Berlin - Was für eine Power: 185 Schauspieler*innen haben sich im Magazin der Süddeutschen Zeitung als lesbisch, schwul, bi, queer, nicht-binär und/oder trans* geoutet. Von manchen wusste man es, gerade wenn man sich im Kulturbereich bewegt, von manchen nicht. Aber das ist völlig egal. Sie bekunden die Benachteiligung in ihren Berufen aufgrund ihrer sexuellen Identität. Und sie sprechen nicht von der Vergangenheit, die meisten von ihnen sind jung. Was sie hier zusammen tun, ist ein politischer Akt.

Man kann sich fragen: Ist so ein Outing wirklich nötig im Jahr 2021, in unseren liberalen und aufgeklärten Zeiten? Und ausgerechnet im Kulturbetrieb, der doch als so tolerant gilt und sich auch selbst so versteht? Ganze 30 Jahre, nachdem Rosa von Praunheim Hape Kerkeling und Alfred Biolek bei RTL zwangsgeoutet hat? Ist es heutzutage nicht einerlei, welche sexuelle Orientierung man hat, sowohl privat als auch beruflich? Nachdem man die tollen, schmerzhaften Statements im SZ-Magazin gelesen hat: Nein, es ist nicht egal. Und ja: Dieses Outing ist unbedingt nötig. Und es schlägt ein: Ich habe grade meine Tochter runter zum Kiosk geschickt. Es ist keine Süddeutsche mehr zu kriegen.

Ist der deutsche Fernseh-Zuschauer wirklich so?

Ein Skandal wie ihn 1991 Rosa von Praunheim provozieren wollte, ist dieses Outing nicht. Es hat sich nicht erst seitdem vieles verbessert, auch entspannt. So ein Zwangsouting ist heute kaum noch vorstellbar, es gibt LGBTQ+ in allen Bereichen. Es geht den Künstlerinnen und Künstlern aber gar nicht ums Private, um die Schuldgefühle und die Angst, die Ablehnung, die ein Outing trotzdem immer noch mit sich bringen kann. Es geht darum, dass etwa der Schauspielerin Karin Hanczewski geraten wird, sie solle sich lieber nicht outen, wenigstens nicht in der Öffentlichkeit, also nicht vor dem Publikum. Und es geht darum, dass es Casterinnen und Caster gibt, die ihr geraten haben, es nicht zu tun, da sie sie sonst nicht mehr besetzen könnten. Karin Hanczewski spielt unter anderem eine Kommissarin im Dresdner „Tatort“.

fOTO. DPA
Sie haben sich geoutet: Der Schauspieler Godehard Giese (obere Reihe, v.l.n.r.), Ulrich Matthes, Präsident der Deutschen Filmakademie, und Schauspieler Mark Waschke. Die Schauspielerin Ulrike Folkerts (untere Reihe, v. l.n.r.), die Schauspielerin Karin Hanczewski und die Schauspielerin Maren Kroymann.

Das erinnert an die Behandlung, die die schwarze Schauspielerin Annabelle Mandeng von einem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender erfahren hat, als sie sich um eine Rolle bewarb: Der deutsche Fernsehzuschauer könne sich nicht mit ihr identifizieren. Sie hat das vergangenes Jahr öffentlich gemacht. Das Perfide daran ist: Annabelle Mandeng kann ihre Hautfarbe nicht verbergen, aber Karin Hanczewski kann ihre sexuelle Identität verbergen. Dabei spielt sie ja keine queere Kommissarin. Es ist also tatsächlich so, dass offenbar die Angst besteht, sie werde in ihrer Rolle als heterosexuelle „Tatort“-Kommissarin nicht mehr akzeptiert, wenn die Fernsehzuschauer wissen, dass sie nicht hetero ist. Ist der deutsche Fernsehzuschauer wirklich so? Ja, es gibt die latente Homophobie in der Gesellschaft, doch oft wachsen die Leute an dem, was man ihnen zutraut. Die Streaming-Dienste scheinen progressiver zu sein als das deutsche Fernsehen. Vielleicht ist das aber weniger ein Ausdruck ihrer Fortschrittlichkeit, sondern schlicht der Tatsache geschuldet, dass sie ein jüngeres Publikum haben. 

Es geht auch um die Sichtbarkeit und Repräsentanz von LGBTQ+

Dieser Caster-Satz: „Der ist zu schwul“, den Hanczewski zitiert, den hat sie gehört, als es um die Besetzung einer Rolle ging. Was ist das für eine perverse Vermischung der Ebenen?! Was für eine freche Übergriffigkeit in den intimen und biografischen Bereich! In keiner anderen Konstellation wäre er denkbar. Heteros dürfen Schwule spielen, manchmal werden sie dafür als mutig gefeiert, Nicht-Mütter dürfen Mütter spielen und umgekehrt. Und so weiter. 

Doch es geht den 185 auch um Sichtbarkeit, um Repräsentanz in ihrem Bereich, der Kunst, also in Filmen, in Theaterstücken. „Ich komme aus einer Welt, die mir nicht von mir erzählt hat“, sagt Tucké Royale. Es ist genau das, was ich als Mutter einer queeren Tochter denke, wenn wir zusammen Filme gucken. Es gibt dort nichts für sie. Oder viel, viel, viel zu wenig! Sie ist sich dessen wohl bewusst, es stellt sie in eine Nische. Das schmerzt sie und mich. Es muss sich unbedingt ändern.

Es gibt auch schon Ansätze. Es gibt das progressive Gorki-Theater in Berlin. Und Ende 2020 erst hat sich die Ufa zu mehr Diversität vor und hinter der Kamera verpflichtet. Ziel sei es, bis Ende 2024 im Gesamtportfolio der Ufa-Programme eines Jahres die Diversität der Gesellschaft abzubilden. Als Orientierung dient dabei der Zensus der Bundesregierung. Von solchen Initiativen muss es mehr geben. Und es ist großartig, das an Zahlen festzumachen, an dem, das man messen kann. Es ist eine Quote, ohne die es ja in anderen Bereichen auch nicht funktioniert. Das hat Vorbildcharakter. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen muss nachziehen, wenn es seinem Namen gerecht werden will, und zwar sofort.

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Der Filmemacher Rosa von Praunheim.

Noch mal zu Rosa von Praunheim: 1971, vor genau einem halben Jahrhundert also, hatte sein Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ auf der Berlinale Premiere. Der Titel wird oft anders verstanden, als er gemeint war, aber auch damit versteht man ihn richtig. Von Praunheim hatte seinen Film in erster Linie als Aufruf an die Schwulen verstanden: „Werdet stolz auf eure Homosexualität! Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen!“

Aus den Toiletten sind sie längst raus, auch um die Straßen geht es nicht mehr, obwohl das in manchen muslimisch geprägten Stadtteilen nicht mehr stimmt, aber das ist ein anderes Thema - oder vielleicht auch nicht. Jetzt geht um die Sendeplätze. Die 185 Menschen in der SZ haben klargemacht: „Wir stehen bereit. Jetzt sind die anderen dran.“ Kunst kann die Gesellschaft verändern und sie muss sich von ihr verändern lassen!