Der Künstler Pablo Wendel im neuen Herz des Kraftwerks
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

LuckenwaldeDer überaus elegante Eingang des E-Werkes an der Rudolf-Breitscheid-Straße hat eine gewölbte Decke, von der Dutzende Glühlampen leuchten – ziemlich passend für ein E-Werk. Über der Eingangstür ist ein Buntglas verbaut, das in einer exzentrischen Mischung aus Comicstil und Belle Epoque eine goldene Faust darstellt, die aus violetten Wolken ragt, und von der Blitze in den blauen Himmel schießen.

Pablo Wendel, der neue Mann im E-Werk, kann eine hübsche Geschichte dazu erzählen. „Zu DDR-Zeiten bekam ein Genosse den Befehl, dieses Kunstwerk zu zerstören und durch einfaches Glas zu ersetzen, da es nicht in die politische Landschaft passte.“ Der Handwerker folgte dem Befehl aber nicht willenlos, sondern zimmerte einfach von außen und innen Bretter darüber, um das Kunstwerk zu retten. So konnte Wendel das Fenster freilegen, als er das E-Werk vor zwei Jahren kaufte. Heute ist es das Logo des neuen „Kunststrom“, der hier produziert wird, und modern wie nie.

Pablo Wendel (39) ist Steinbildhauer. 2012 gründete er „Performance Electrics“, einen Stromanbieter der besonderen Art. Mit ihm fing er an, Strom an wechselnden Standorten in Verbindung mit künstlerischen Projekten zu produzieren. In Berlin, Stuttgart, Brüssel und São Paulo war er damit unterwegs. In Stuttgart baute er das Projekt „Sternenfänger“ in Zusammenarbeit mit der Schwäbischen Sternwarte auf. Dort wurde Lichtenergie aus dem All gesammelt.

Eine Batterie speicherte die Energie des Sternenhimmels als Kunststrom; die Energie vielleicht längst verloschener Sterne brachte ein Lämpchen zum Leuchten. Für eine andere Performance schwärmte seine „Varta-Bande“ mit Hochleistungs-Akkus aus, um Strom in öffentlichen Gebäuden abzuzapfen und ihn dann als Kunststrom ins Netz einzuspeisen und Bedürftigen anzubieten.

Schon 1913 nachhaltig

Luckenwalde könnte man nun als Höhepunkt der elektrisierenden Projekte Wendels deklarieren. Er habe das Werk mit seiner riesigen Gesamtfläche zu einem sehr guten Preis erhalten, den er nicht näher beziffern will. Wendel kennt die Geschichte des Werkes genau – nicht zuletzt dank einiger Zeitzeugen aus Luckenwalde. Das Elektrizitätswerk wurde 1912/13 gebaut.

Die Kapazität reichte aus, um auch die umliegenden Gemeinden mit Strom zu versorgen. 1913 dachte man schon höchst nachhaltig: Mit der Abwärme wurde das heute leerstehende Stadtbad nebenan geheizt. Die Kohle kam mit Güterzügen. Herz der Anlage ist die 350 Quadratmeter große Turbinenhalle, deren Turbinen allerdings nicht mehr da sind.


Kunststrom kennenlernen

  • Das E-Werk von 1912/13: Der Bau dokumentiert den seit der Jahrhundertwende verstärkten Aufschwung der Industriestadt Luckenwalde südlich von Berlin.
  • Das Denkmal: Die Industrieanlage ist ein Beispiel für die Entwicklungsgeschichte der Stromerzeugung jener Zeit, wie sie in dieser Vollständigkeit selten erhalten ist.
  • Der Besuch: Öffnungszeiten, Anreise, Veranstaltungen unter: www.kunststrom.com Besichtigungen ab 11. Januar immer am Wochenende.

Nebenan restaurierte Wendel die uralte Anlage zur Stromerzeugung. Heute kommen Holzschnitze in die Öfen, die mit einem historischen Schaufel-Förderband in den 1. Stock gehievt werden. Wendel deutet auf ein Relais mit dicken roten Lichtern. „Während der DDR-Zeit, wenn Reparaturen anfielen, konnte man nicht einfach Bauteile im Fachhandel kaufen. Die Ingenieure improvisierten und bauten Rückleuchten von Mopeds ein“.

Renovieren mit altem Material

Das Kraftwerk ist eigentlich ein Industriemuseum – Technikgeschichte auf Schritt und Tritt. Zur Instandsetzung nutzte Wendel zum Beispiel einen Gastank aus dem Schrotthandel, der jetzt als Warmwasserspeicher fungiert. Die Stromproduktion des kleinen, modernen Holzkraftwerkes mit Kraft-Wärme-Kopplung will Wendel so ausdehnen, dass rund 200 Haushalte mit seinem Strom versorgt werden.

Allein schafft Wendel die Renovierung nicht. Mit Hilfe des Projektes „Workaway“ kamen über 50 Künstler als freiwillige Helfer aus aller Welt, um ihm zu helfen. Sie erhalten kostenlos Logis und Kost und bringen dafür ihr Wissen ein.

Werkstätten und Ateliers werden vermietet

Außer dem Theater und der Bibliothek sind Kunstorte in Luckenwalde bisher rar, Galerien gibt es gar nicht. Umso mehr freute es Wendel, dass zur Eröffnung von Kunststrom im September 2019 über 1000 Besucher in das E-Werk strömten, viele davon aus Berlin. Kuratorin ist seine Partnerin Helen Turner.

Momentan werden die ehemaligen Büroräume des Hauses bespielt von Nicolas Deshayes, der Heizkörper aus urtümlichen Wulsten gestaltete, Name: Hot Springs. Künstlerin Lucy Joyce ließ sich für „Electric Blue“ von der Geschichte des E-Werks inspirieren und ließ sieben Luckenwalder, darunter den ehemaligen Produktionsleiter Bernd Schmiedl, als „Pfeilträger“ Teil des Werkes werden.

Als funktionale Skulptur, multifunktionales Werkzeug und dynamischer Produktionsstandort, ist jede Etage auf das Energie- und Kunstprogramm ausgerichtet.
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Gemeinsam umschlossen sie eine verspiegelte Pfeilskulptur und bewahrten die Vergangenheit des Werkes. Im Garten des E-Werkes steht ein futuristisch wirkender „Fluxdome“ der Künstler Lukasz Lendzinski und Peter Weigand. Im restlichen Teil des Hauses sind Werkstätten und Ateliers untergebracht.

Die Einnahmen der Vermietung dienen dem E-Werk zur Finanzierung der Kunstprojekte. Auch die Künstler, die hier arbeiten, gehen nachhaltig zur Sache. Wendel deutet auf alte Werkbänke, denen man jahrzehntelange Arbeit ansieht. „Die hat eine Schule aus Schwaben weggeschmissen, für mich unverständlich!“ In anderen Räumen warten riesige CNC Plamsaschneideanlagen, die aus dem Müll kamen, auf ihre Restaurierung.