Zeitlupen und rasende Bilder, treibende Musik, das Lächeln von Siegern. Und am Ende dieses durchkomponierten Kinospots schwenkt die Kamera auf eine Gruppe im Nebel. Die Körper kerzengerade, kein Lächeln, nur pure Entschlossenheit. Im schummrigen Neonlicht posieren die britischen Paralympics-Sportler mit ihren verformten Körpern, Prothesen und Rollstühlen. Wie Helden im Kampf gegen das Böse inszeniert der Privatsender Channel 4 die Athleten, der Titel der landesweiten Werbekampagne: Meet the Superhumans, Vorhang auf für die Übermenschen.

Seit gut einer Woche laufen in London die Sommer-Paralympics. ARD und ZDF übertragen bis Sonntag fast siebzig Stunden von den Wettkämpfen, das ist doppelt so lang wie bei den Spielen vor vier Jahren in Peking. Die Medien des Gastgebers stilisieren die Paralympics gar zu einem historischen Spektakel.

Bis zu elf Millionen Zuschauer

Erstmals hatte es für Paralympics einen Bieterstreit um die Fernsehrechte gegeben: Channel 4 überbot die BBC, zahlte neun Millionen Pfund und sendet nun mehr als 150 Stunden von den Spielen. Der Sender investierte zudem eine halbe Million Pfund, um behinderte Menschen zu Reportern und Redakteuren ausbilden zu lassen.

Bis zu elf Millionen Zuschauer haben das Programm bislang verfolgt. Channel 4 vermarktet es als sozialpolitisches Engagement. Da interessiert es kaum, dass der Sender einen Komiker namens Frankie Boyle beschäftigt, der Witze über behinderte Kinder erzählt hat. Die BBC steht dagegen in der Kritik, weil sie ihrem öffentlich-rechtlichen Auftrag nicht nachgekommen sei. Ein leitender Angestellter sagte der Zeitung Guardian, der Verlust der Paralympics-Senderechte sei einer der größte Fehler in der Geschichte der BBC gewesen.

Insgesamt erinnert die Berichterstattung aus London zunehmend an die Unterhaltungsindustrie der Olympischen Spiele. 6 000 Journalisten sind in London akkreditiert, aus Deutschland erstmals auch Bild-Zeitung und Gala. Sportler wie der südafrikanische Prothesenläufer Oscar Pistorius werden zu globalen Helden stilisiert.

Die britischen Zeitungen drucken Grafiken, Interviews und doppelseitige Cover-Poster. Die Times titelte: „Das ganze Universum ist die Bühne bei dieser großen Feier der menschlichen Anstrengung.“ „Wenn man in London ankommt und dieses Medieninteresse kennenlernt, ist man überwältigt und geschockt“, sagt die querschnittsgelähmte Schwimmerin Tanja Gröpper. „Weil man dann auch sehen muss, dass wir in Deutschland noch nicht auf diesem Niveau sind. Vor und nach den Paralympics interessiert sich niemand für uns.“

Nur an wenigen Stellen diskutieren Medien Integrationsdefizite: 90 Prozent der Briten haben keinen regelmäßigen Kontakt zu behinderten Menschen. Öffentliche Einrichtungen sind oft nicht barrierefrei. Nur 50 Prozent der Menschen mit einer körperlichen und zwölf Prozent der Menschen mit einer geistigen Behinderung haben einen Job. Und diejenigen, die einer Arbeit nachgehen, werden schlechter bezahlt als nichtbehinderte Kollegen mit gleicher Qualifikation. Auch im Sport sind nur zwanzig Prozent der Menschen mit Behinderung aktiv. Der Guardian schrieb von einer „virtuellen Apartheid“.

„Medien sollten im Behindertensport stärker auf Nachhaltigkeit setzen“, sagt der Medienforscher Christoph Bertling von der Deutschen Sporthochschule Köln, schließlich haben die meisten Menschen mit Behinderung kaum eine Chance, gesellschaftliche Teilhabe durch den Sport zu erreichen. „Wie wirken diese Heldengeschichten auf Menschen in der Rehabilitation, die nach Unfällen versuchen, wieder ein gewöhnliches Leben aufzubauen?“, fragt Bertling. Die Inszenierung von Behindertensportlern als wahre Übermenschen könne auch Distanz erzeugen, nach dem Motto: Was die erreichen, schaffe ich nie.

Sportler mit Vorbildfunktion

In einer Studie hat das Institut für Kommunikations- und Medienforschung der Sporthochschule die Darstellung des Behindertensports untersucht. Die Wissenschaftler kamen zu der Schlussfolgerung, dass in Zeitungen gezielt Fotos gedruckt wurden, auf denen Behinderungen nicht zu stark ins Auge fielen, meistens wurden Rollstühle abgebildet.

In einer Erfassung des Blickverhaltens stellten sie fest, dass sich Leser aber keineswegs von Behinderungen abwenden würden. Das Forschungsinstitut Sport und Markt legt in einer repräsentativen Studie nach: 76 Prozent der Befragten sprechen den Paralympiern eine Vorbildfunktion zu. Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes, sagt: „Wirtschaft und Medien sollten das Potenzial an neuen Kunden und Lesern auch zwischen den Paralympics erkennen.“ Es müssen ja nicht gleich Übermenschen sein.