Was würde wohl der neu gewählte Papst von dieser Anna Maria halten? Die Röntgenassistentin ist ihrem Jesus Christus vollkommen ergeben; seine Holznachbildung nimmt sie abends sogar mit ins Bett, um dem Herrn ganz nah zu sein. In jedem Raum ihres Häuschens an der Peripherie von Wien hängen Kreuze an der Wand, und ihren Urlaub verbringt die Frau missionierend: Mit einer sogenannten Wandermuttergottes zieht sie durch freudlose Wohnsilos, um den Menschen dort unermüdlich die frohe Botschaft von der Güte ihrer Namensvetterin, von der Auferstehung des Herrn und der Vergebung der Sünden zu verkünden.

Anna Maria (Maria Hofstätter) ist die Hauptfigur in „Paradies: Glaube“, dem zweiten Film der „Paradies“-Trilogie des österreichischen Regisseurs Ulrich Seidl. Der erste Teil, „Paradies: Liebe“, erzählte mit genauem Blick, aber doch auch empathisch vom Sextourismus älterer Westeuropäerinnen, die in ihrer Heimat nicht mehr als Frauen wahrgenommen werden und die Befriedigung ihrer nun einmal dennoch bestehenden körperlichen Bedürfnisse in der Dritten Welt suchen. Die Ökonomisierung menschlicher Beziehungen war in diesem Film durchaus beiderseitig inszeniert; das Interesse junger Kenianer an den fülligen weißen Frauen wurde mit keinerlei romantischem Schleier verkleidet – und dennoch nicht denunziert.

Diese Klarheit wollte Seidl wohl auch in „Paradies: Glaube“ gewinnen, er scheitert aber in enttäuschender Weise an seiner eigenen Voreingenommenheit und an der mangelnden Zuwendung zu seiner Heldin. Gewiss kann man Anna Maria als fanatische Katholikin begreifen und in ihrem Handeln die Gefährlichkeit einer jeden Form von Fanatismus entlarvt sehen, wenn man es einfach haben will. Doch was ist so entlarvend daran, eine skurrile Frömmlerin dem wohlfeilen Spott des Publikums preiszugeben? Denn nichts anderes als eine Frömmlerin ist diese Anna Maria, und es ist überaus schade, dass Ulrich Seidl, der sich lange als so furchtloser wie vorurteilsfreier Filmemacher erwies, nun diesen ausgetretenen Weg geht, indem er weder seine Figur noch die Religion wirklich ernst nimmt.

#image1

Und so muss Anna Maria auf dem abendlichen Heimweg auch noch eine Sexorgie passieren: Eine Gruppe von Leuten treibt es kreuz und quer in Büschen und auf der Wiese. Das übt natürlich eine halb kranke Faszination auf die Frau aus, die sich gern auch für fremde Sünden, Unkeuschheit zumal, geißelt, so richtig fett mit der Peitsche unter dem „Balkensepp“, wie linke Atheisten es mitunter heiter formulieren. Mit einer solchen Geißelung beginnt der Film übrigens. Und gipfelt in Kundmachungen wie jener von Anna Marias häuslicher Betgemeinschaft: „Wir sind die Speerspitze des rechten Glaubens“.

Endgültig zur Farce wird dieser Film, als sich herausstellt, dass Anna Maria eigentlich verheiratet ist und zwar mit einem Moslem, der nach langer Abwesenheit – er war in seiner Heimat Ägypten – nun wieder zurückgekehrt ist und seine ehelichen Rechte einfordert. Nabil (Nabil Saleh) sitzt im Rollstuhl, was Anna Maria nicht sonderlich bewegt oder gar rührt – sie ist wie gesagt keine Christin im eigentlichen Sinn des Wortes, sondern eine Frömmlerin, die nun mit einem offensiven, aber in seiner Machtausübung doch eingeschränkten Patriarchen ringt.

Man muss nicht lange grübeln, um in diesem Ehekrieg metaphorisch einen Religionskrieg zwischen Christentum und Islam zugespitzt zu sehen. Eigentlich eine gute Nachricht, denn diese ziemlich grotesk inszenierte Auseinandersetzung setzt immerhin noch einen Rest an Beziehung voraus! Und auch als Gelähmter im Rollstuhl hat Nabil noch Möglichkeiten: Mit einem Stock schlägt er all die Kreuze von den Wänden in Anna Marias Haus. Eine Zeit lang sitzt dann ein ausgesprochen verärgerter Kater auf seinem Schoß. Als Seidls Film 2012 beim Festival Venedig – wo er wegen eines Skandalvorwurfs gleich den Spezialpreis der Jury erhielt – erstmalig der Presse vorgeführt wurde, hat man viel gelacht.

Für fair und ausgewogen mag der gutwillige Zuschauer halten, dass weder der zänkische Nabil noch die gefühlssterile Anna Maria irgendwie sympathisch wirken. Ulrich Seidl sagt über seinen Film: „Mir geht es darum, Menschen zum Nachdenken anzuregen … Eines der großen Probleme derzeit ist meiner Meinung nach die Verschärfung der Abgrenzung der einzelnen Religionen voneinander. Die Zunahme des Konflikts zwischen Christen und Muslimen beispielsweise halte ich für gefährlich. Da möchte ich schon helfen, die Menschen zu Einsichten zu bringen.“ Neue Einsichten bringt dieser Film nicht. Bedauerlich auch, dass der Regisseur jede Art der Religionszugehörigkeit mit Verbohrtheit, Freudlosigkeit und Tristesse gleichsetzt. So kommen wir, so kommt das Kino nicht weiter.

Paradies: Glaube Österr. 2012. Regie: Ulrich Seidl, Drehbuch: Ulrich Seidl, Veronika Franz, Kamera: Wolfgang Thaler, Ed Lachman, Darsteller: Maria Hofstätter, Nabil Saleh, Natalija Baranova, Rene Rupnik, Trude Masur, Dieter Masur u. a.; 114 Minuten, Farbe. FSK ab 16. Ab Donnerstag im Kino.