Palmyra in Syrien: Der IS steht kurz vor der Zerstörung der Kulturstadt Palmyra

Palmyra ist der Mythos einer Kulturstadt, wie es nur wenige gibt. Palmyra, die Palmenstadt oder Palmenoase. Eine fruchtbare, von zwei Quellen bewässerte Oase im Herzen der syrischen Wüste. In der Antike war sie mit weiten Foren und Wandelhallen, prachtvollen Tempeln und schattigen Wohnhöfen versehen. Hunderttausende besuchten die Ruinen dieser Wunderwelt vor dem Beginn des syrischen Bürgerkriegs, die schon im 18. Jahrhundert von französischen und britischen Reisenden gut dokumentiert und seit den 1930er-Jahren mit großem Aufwand restauriert worden waren. Die damalige französische Mandatsmacht ließ sogar eigens dafür eine neue Stadt, eben Tadmur genannt, anlegen.

Beide werden nun akut bedroht, vom gar nicht lachenden Dritten im Bürgerkrieg, der IS, dem selbsternannten Islamischen Staat. Seit seinem Aufstieg vor kaum einem Jahr starben bereits Tausende, zittern religiöse Minderheiten und Frauen um ihr Leben. Die 50.000 Einwohner von Tadmur sind in akuter Gefahr. Aber auch die Erinnerung an eine der faszinierendsten Städte der Antike. Der IS hat in den vergangenen Monaten mit der Zerstörung von Ausgrabungsstätten, Museen, nicht-sunnitischen Moscheen und Kirchen gezeigt, was es von der Vielstimmigkeit im Leben hält: Gar nichts.

Verhasste Vielfalt

Nun setzt die syrische Armee Bomber ein, um den IS vor Palmyra zu schlagen. Sicherlich geht es nur sehr bedingt um den Schutz des Welterbes, viel eher um die Beherrschung der Syrischen Wüste. Dennoch stehen wir wieder vor der Kernfrage: Sind wir bereit, für das Erinnern der Menschheit Menschen kämpfen und sterben zu lassen? Das viertausendjährige Palmyra gehörte mit seiner multikulturellen, multireligiösen, die Künste des Westens wie des Ostens verschmelzenden Tradition zu den Orten, die unsere Erinnerung prägen und weiterhin prägen sollten.

Die Antwort von vielen Pazifisten wäre trotzdem, allenfalls die Rettung von Menschenleben erlaube das militärische Eingreifen. Verhandeln sei die einzige Lösung. Das ist ehrenhaft und richtig. Aber wie die Kriege in Kroatien, Bosnien, Serbien und Kosowo sowie derzeit in der Ukraine zeigen, kann diese Maxime nicht einmal in Europa durchgesetzt werden, wenn die andere Seite schlichtweg unwillens ist, zu verhandeln.

Es geht um Menschenleben. Aber was sind Menschen ohne die Möglichkeit, sich zu erinnern? Können archäologische Stätten und Objekte so wichtig sein, dass man dafür stirbt oder sterben lässt? Wir haben keine Antwort auf die Frage. Aber wir werden darüber streiten müssen. Und sei es nur, um uns bald auch in Syrien wie derzeit schon vor der gezielt vernichteten Nationalbibliothek von Sarajevo oder den Einschusslöchern in den Mauern der herrlichen Altstadt von Dubrovnik fragen lassen zu müssen: Was hast Du getan, um das da zu verhindern?