„Man in front of the Sea“ von Kader Attia.
Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2020/Kader Attia

BerlinGute Fotografie stellt unser Verständnis von Zeit infrage. Woran wir uns in digitalen Zeiten gewöhnt haben, dass Fotografie detailgetreue „Jetzt“-Bilder vom Band produziert, ist philosophisch betrachtet ein Selbstwiderspruch. Ein Foto ist zwar immer Zeugnis von Vergangenheit, im Auge des Fotografierenden spiegelt sich aber kurz vor Auslösung auch ein Stück Zukunft. Roland Barthes nannte dies das „absolut Besondere“ der Fotografie und für Susan Sontag war es die „Einschließung“ von Realität: Gemeint ist die obskure Tatsache, dass die Fotografie eine mechanische Wiederholung der Gegenwart ermöglicht – also dessen, was sich existenziell nie mehr wiederholt. Man könnte also fragen, ob dem Medium nicht gar ein Ethos der Umkehrbarkeit innewohnt: Hat ihr Blick auf die Zukunft nicht per se Anspruch auf eine andere Sicht der Vergangenheit? Es sind derartige Fragen zur Überlagerung der Zeitebenen und den verschiedenen ästhetischen Zugängen, zu denen die Fotoschau „Time Present“ anregt.

Die Arbeiten stammen aus den Händen und Apparaten internationaler Fotografen der letzten 50 Jahre und reichen von Klassikern der deutschen Gegenwartsfotografie bis hin zur Internet-Kunst. So finden sich darin die scharf-gestochenen Schwarz-Weiß-Typologien von Bernd und Hilla Becher genauso wie Arbeiten ihrer Schüler Andreas Gursky oder Candida Höfer, aber eben auch Auszüge aus der vergleichsweise kurzatmigen Online-Inszenierung des Instagram-Alter-Egos von Amalia Ulman. Die Spannbreite zwischen minutiös getaktetem Foto-Realismus und exzentrischem Selfie könnte kaum weiter auseinander liegen. Die radikale Vielstimmigkeit des Mediums, das zeigt die Ausstellung, übersteigt starre Genre-Dichotomien wie analog versus digital bei weitem.

Die Schau ist in vier Bereiche unterteilt, entlang dem Thema Zeit, das als motivisches Stativ fungiert. Der erste lautet „Time Exposed“, was „belichtete Zeit“ bedeutet. Im Vordergrund stehen surreale Szenen des Übergangs. Etwa die poetisch-abstrakten Fluss-Fotogramme der Fotokünstlerin Susanne Derges, die als einzige Bilder der Ausstellung ohne Kamera geschaffen wurden. Die tintenhaften Schlieren ihrer rötlichen Wasserbelichtungen spiegeln die Materialität der Fotografie. Sie wirken wie unfertige Reflektionen der chemischen Prozesse in der Dunkelkammer.

Oder die verträumten Langzeitbelichtungen der japanischen Fotografen Tokihiro Sato und Hiroshi Sugimoto. Sato selbst sagt, Fotografie interessiere ihn weniger als Repräsentation der Realität, sondern vielmehr als eine Technik des „Malens mit Licht“. Tatsächlich wirken seine Schwarz-Weiß-Landschaften mit den Lichtpunkten, die darin aufblitzen, mehr wie impressionistische Gemälde als das Ergebnis des Auslösens einer Kamera. Sugimoto hingegen zeigt das Bild einer Leinwand in einem Drive-in-Kino, die er für die volle Dauer des dort gezeigten Films belichtete. Übrig bleibt ein gespenstisch überlagertes Weiß, das sich langsam, wie ein durchsichtiger Schleier, über die umgebenden Palmen zu legen scheint.

Der Themenbereich „Today is the Past“ verhandelt das Potenzial der Fotografie als Fenster zur Geschichte. Die Arbeiten von Mohamed Camara stechen besonders hervor. Camara, der in Bamako (Mali) und Paris lebt und als Wunderkind der afrikanischen Fotografie gilt, zeigt in „Souvenirs“ (2012) gesichtslose Porträts von Freunden, die alte Fotos in die Kamera halten. Die Abzüge treiben in mit Wasser gefüllten Plastikbeuteln, wie man sie in Mali statt Flaschen am Straßenrand kaufen kann. Die Wölbung dieser Bilder im Bild wirkt unwirklich, wie digital bearbeitet. Eines zeigt einen jungen Fußballspieler. Im Hintergrund der Person, die das Bild hält, sind abgetragene Sportschuhe und ein Ball zu sehen. Camaras Fotos werden so zu Kippfiguren zwischen Traum und Wirklichkeit, persönlicher Erinnerung und entzauberter Gegenwart. Sie lassen die Zeitebenen ineinandergreifen und beschwören das Erbe einer sprichwörtlich verflossenen Vergangenheit.

Das PalaisPopulaire hat für „Time Present“ eine eigene Smartphone-App entwickeln lassen, die Informationen zu den Werken bereitstellt. Dafür hat sie zusammen mit IBM sogar einen KI-Chatbot gebaut. Schade, dass die Anwendung nur vor Ort zu nutzen ist. In einem der Audio-Beiträge zu den Bildern Camaras heißt es über den Hauseingang in Mali, die Szene wirke „nicht glamourös“. Diese Sehweise muss man natürlich im Kontext der Erzählung verstehen, dennoch wirkt der Text teils westlich-despektierlich.

Die letzten zwei Bereiche der Ausstellung behandeln den auf einen Sekundenbruchteil komprimierten Moment der Konzentration, der der Fotografie innewohnt, sowie die diversen gesellschaftlichen Hoffnungen und Ängste, der sie Ausdruck verleiht. Von Kader Attia etwa ist das Bild eines Mannes vertreten, der an der Küste von Algerien mit dem Rücken zum Betrachter steht, inmitten von Betonbrocken, die den Strand absperren. Sein Blick schweift aufs Meer, in Richtung des europäischen Festlands. Dieses Bild ist ein Ausdruck der Sehnsüchte, die sich mit Europa verbinden, aber auch ein ironischer Bruch mit der Innerlichkeit der deutschen Romantik à la Caspar David Friedrich. Der Titel der Ausstellung, „Time Present“, geht übrigens auf ein Gedicht von T.S. Eliot zurück. „Wenn alle Zeit für immer gegenwärtig ist“, heißt es darin, „kann nichts die Zeit erlösen“.

„Time Present, ab 10. Juni im PalaisPopulaire, Unter den Linden 5.
Zur Ausstellung ist ein Katalog im Kerber-Verlag erschienen, 212 S., 29 Euro.