Der Kalte Krieg konnte ziemlich warmherzig sein. Und schön anzusehen. Eine seiner wirksamsten Waffen war vier Meter lang und zwei Meter hoch. Eine Leinwand, die aussah, als hätte auf ihr ein gigantischer Riese liebevoll Farbeimer ausgetröpfelt.  Der Riese hieß Jackson Pollock und hatte es mit seinen kunstvoll-furiosen Tröpfelbildern zu Ruhm gebracht. Und mit ihm seine Nation. Amerika hatte sich mit Pollock, aber auch mit den geistesverwandten Heroen des abstrakten Expressionismus wie Mark Rothko, Barnett Newman und Robert Motherwell von den europäischen Vorbildern abgenabelt und sich mit einem ureigenen Beitrag an die Spitze der internationalen Kunstavantgarde gesetzt.

Er war die augenfälligste Alternative zum Sozialistischen Realismus wie zur bildnerischen NS-Propaganda und bot sich damit wie von selbst als ästhetisches Inbild einer freiheitlichen Lebensweise an. Jack the Dripper, wie Pollock gerne genannt wurde, 1912 in Wyoming geboren, war dazu noch ein echter Kunstcowboy, kein europäisierter Ostküstenintellektueller, sondern ein Kraftprotz, der betörende Zeugnisse malerischer Energie schuf.

Vermutlich hätte Pollock ohne den Einfluss der CIA keinen Deut anders gemalt. Aber dass seine Bilder einen derart erfolgreichen Siegeszug durch die Museen der Welt unternahmen, wäre ohne die Ausstellungspolitik des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes wohl schwieriger geworden. Dieser hatte gleich nach seiner Gründung 1947 umfangreiche kulturelle Aktivitäten in Europa unternommen, die er bald auf Afrika und Asien ausdehnte. Als offizielle Basis für seine Kulturpolitik benutzte die CIA den „Kongress für Kulturelle Freiheit“, der 1950 im West-Berliner Titania Palast von einer Gruppe antitotalitärer liberaler Intellektueller gegründet wurde. Zu seinem Umfeld gehörten antistalinistische Linke und Liberale wie Melvin Lasky und Arthur Koestler, Ignazio Silone und François Bondy.

Mit Stipendien und Konferenzen

Der Kongress, der bald ein permanentes Büro in Paris und Zweigstellen in 35 Ländern mit zahlreichen Mitarbeitern unterhielt, finanzierte weltweit zwanzig hochintellektuelle Zeitschriften – in Deutschland den renommierten Monat – unterstützte Schriftsteller mit Stipendien, organisierte Konferenzen und stets hochkarätig besetzte Ausstellungen abstrakter Kunst. Sein operatives Ziel: die kritische Öffentlichkeit Europas stärker an die USA zu binden und die latenten Sympathien der Intelligenz für die Sowjetunion zu untergraben.

Die abstrakte Kunst war das Zugpferd. Vermutlich hatte es die CIA-Leute selbst verblüfft, wie geschmeidig sie sich in den Köpfen der Menschen mit der demokratischen Wertewelt verknüpfte und ihr dort ein faszinierendes, sympathisches Antlitz gab. Als 1967 die Saturday Evening Post und die New York Times die Verbindungen zwischen dem Geheimdienst und dem Kongress enthüllte, war es allerdings mit dessen Ansehen vorbei.

Arthur Koestlers schon früh formulierter Eindruck, in einen „akademischen Hurenverein“ geraten zu sein, schien nun bewiesen. Die aus Geheimquellen geförderten Künstler und Intellektuellen sahen sich entehrt und missbraucht, ihr Lebenswerk unrettbar diskreditiert, zumal sich die CIA durch ihre Machenschaften in Lateinamerika und Vietnam inzwischen den denkbar schlechtesten Ruf erworben hatte. Die CIA-Strategie, in der internationalen Kulturszene geheim zu operieren, um für Amerika Offenheit zu schaffen, war damit zwar am Ende, aber nicht gescheitert. Der Erfolg des bis dahin Erreichten ist kaum zu bezweifeln.

