den beiden Altarflügeln, wo der Maler die christliche Ikonografie in einen ungewissen Überlebenskampf verwandelt hat. Ebenso in der grabgleichen Predella (stufenartiger Unterteil eines Altarbildes), aus der keine Auferstehung erwächst. Nirgends ist Gott. Kein Heiland, überhaupt kein Höheres Wesen. Hier herrscht die Macht des Todes. „Jedoch der schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn“, resümierte Schiller seherisch im Gedicht von der „Glocke“.

Der Ostthüringer Otto Dix (1891-1969), einer der – aus dem Altmeisterlichen wie dem Expressionismus gekommenen – großen deutschen Veristen und Maler der Neuen Sachlichkeit, begann 1924 in seinem Atelier an der Elbe diesen (Anti)Altar zu malen. Zehn Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges, dessen unsägliche Schrecken er in den Schützengräben von Verdun am eigenen Leibe erlitten hatte, musste es aus ihm heraus. So wurde die Hölle des Grabenkrieges – in der Millionen von Soldaten, jahrelang im Schlamm in einen sinnlosen Kampf verstrickt, verreckten oder ausharrten – zum Altar der Gottverlassenheit.

Denkmal gegen den Krieg

Als Dix die düsteren Farben für dieses Triptychon mischte, war er Professor an der Dresdner Kunstakademie, wo er selber studiert hatte. Nur ein Jahr später jagten ihn die an die Macht gelangten Nazis aus dem Amt, setzten seine Kunst auf den Index des „Undeutschen, Entarteten“. Die Tafeln konnte er noch sicher verstecken, so wurden sie nicht beschlagnahmt, sie überdauerten auch die Phosphor-Fliegerbomben auf die Elbestadt.

Seit 1946 warben die Dresdner Kunstsammlungen bei Dix, der inzwischen nahe dem Bodensee lebte, um den Ankauf des Altars. 1968, ein Jahr vor seinem Tod, verkaufte ihnen der Maler das Werk; er fühlte sich der Stadt noch sehr verbunden, obwohl er den Schreckens-Altar besser in einem schwarzen Bunker an der einstigen Frontlinie gesehen hätte, als ultimatives Denkmal gegen den Krieg. Im Westen war inzwischen ohnehin fast nur noch abstrakte Kunst gängig. Dresden musste damals allerdings für die nötige Westmark andere Kunstgegenstände aus seinen Depots veräußern; für Ostmark waren die Dix-Tafeln nicht zu haben. Umso intensiver wurde das Triptychon dann, neben Picassos „Guernica“, zum meistrezipierten Schlüsselwerke der Nachkriegszeit.

In seiner altmeisterlichen Manier ist Dix’ Anti-Kriegs-Altar geschult an Grünewalds „Isenheimer Altar“, an Dürers „Apokalypse“-Zyklus, an Goyas „Los Desastres“.

Wir schauen auf ein Sinnbild des unheilig-heillosen Krieges: Über die Mitteltafel zieht sich eine vollständig verwüstete Landschaft, über die Leichenteile verstreut sind. Lediglich ein Soldat mit Gasmaske scheint noch am Leben zu sein. Wie grotesk grausam: Aus den anderen Gefallenen quellen die Gedärme, fast glaubt man, das verbrannte Holz der Grabenbewehrung zu riechen; an einem ins Bild kragenden Eisenteil hängt ein Toter in einem weißen Stoff-Fetzen, wie ein gespenstisches Leichentuch Christi. Oder als weiße Fahne, die nach Kapitulation schreit.

Halbfertige Szenen verworfen

Links marschiert eine geisterhafte Kolonne mit Stahlhelm, Tornister, Bajonett durch eine graue Nebellandschaft; die Szene wirkt geradezu surreal, auch der dezidierte Blick des Betrachters auf jene beiden Soldaten, von denen man ein Stück Hals, ein Auge und das bärtige Gesicht sehen kann. Rechts schleppen sich unter brennendem Himmel zwei Gestalten über ihren toten Kameraden aus dem Kampf. Der noch Kräftigere, in dessen Rücken der verkohlte Baum das Golgatha-Kreuz andeutet, stützt den Schwerverletzten. Ein Humanismus-Verweis, ein Dix-Selbstporträt. Die erschöpften – oder toten? – Soldaten in der Predella sind im Stil angelehnt an Holbeins Bild „Christus im Grab“.

Dabei machte Dix es sich mit diesen unpatriotischen, unheldischen Material-Schlachtfeld-Szenen und Schilderungen des Stellungskrieges nicht leicht. Das belegen jetzt in den Restaurierungswerkstätten der Dresdner Museen vorgenommene Untersuchungen der Tafeln durch strahlendiagnostische Verfahren. Dix hatte um die Komposition gerungen, schon halbfertige Szenen verworfen, getilgt – um sich mehr und mehr dem Altmeisterlichen zu nähern.

Und so entstand ein Jahrhundertbild. Eins, von dem man sagen kann, dass es einem „den Bast von der Seele“ reißt. Was wir sehen, sagt auch, dass der Maler die erneute Gefahr durch die Schwäche und Indolenz der Weimarer Republik voraussah, er gleichsam Stalingrad 1943 vorwegnahm. Jetzt, 100 Jahre nach Kriegsbeginn und am Ende der Passionszeit, vor Karfreitag, hängt dieser Altar wie eine Mahnung in Dresden. Eine schwer auszuhaltende Metapher der Urkatastrophe der Moderne.