Oxford-Wort des Jahres: Sind Sie schon im Goblin-Modus?

340.000 Menschen haben ihr englisches Wort des Jahres gewählt. Der Gewinner klingt erst mal garstig – macht aber auch Hoffnung.

Dieser Goblin aus dem „Harry Potter“-Universum gehört zu den netteren Exemplaren seiner Art. 
Dieser Goblin aus dem „Harry Potter“-Universum gehört zu den netteren Exemplaren seiner Art. Warner

Die Demokratie hat gesprochen. Zum ersten Mal seit der Verlag Oxford University Press (OUP) das Wort des Jahres bestimmt, wurde dieses nicht von Mitarbeitern und Sprachexperten gewählt, sondern vom digitalen Pöbel.

„2022 war ein Jahr, das nicht nur von Wiedervereinigungen gekennzeichnet war, sondern auch von Aktivismus sowie sozialen und politischen Umbrüchen“, hieß es seitens der OUP. Damit begründete der Verlag die Öffnung des Abstimmungsverfahrens, aber auch die Auswahl der Kandidaten. „Metaverse“ hätte es werden können oder „#IStandWith“, der Hashtag-Baustein für Solidaritätsbekundungen aller Art. Doch die mit 93 Prozent überwältigende Mehrheit der rund 340.000 Teilnehmer entschied sich gegen alternative Wirklichkeiten und politische Statements und wählte: „Goblin mode“.

Selbstgefällig, schlampig, faul

Laut der Oxford-Definition beschreibt der „Goblin-Modus“ „ein Verhalten, das kompromisslos selbstgefällig, faul, schlampig oder gierig ist, typischerweise in einer Art, die soziale Normen oder Erwartungen ablehnt“.

Dieses Mindset also soll bezeichnend sein für das Jahr 2022. Zum Vergleich: 2015 wählten die OUP-Mitarbeiter noch das vor Lachen weinende Emoji. Stimmungsmäßig ging es anschließend mit „postfaktisch“ (2016), „toxisch“ (2018) und „Klimanotstand“ (2019) deutlich bergab. Und nun also „Goblin-Modus“. Hoffnungen, der Mensch könnte als Spezies von der Zeit im Corona-Kokon profitiert und sich nach dem Trauma des sozialen Entzugs als umgänglicheres, fortschrittlicheres Wesen wieder herausgeschält haben, sind damit zerstört. Oder?

In der Tat haben Goblins nicht den besten Ruf. In Erzählungen aus dem Mittelalter müssen manche von ihnen ihre Mützen stets feucht vom Blut ihrer Opfer halten, andere töten Kinder im Wald mit einer einzigen Berührung. In der zeitgenössischen Popkultur geht es da schon deutlich gesitteter zu: Bei „Harry Potter“ bewachen die Goblins als runzlige Stinkstiefel das Vermögen der magischen Bevölkerung – auch diese modernen Exemplare schnappen allerdings mit fatalen Folgen nach Langfingern.

Bei all ihren zweifelhaften Gewohnheiten kann man über Goblins aber auch sagen: Sie machen keine Selfies, sie leben nicht ihr „bestes Leben“ und feiern keinen „Hustle“ – was sie schon mal sympathischer und auch progressiver erscheinen lässt als einen Großteil der sozialen Netzwerker.

Viral ging das Wort des Jahres übrigens nach einer fingierten Titelzeile auf Twitter, die die Formulierung der Schauspielerin Julia Fox in den Mund legte. Demnach sei ihr „Goblin mode“ der Grund für die Trennung von Kanye West gewesen. Das bestritt Fox zwar anschließend, doch die Assoziation bleibt. Und in Abgrenzung zum hakenkreuzpostenden Hitler-Sympathisanten West wirkt die Goblin-Höhle doch gleich wie ein Palast.