Berlin - Im Jahr 1971 war der große Polit-Elan schon ziemlich erschöpft und an der Berliner Mitbestimmungs-Schaubühne inszenierte Claus Peymann, wenn auch nach ausführlichen Diskussionen, „Der Ritt über den Bodensee“ von Peter Handke – in den Augen manch politisch Bewegter dekadenter Bürgerscheiß. Der mehr oder weniger diskrete Charme der Bourgeoise erwies sich dann aber doch als resistenter, als so mancher gedacht hatte. Otto Sander entschied sich damals fürs Mitspielen, neben Bruno Ganz, Edith Clever und Jutta Lampe: die vier ganz Großen der Schaubühne.

Nun sind es nur noch drei. Otto Sander ist am Donnerstag im Alter von 72 Jahren in Berlin gestorben. Das teilte die Künstleragentur Meistersinger im Namen seiner Familie mit.

Der damals 30-jährige Sander spielte in dem Stück von Handke den berühmten Schauspieler Emil Jannings. Er versuchte nicht, diese Figur zu kopieren oder wiederauferstehen zu lassen, Jannings berühmteste Theaterrolle war Kleists Dorfrichter Adam gewesen, er spielte einen vollkommen selbstbezüglichen Menschen, der auf dem Sofa saß, der aufwachte, wenn der Plattenspieler ausgeschaltet wurde, und dann „Wie gesagt“ sagte. Das war lustig und sprachkritisch zugleich.

Der Weg zu Botho Strauß’ metaphysikschwangeren Gesellschaftssatiren war da nicht mehr weit, hier feierte Otto Sander seine größten Schaubühnenerfolge, fest engagiert war er von 1970 bis 1979, vor den großen Antiken-, Shakespeare- und Ibsen-Projekten. Hier, bei Botho Strauß an der Schaubühne, taumelte und träumte er den Mann in seiner lächerlichen, melancholischen Überflüssigkeit vor die Zuschauer hin, hier wuchs er zu dem sanften Komiker, dem fremden Anzugmenschen, zum undurchschaubarsten Müßiggänger der damaligen Metropolen. Sander entfaltete ein merkwürdiges Männeruniversum, eigentlich ein Kuriositätenkabinett, aber auch eine Sammlung von Sozialstudien.

Gereift zum Volksschauspieler

Von hier war es dann wieder nur ein Schritt zu den stummen Traumtänzern Robert Wilsons, die Sander so wunderbar ironisch verkörperte, zu den Beckett-Exerzitien, zu Tschechows Oberleutnants. Aber auch zu den ausgefeilten Schaubühnen-Komödien, die das leichte Kontrastprogramm zu den dramaturgischen Anstrengungen bildeten.

Im Lauf der Jahre wurde der 1941 in Hannover geborene und in Kassel aufgewachsene Sander dann immer mehr der typische Berliner, an dem ein Hauch der großen Franz-Biberkopf-Zeit, jener Zwanzigerjahre, als die Stadt ganz sie selbst war, zu hängen schien. Fast notwendig mündete das in den „Hauptmann von Köpenick“, den er 2004, nein, nicht in Berlin, sondern am Bochumer Schauspielhaus in der Regie von Matthias Hartmann spielte. Nach Heinz Rühmann die zweite wesentliche Verkörperung dieser Figur. Sander wirkte, als sei er irgendwann einmal geboren worden, um diese ja mittlerweile doch etwas aus der Zeit gefallene Rolle zu verkörpern.

Schon das zeigt, was Sander auch war: Er war nicht nur der große präzise Rollenerarbeiter in der Hand großer Regisseure, einer, den sie brauchten, um ihrem Spiel Dimensionen zu geben, die sie nicht einmal geahnt hatten. Er war auch der Volksschauspieler, den jeder, der ihn sah, sofort spüren konnte.

Wer ihn in den letzten Jahren sitzen sah, mit den immer noch rötlichen Haaren, mit dem knitterigen, gegerbten Gesicht, der empfand Ehrfurcht. Wo auch immer er in Berlin auftauchte, bei einer Premiere oder bei einer Feier, war er der Mittelpunkt, eine Autorität. Wenn er sprach, und es war nicht immer viel, was er mit seiner einzigartigen Stimme sagte, spürte man Skepsis und noch mehr spürte man Souveränität.

