Die Waage lässt sich nicht anschwindeln. 81 Kilo bei einer Größe von 1,64 Metern. „Nimmst Du Medikamente“, fragt der Arzt routiniert. Nein. „Du kannst die Schuhe wieder anziehen.“ Melanie (Melanie Lenz) ist 13 Jahre alt und stark übergewichtig. In einem Diätcamp soll sie während der Sommerferien abnehmen, gemeinsam mit anderen dicken Teenagern. Ein Trainer, eine Ernährungsberaterin und ein Arzt behaupten, den Kindern zu helfen. Dabei sind sie die Dreieinigkeit der Ignoranz. Drill, Sprüche und das Spiel mit einer Grenzverletzung erwarten die Kinder.

Das Camp haust in einer Schule aus den 1950ern. Zellenartige Zimmer mit Stockbetten, Sprossenwände in grauen Turnhallen. Zum Abnehmen werden die Kinder an einen spartanischen Ort ausgelagert. Natürlich macht Seidl mit seiner Obsession für die Symmetrie große und sehr schön anzusehende Bilder daraus. Am Ende ist Melanie unglücklich und kein Kilo leichter. Und doch ist „Paradies: Hoffnung“ Ulrich Seidls zärtlichster Film, eine schwebende Sommererzählung, die diejenigen von denen sie handelt, beschützt und hält.

Denn Schutz und Halt sind es, was diesen Kindern fehlt; ihr Fett füllt die Leere der Phrasen, mit denen sie von den Erwachsenen abgespeist werden. In ihren kichernden Gesprächen über die Eltern, den ersten Sex klingt die Verlorenheit der Teenager mit, der Sexiness-Terror, dem Mädchen und Jungen heute ausgesetzt sind, bevor sie wissen, was Sex sein kann.

Ihre Mütter ziehen sich an wie die Töchter, ihre Väter sind meist abwesend. Die Pubertät lässt die Kinder illusionslos auf die Eltern blicken, und doch spricht Melanie ihrer Mutter auf den Anrufbeantworter und hofft, dass es ihr gut geht in ihrem Urlaub. Aus Ulrich Seidls erstem Teil der Trilogie, „Paradies: Liebe“ wissen wir, dass es damit nicht so weit her ist. Die Mutter sucht die Liebe schwarzer Boys in Kenia und lernt deren Preis kennen. Die Tante, die Melanie ins Diätcamp gefahren hatte, verbringt ihren Sommer mit sadistischer Bigotterie im Dienste ihres Herrn Jesus. „Paradies: Glaube“ war der brutalste, gnadenloseste Teil der Trilogie – eine Seidl’sche Demütigungs-Studie ohne jeden Kompromiss.

Angenehm distanzierte Empathie

Drei Frauen, drei Leidensgeschichten könnte man meinen. Hoffnungsloses Lieben, weiblicher Körper- und Seelenkummer. Das ist alles wahr, und doch geht Seidls Blick auf die Frauenfiguren weit darüber hinaus. Da ist kein Mitleid, das herabsetzt, keine Bevormundung, die alles besser weiß. Und schon gar keine Bloßstellung, wie sie ihm so oft unterstellt wird. Er erzählt immer das Koordinatensystem mit, in dem sich diese Frauen bewegen, und das ist nun mal nicht freundlich mit Frauen, die älter und/oder runder sind.

Seidls angenehm distanzierte Empathie ist im letzten Teil der Trilogie am deutlichsten spürbar, und das, obwohl er dabei auf sehr dünnem Eis balanciert. Der Arzt, ein Mann Anfang Fünfzig, beginnt einen Flirt mit Melanie. Kleine Doktorspielchen, die das Mädchen glauben machen, sie habe eine Chance auf Liebe. Als sie erkennt, dass dem nicht so ist, führt sie das auf ihr Übergewicht zurück – die inneren Konflikte des Arztes erkennt sie nicht.

Seidl zeigt den Zwiespalt des Arztes, erzählt die Geschichte aber konsequent aus der Perspektive des Mädchens. So ist dieser Film keine Lolita-Variation, auch wenn er Motive aus Nabokovs Novelle aufgreift. Im Mittelpunkt aber stehen bei Seidl die Kinder, die sich - und da wird es paradiesisch – in diesen Filmszenen gegenseitig mehr Nachsicht und Freundlichkeit erweisen, als sie von Erwachsenen je bekommen können.

Paradies: Hoffnung Öster./Dtl./Frankr. 2012. Regie: Ulrich Seidl, Buch: Ulrich Seidl, Veronika Franz, Kamera: Wolfgang Thaler, Ed Lachman, Darsteller: Melanie Lenz, Joseph Lorenz, Michael Thomas u. a.; 91 Minuten, Farbe. FSK ab 12.