Die Band Pankow bei einem Auftritt mit der Big Band der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte 1989.
Bild: akg-images / Sammlung Berliner Verlag

Das Gespräch mit André Herzberg von der Rockband Pankow stammt aus einer irrsinnig kurzen Zwischenzeit – zwischen der Demonstration auf dem Alexanderplatz, auf der gefühlt das halbe Land seine Zukunft in die eigenen Hände nehmen wollte – und dem Mauerfall. Kurz zuvor hatte schon Tamara Danz von Silly über die Resolution der Rockmusiker gesprochen, doch im September fand sich noch kein Wort darüber in die Zeitung.

Das Gespräch mit Herzberg spiegelt die enorme Aufbruchstimmung – er spricht von Bestrafung der Verantwortlichen für Übergriffe, von politischen Strukturen der Kontrollorgane, einer Untersuchungskommission. Ein undenkbares Vokabular in einer DDR-Zeitung noch ein paar Wochen zuvor.

In dieser Zeit kam auch die Pankow-Platte „Paule Panke“ in die Läden, die den Musikern 1982 verweigert worden war. Ihr Titel „Langeweile“, ein Soundtrack zur Vorwendezeit, wurde lange nicht öffentlich gespielt. Die Zeile „Zu lange die alten Männer verehrt“ sollte kein DDR-Radio spielen.

André Herzberg, 64, hatte damals seine größten Erfolge als Sänger von Pankow schon hinter sich, tritt aber bis heute mit Soloprojekten auf und als Buchautor. Gelegentlich geht auch die Band noch auf Tournee.

In zornigen Liebesliedern, unverbrämten Texten gegen Spießertum, Untätigkeit, Doppelzüngigkeit und politische Ignoranz hat Pankow seinen Zuhörern stets Identifikationsmöglichkeiten geboten, gewissermaßen deren Frustrationen artikuliert. Ist Glaubwürdigkeit ein Grund für das relativ ungebrochene Verhältnis zwischen Pankow und seinen Fans? Ein Verhältnis, auf das ja nur wenige DDR-Bands verweisen können.

Ein Grund sicher, natürlich gepaart mit unserem Rock’n’Roll, unseren Live-Auftritten überhaupt. Wobei ich nie versucht habe, die Erfahrungen anderer auszudrücken, das waren doch immer meine eigenen. Wenn sie sich mit denen des Publikums decken, ist das in Ordnung. Dass unsere Konzerte noch immer so viele Leute ziehen, macht schon ein gutes Gefühl. Denn dies ist ja ein sehr kleines Land, wir haben wirklich schon überall gespielt, meist nicht nur einmal.

Das Neue wird ja bisher fast nur mit den alten Leuten gemacht

André Herzberg

Wenn Sie in dieser Zeit jetzt neue Texte erdenken, welches sind Ihre Themen?

Also Langeweile nicht mehr. Dieses über lange Jahre in mir gespeicherte Lebensgefühl, das der Song beschreibt, dieses „Rumrennen“, ohne dass was passiert, hat sich erst mal erledigt. Denn es passiert ja was. Hunderttausende sagen ihre Meinung, entwickeln Vorstellungen von der Neugestaltung ihres Landes, melden in Demonstrationen hartnäckig Mitspracherecht an. Ich weiß nicht, ob etwas davon in meine Texte eingeht, wir machen ja keine Agit-Prop-Songs, transportieren doch eher Gefühle. Und die schwanken weiter zwischen Hoffnung und tiefer Skepsis.

Das klingt nach Abwarten und Misstrauen. Registrieren Sie dennoch das gründlich veränderte politische Klima, die neuen Formen des Umganges miteinander. Erste Signale der beginnenden gesellschaftlichen Umgestaltung?