Reibeisenhaft wie der märkische Sand

In den letzten Jahren war Sander so wie von selbst die Inkarnation eines bestimmten Typus des Berliner Schauspielers geworden: distanziert, karg, rau, voll von verstecktem Witz. Merkwürdigerweise ist dieser Typus trocken, er scheint reibeisenhaft wie der märkische Sand. So mischten sich in Sander, was am Ende vielleicht die ganz großen Komödianten ausmacht: ein tänzelndes, leichtfüßiges, verspieltes Moment und souveräne Kraft.

Es ist sehr eigenartig, aber irgendwie scheint sich das in seinen Kindern, in Meret Becker und Ben Becker, fortgesetzt zu haben, auch wenn er „nur“ deren Stiefvater war. Es wirkte, als würden die charmant-leichte Komödiantin Meret und der rüpelhafte, polternde Bühnenberserker Ben zwei Möglichkeiten Sanders seien. Es ist in der Tat eine bemerkenswerte Familie: 1971 hatten die Schauspielerin Monika Hansen und Sander geheiratet – Ben und Meret, Kinder aus der ersten Ehe mit dem Schauspieler Rolf Becker, waren damals schon geboren.

Sander war eine Institution. Als solche hat ihn auch Klaus Wowereit gewürdigt. Die Hauptstadt sei für Sander persönlich und künstlerisch zum Lebensmittelpunkt geworden, sagte er. „Otto Sander ist einer der ganz großen Schauspieler auf den Bühnen unserer Stadt gewesen.“ Die Theaterstadt Berlin habe „einen großen Mimen, eine große künstlerische Persönlichkeit und eine unvergessliche Sprechstimme verloren“.

Auch im Film hat Sander immer wieder große Rollen verkörpert, er spielte in Wolfgang Petersens „Boot“, in Volker Schlöndorffs „Blechtrommel“ und in Wim Wenders „Himmel über Berlin“. Da war er der Engel, eine wunderbare Idee, eine Rolle, wie für ihn erfunden. Offensichtlich liebten die Filmregisseure seine grau-trübe Engelhaftigkeit. Es war wie eine Variation auf den stillen Komödianten, der der Schauspieler Sander im Kern wohl war, ein trauriger, melancholischer Komödiant, ein Mann, der vieles, wenn nicht alles, gesehen hatte, aber lieber nicht darüber sprechen würde. Irgendwo zwischen den Marx Brothers und Beckett. So spielte er vor ein paar Jahren „Das letzte Band“.

Der Rauch in der Stimme

Sanders größter Trumpf war seine Stimme, ein weich schnarrendes Organ. Ein paar Stimmen gibt es, die unvergesslich sind, die von Joe Cocker, die von Christian Brückner (die Stimme von Robert De Niro), von Robert Hunger-Bühler zum Beispiel. Die von Otto Sander gehört dazu. Man meint den Rauch zu hören, eine angenehme Brüchigkeit, ein mürbes Kratzen. Auch Sanders Stimme hatte wie seine Erscheinung einen Klang, der ihr eine direkte Verbindung zur großen Zeit des Theaters vor dem Film gab. Das machte ihn zu einer der liebsten Stimmen für Hörspiele, Rundfunkfeatures und Gesprochene Bücher.

Im Jahr 2007 wurde bekannt, dass er an Speiseröhren-Krebs litt, vier Jahre später teilte er mit, den jahrelangen Kampf gegen die Krankheit gewonnen zu haben. „Mit meiner Stimme hat es in den Jahren zum Glück nie Probleme gegeben“, sagte er damals.

Seine blauen Augen, die so melancholisch schauen konnten, und die melodische Reibeisenstimme sind oft bemerkt und besungen worden. Merkwürdigerweise aber hat kaum jemand über den Schalk Otto Sanders geschrieben. Allen Figuren, die er spielte, gab er etwas mit von diesem Schalk, ein wacher, trickreicher Sinn, der offensichtlich sein eigener war, mit auf den Weg. Und wenn er nur darin lag, dass er besonders und betont zurückhaltend agierte. Sander schien die Schauspielerei nie Mühe zu machen, in ihm steckte immer der wortkarge Komiker, der sich mit Gleichmut in die Rolle hineinstellt, die andere ihm hingestellt haben.

Das wirkt unaufgeregt melancholisch, das wirkt cool. Man kann sich Otto Sander deswegen schwer schwitzend bei der Arbeit vorstellen. Man kann ihn sich genauso schwer als glücklichen Menschen vorstellen, aber es ist unmöglich, ihn als unglücklichen Menschen zu denken.