Eine Riege bierliebender Schnecken (v.l.: Marius Lamprecht, Regine Seidler, Lisa Klabunde und Charlotte Helena Sigal). Lisa Klabunde spielt die Hauptrolle der Anna.
Foto: Bildbühne/David Baltzer

BerlinIn dem Theaterstück „Das Leben ist ein Wunschkonzert“ heißt es, dass Schnecken Bier lieben. Stellt man ein Gefäß mit diesem Getränk in den Garten, riechen sie es, kriechen hinein – und ertrinken, weil sie nicht schwimmen können. Aber wie ist das mit den Menschen und dem Bier, zumindest mit einigen Menschen? 

Die Autorin Esther Becker verkneift sich offene Analogien, doch man kann sie ahnen. Denn die vermutlich arbeitslosen Eltern der achtjährigen Anna betrinken sich regelmäßig in der Küche, brüllen herum, fallen zu Boden und schlafen dort in ihrem Erbrochenen ein.

Kein Wunder, dass das Mädchen diesen Raum nicht gern betritt. Sie verbietet den Zugang auch allen Besuchern und erfindet zur Begründung verrückte Lügen. Niemand soll wissen, was sich tatsächlich bei ihr zu Hause abspielt, und dadurch kann ihr niemand helfen. Bis sich das Blatt endlich wendet, ist sie in ihrer Not furchtbar einsam, quält sich, weiß nicht weiter, möchte bloß, dass endlich das Geschrei in der Küche aufhört.

Frank Panhans inszeniert die Uraufführung des Grips-Theaters im Podewil unbeschwert und mit mehr Humor, als man dem schwierigen Thema zunächst zutrauen würde. Ein paar Pappkartonplanken und Pizzaschachteln genügen als mobile Dekorationen, dazu die wie ein Zeichen lose hingestellte Tür zur Küche. Ringsherum verteilte Grünpflanzen sind der Tummelplatz von vier Schnecken in bunten, komischen Outfits samt Stirnlampen (Bühne und Kostüme: Jan A. Schroeder).

Lisa Klabunde überzeugt als Anna mit großer emotionaler Zerbrechlichkeit, durch die immer wieder die Sehnsucht nach einem friedlichen Zuhause und die kindliche Lust am unbekümmerten Unfug strahlt. Mal erzählt Anna über sich und die Situationen, in die sie gerät, mal werden diese tatsächlich gezeigt. Dieser szenische Hin-und-her-Modus spiegelt auch die Balance zwischen ihren prekären Lebensumständen und dem Anschein von Normalität, den Anna zu behaupten gezwungen ist.

Die Eltern tauchen nie auf, das Stück ist ganz aus der Perspektive des Mädchens geschrieben, was dem Geschehen eine berührende Dimension von Gefährdung und Verlorenheit hinzufügt. Dass man trotzdem lachen kann, spricht für die einfühlsame Klugheit dieser Inszenierung, die schöne, atmosphärische Live-Musik von Wieland Möller und das fröhlich intensive Ensemble. Helene Charlotte Sigal als Annas beste Freundin, Regine Seidler als hilfsbereite Nachbarin und Marius Lamprecht als Pizzabote spielen dabei die sympathischen Schnecken aus dem Vorgarten, die singen und tanzen können und es mit den Menschen nicht leicht haben. Aber wer hat das schon?

Das Leben ist ein Wunschkonzert 1.-3.10.,16.-18.10., Grips Podewil, Tel. 39 74 74 77