Es gibt keinen besseren Ort in Berlin als das Haus der Kulturen der Welt, um in einer Ausstellung diese Geschichte darzustellen. Denn die ehemalige Kongresshalle von 1957 ist selbst ein Zeugnis amerikanischer Kulturpolitik, ein architektonisches Fanal einer freien Diskussionskultur, das auch nach Osten wirken und dort die Menschen schlicht neidisch machen sollte. Zum anderen ist das HKW Teil der deutschen auswärtigen Kulturpolitik, die, wenn auch nicht geheimdienstlich verdeckt, außenpolitische Ziele hat. Wenn beispielsweise das Goethe-Institut von einer Stärkung zivilgesellschaftlicher Strukturen spricht, die es mit seiner Arbeit in autoritären Regimen erreichen will, ist damit eine, allerdings offen betrieben, ganz ähnliche Subversion gemeint, wie sie die Amerikaner im Auge hatten.

Das HKW lässt es sich deshalb nicht nehmen, die Geschichte der Liaison zwischen CIA und Hochkultur zu einer facettenreichen Problematisierung von Kunst und politisch motivierter Förderung auszuweiten, wobei sich einige der beteiligten jungen Künstler ziemlich weit vom eigentlichen Thema entfernen. Andere führen auf irritierende Weise mitten hinein wie die Künstlergruppe Art & Language, die „Picasso’s Guernica in the Style of Jackson Pollock“ malte.

Geheimdienst mit Geschmack

Wie immer im HKW muss man auch diese Ausstellung regelrecht studieren und sich in die ausgestellten Archivdokumente und Begleittexte hineinarbeiten, die in einer ebenso rohen wie luziden Architektur aus Leichtmetallständerwerk und transparenten Kunststoffplatten präsentiert werden. Wer sich die lohnenswerte Mühe macht, kann kaum umhin, die CIA-Mitarbeiter für ihren stilsicheren Geschmack zu bewundern.

Statt auf die damals bei Patrioten beliebten propagandistischen Bilder eines kleinstädtisch frommen Amerika zu setzen, von denen in der Ausstellung einfältige Glanzstücke aus der Zeitschrift Saturday Evening Post von Norman Rockwell zu sehen sind, erkannten die Geheimdienstler, dass es gerade die daheim umstrittenen abstrakten Maler und linksliberalen Intellektuellen waren, die im Ausland zum Ruhme Amerikas beitrugen.

Man sollte allerdings den Einfluss der CIA nicht überschätzen. Auch ohne ihn hätte sich der abstrakte Expressionismus zum Markenzeichen des Westens entwickelt – übrigens ganz zum Missfallen der Künstler selbst, die betrübt zusahen, wie ihre Kunst zur Dekoration eines progressiven Lebensstils herabsank. Viel wirkmächtiger für das politische Charisma der abstrakten Malerei als die CIA war das stalinistische Gebot des gegenständlichen Malens. Die Demokraten mussten den Fehdehandschuh nur aufgreifen.

Wo aber bleibt in all dem mächtigen Weltmachtgeschiebe politisch-ästhetischer Allianzen der einzelne Künstler? Er rettet sich in den Witz. Von Sigmar Polke, 1953 aus der DDR geflohen, Mitbegründer eines ironischen „Kapitalistischen Realismus“, ist in der Ausstellung ein Bild zu sehen, eine weiße Leinwand, eine Ecke schwarz eingefärbt. Am unteren Bildrand ist die Aufschrift zu lesen: „Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“

Parapolitik: Kulturelle Freiheit und Kalter Krieg bis 8.1.2018, täglich außer Di und feiertags 11–19 Uhr, 7/5 Euro, Haus der Kulturen der Welt, Tel.: 39787175. Begleitend findet am 15./16.12.2017 eine internationale Konferenz statt.