Natürlich. Doch es geht nicht allein um Vertrauen. Vor wenigen Wochen erst haben einige Rocker und Liedermacher mit hohen Funktionären der FDJ geredet, einvernehmlich, wie wir meinten. Das Ergebnis konnten wir am nächsten Tag völlig sinnentstellt in einer Zeitung lesen. Das wurde dann im selben Blatt von uns richtiggestellt, o. k. Aber es verdeutlicht das Dilemma: Es kann nicht mehr nur um moralische Kategorien wie Vertrauen gehen. Sondern, wie auch Gesellschaftswissenschaftler das verlangen, um politische Strukturen mit Kontrollorganen, die schwer zu definierende Moralbegriffe überflüssig machen, die außerdem ein Zurückfallen in alte Zustände verhindern. Denn das Neue wird ja bisher fast nur mit den alten Leuten gemacht. Außerdem: Manch einer wird sein Vertrauen auch erst bei den Demonstrationen um den 7. Oktober verloren halben. Doch es waren die Demonstranten auf der Straße, die die politische Wende hier und zu diesem Zeitpunkt herbeigeführt haben. Was aber ist mit der unabhängigen Untersuchungskommission? Der Bestrafung der Verantwortlichen für die Übergriffe nach den Zuführungen?

Auf dem Kongress der Unterhaltungskünstler im März war wiederholt die konsequente Durchsetzung von Leistungskriterien verlangt worden. Was hat sich seither ergeben?

Zunächst: Nach dem Leistungsprinzip arbeiten wir schon seit Jahr und Tag. Manche Regelung aber spricht dagegen. Eine Band wird nicht danach bezahlt, wie viele Leute sie zieht in einem Konzert, sondern welche Einstufung sie hat. Junge Amateurbands haben oft eine enorme Popularität und entsprechende Anziehungskraft, bekommen aber nur den Bruchteil der Gage einer vielleicht hoch eingestuften, aber total langweiligen Gruppe. Das ist eine leistungshemmende staatliche Reglementierung. Die Bands müssten selbst Veranstaltungen organisieren können, die Höhe des Eintrittsgeldes bestimmen, das dann ihr Honorar ist. Die Einstufung wäre überflüssig. Leistungsschutzrechte auf Platten für Musiker und Sänger spielten eine Rolle auf dem Kongress, verschiedene Plattenlabels. Bislang ist noch nichts durchgesetzt. Doch darüber würde ich in Anbetracht der großen politischen Ereignisse erst mal nicht klagen wollen.

„Langeweile“ ist mein Lieblingstitel von Pankow, mit Abstand. Ein Song, der nach meinem Empfinden beste Voraussetzungen für einen richtig guten Hit hat. Entmutigt Sie die relative Übermacht seichter Popmusik in den internationalen Hitlisten mitunter?

Für „Langeweile“ hatten wir auch gehofft, ja … Es reichte für einen Achtungserfolg. Aber es gibt so viel hervorragende Musik, die international keinen kommerziellen Stellenwert hat dass man damit leben kann. So ist das Musikbusiness.

Pankow kennt man mit theatralischen Rockspektakeln „Hans im Glück“, „Paule Panke“, letzteres auch als Inszenierung am Theater Schwedt. Pankow spielte mit sowjetischen Militärmusikern amerikanischen Swing, organisierte ein Benefizkonzert für die Berliner Synagoge, beteiligte sich am Rock gegen Gewalt. Ideenlos waren die Projekte nie. Welche neuen Vorhaben gibt es? Wie ist es überhaupt, so viele Jahre zusammenzuarbeiten?

Nicht unkompliziert. Weil auch die Ansprüche aneinander hoch sind, nicht immer voll eingelöst werden können, wohl auch von mir nicht. Eine neue Platte ist erst mal nicht in Sicht. Auch die Tourneearbeit wird sich auf eine bestimmte Zeit im Jahr reduzieren, damit jeder Freiräume für eigene Projekte hat. Ich habe da musikalische Vorstellungen, aber auch schauspielerische Ambitionen. Würde sehr gern mal in einem Film spielen.

Sie haben Erfahrungen als Darsteller in Gogols „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ am TiP machen können. Aber glauben Sie auch, wen anders spielen zu können als sich selbst?

So ein Angebot liegt mir gerade vor. Bisher dachte ich auch, mich in Rollen nicht allzuweit von mir entfernen zu können. Andererseits wäre das natürlich besonders spannend. Es ist noch nichts entschieden.