Am Ende lehnt sich Meret Becker an die verschrobene, kleine Esche, die direkt neben dem offenen Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof wächst, und ein zartes Lächeln fliegt über ihr blasses Gesicht. Der Trauerzug für ihren Stiefvater Otto Sander, dessen schlichter Holzsarg soeben zu einem leisen Trompetensalut in die Erde eingelassen wurde, steht noch bis weit in die Chausseestraße hinein: Regisseur Wim Wenders schiebt sich neben Rockikone Udo Lindenberg langsam voran, Schauspieler Ernst Stötzner, Eva Mattes und David Bennent neben Bürgermeister Klaus Wowereit, Akademiepräsident Klaus Staeck neben Schriftsteller Peter Schneider. Aber hier, um diesen vierschrötigen, kleinen Baum, dem manche Äste trocken herunter hängen, andere vital nach oben recken, dem schiefsten und interessantesten Gewächs weit und breit, versammelt sich die Schauspielerfamilie Sander – Ehefrau Monika Hansen und ihre Kinder Meret und Ben Becker. Und es ist, als ob sich all das, was in der Trauerfeier zuvor über Otto Sander gesagt wurde, in diesem Baum noch einmal kristallisiert: der Sinn für das Sonderbare, Zerbrechliche, für das Komische, für all das, was Otto Sanders und seine Schauspielkunst so besonders und liebenswert machte.

Es ist ein sonniger Samstagmorgen in Berlin und ein selten schöner, schlichter, ergreifender Abschied für den Schauspieler, der am 12. September nach längerer Krankheit zweiundsiebzigjährig starb. Auf Wunsch der Familie fand die Trauerfeier im Berliner Ensemble statt und Intendant Claus Peymann sagte ohne Zögern zu, zählt er doch selbst zu den ältesten Freunden Sanders. Auch war es Peymann, der den jungen Schauspieler einst nach Berlin holte an die Freie Volksbühne, fünfundvierzig Jahre ist das her. Nun steht auf der großen, nach hinten geöffneten Bühne des BE ein heller Holzsarg bestreut mit hunderten Blütenblättern, kleine Kerzen flimmern unregelmäßig verteilt darum herum und drüber hängt ein großes Foto, das Otto am Tisch sitzend zeigt: den Kopf an den angewinkelten, rechten Arm gelehnt und mit einem Blick, von dem niemand sagen könnte, ob er nun melancholisch ist oder traurig oder doch viel eher heiter, verschmitzt, leicht lächelnd. Er ist in seiner zarten Andeutung all das zusammen und das Schiefe, Lässige seiner Haltung hat nichts von Pose. Man wird später am Baum neben seinem Grab daran zurück erinnert.

Eine „knautschige Geste“ könnte man sie auch nennen, wie Klaus Wowereit das in seiner sehr persönlichen Dankesrede treffend beschrieb. Er erinnerte an Otto Sander, den „Menschenfreund“, den „Star ohne Allüren“, den "Berufsberliner", den man manchmal einfach in den Arm habe nehmen wollen, „um ihn zu beschützen vor seiner Gebrechlichkeit“. Und die ehrliche Ergriffenheit, die den Bürgermeister wie auch die meisten anderen Redner zu ähnlichen Bekenntnissen trieb, klang hier keineswegs übertrieben. Stille, freundliche Tränen sah man über viele prominente Gesichter fließen. Eine seltene Ehrlichkeit und Schlichtheit beherrschte die Reden dieses Morgens, die Sanders sehr menschliche, unprätentiöse Art einfach angesteckt zu haben schien. Oder, wie sein Schauspielerkollege Klaus Pohl von ihrer Arbeit am "Hamlet" einst erzählte: „Otto hat uns seine großen, blauen Augen aufgesetzt“.

Kleine Filmeinspieler zeugten von dieser sanften Umkehrung des Blicks. Wie jener, in dem Otto einfach vor der Kamera steht und verwundert feststellt, dass die Schauspielerei immer als „Handwerk“ bezeichnet wird. „Handwerk“? Was ist daran Hand? „Gesichtswerk“ ist sie. Das Auf-den-Punkt-Bringen, das bei Sander immer hieß, die feinsten, inneren Schwingungen freizulegen, diesen schillernden Sanderschen Kern umkreisten alle Weggefährten in ihren Abschieds- und Dankadressen - und es wurden an die dreizehn, vom ehemaligen Bühnenmagier Robert Wilson bis zum ehemaligen Präsidenten Michael Gorbatschow. Claus Peymann fand in ihm den „Berliner Karl Valentin“, Intendant Jürgen Flimm: das „sanfte Herz mit der rauen Stimme“, Wim Wenders, dem er in „Himmel über Berlin“ seine sicher bekannteste und schönste Rolle verdankt; einen „zärtlichen Schutzengel“ und seine Schaubühnenkollegin Edith Clever las einen Text von Botho Strauß, der ihn als „Kreatur des Tragikomischen“ preist.

Am Ende antwortet Otto Sander auf all das noch einmal selbst - mit Joachim Ringelnatz: „Ich reise /Alles, was lange währt,/ ist leise./ Die Zeit entstellt alle Lebewesen./ Ein Hund bellt./ Er kann nicht lesen./ Er kann nicht schreiben./ Wir können nicht bleiben./ Ich lache./ Die Löcher sind die Hauptsache in einem Sieb. / Ich habe dich so lieb.