Die südkoreanische Satire „Parasite“ gewinnt als erste nicht-englischsprachige Produktion den Preis für den besten Film.
Foto: ddp/Jay L. Clendenin / Los Angeles Times / Polaris

HollywoodZum 92. Mal wurden in der Nacht auf Montag in Los Angeles die Oscars verliehen, doch selten ging es in all diesen Jahren so geschichtsträchtig zu wie dieses Mal. Erstmals überhaupt wurde als Bester Film – der Hauptkategorie des größten Filmpreises der Welt – ein nicht-englischsprachiges Werk ausgezeichnet. Der südkoreanische Film „Parasite“ von Regisseur Bong Joon-ho, der bereits im Mai auch die Goldene Palme beim Filmfestival in Cannes erhalten hatte, wurde sensationell zum großen Gewinner des Abends.

„Parasite“ im Vorfeld nur Außenseiterchancen

Daran, dass diese furiose Mischung aus bitterböser Komödie, familiärem Horrorthriller und gesellschaftskritischem Klassenkampfdrama, den Preis für den besten internationalen Film (bis dieses Jahr hieß die Kategorie „bester fremdsprachiger Film) gewinnen würde, für den „Parasite“ als erste koreanische Produktion überhaupt nominiert war, hatte vorab niemand gezweifelt.

Der Trailer für die südkoreanische Gesellschaftssatire „Parasite“ von Bong Joon.

Video: YouTube/KinoCheck

Doch gegen den hochgehandelten Favoriten „1917“ von Sam Mendes, der im Vorfeld unter anderem schon den Golden Globe oder den Preis der Produzentengewerkschaft gewonnen hatte, den elffach nominierten Welterfolg „Joker“ oder die Arbeiten von legendären Regisseuren wie Quentin Tarantino („Once Upon a Time in Hollywood“) und Martin Scorsese („The Irishman“) wurden ihr nur Außenseiterchancen eingeräumt.

Insgesamt wurde „Parasite“ dann sogar mit vier Oscars bedacht: auch in den Kategorien Beste Regie und Bestes Originaldrehbuch wurde der freudig staunende Bong Joon-ho mit dem Academy Award bedacht, in letzterer als erster asiatischer Filmemacher überhaupt.

Der große Verlierer des Abends: „The Irishman“

Andere große Überraschungen gab es in der diesjährigen, zum zweiten Mal in Folge ohne Moderator oder eine Moderatorin auskommenden Verleihung nicht zu verbuchen, sieht man vielleicht davon ab, dass Scorsese „The Irishman“ trotz zehn Nominierungen zum großen Verlierer des Abends wurde und komplett leer ausging.

Elton Johns „(I’m Gonna) Love Me Again“ wurde zum Besten Song gewählt, „Little Women“ für die Kostüme geehrt, „Le Mans 66“ für den Schnitt. Alle vier Darsteller-Oscars gingen an genau jene vier Stars, die in den letzten Wochen schon bei allen anderen Preisen abgeräumt hatten. Laura Dern wurde – am Tag vor ihrem Geburtstag – als Beste Nebendarstellerin in „Marriage Story“ von Noah Baumbach ausgezeichnet und dankte gerührt ihren Eltern Diane Ladd und Bruce Dern, die beide selbst mehrfach für den Oscar nominiert waren.

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Brad Pitt, der seinen ersten Oscar als Produzent von „12 Years a Slave“ bekommen hatte, gewann als Nebendarsteller für „Once Upon a Time in Hollywood“. Auch Renée Zellweger durfte für ihre Darstellung Judy Garlands in „Judy“ bereits zum zweiten Mal den Academy Award mit nach Hause nehmen.

Und Joaquin Phoenix wurde als Bester Hauptdarsteller für seine schauspielerische Tour de Force in „Joker“ geehrt, wofür er sich mit einer leicht verwirrten Rede bedankte, in der er erst seinen Einsatz für Veganismus und Tierrechte mit dem Kampf gegen Rassismus oder die Diskriminierung von Frauen gleichsetzte, bevor er seinem früh verstorbenen Bruder River Tribut zollte.

Janelle Monáe weist auf Missstände hin

Darüber, dass die Academy of Motion Arts and Science nicht immer so fortschrittlich-wegweisende Entscheidungen trifft wie mit der Auszeichnung von „Parasite“, wurde im Vorfeld der diesjährigen Awards mal wieder heftig diskutiert.

Keine Frau unter den nominierten Regisseuren, mit Cynthia Erivo nur eine nicht-weiße Darstellerin mit Oscar-Nominierung – auf solche Missstände wies nicht nur Sängerin und Schauspielerin Janelle Monáe in ihrer furiosen Eröffnungsnummer hin, die auch als Hommage an übergangenen Filme wie „Wir“, „Midsommar“, „Dolemite Is My Name“ oder „Queen & Slim“ zu verstehen war, sondern direkt im Anschluss auch die scharfzüngigen Komiker und Ex-Gastgeber Chris Rock und Steve Martin.

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Dass allmählich ein Umdenken einsetzt, weg vom rein weißen, anglozentrischen Mainstream hin zu mehr Internationalität und Vielfalt, dafür sprachen in diesem Jahr aber nicht nur die Oscars für „Parasite“.

Mit der Isländerin Hildur Gudnadóttir etwa wurde erst zum dritten Mal eine weibliche Komponistin für die Beste Musik („Joker“) ausgezeichnet, der schwarz Regisseur Matthew A. Cherry und seine Koproduzentin Karen Rupert Toliver gewannen für ihren Animations-Kurzfilm „Hair Love“, während für beide prämierten Dokumentarfilme „American Factory“ (lang) und „Learning to Skateboard in a Warzone (If You’re a Girl“) Frauen hinter der Kamera standen.

Taika Waititi widmet Oscar indigenen Kindern

Und der neuseeländische Filmemacher Taika Waititi, der für „Jojo Rabbit“ den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch erhielt, widmete – selbst Maori – seinen Preis allen indigenen Kindern dieser Welt, die davon träumen, Künstler zu werden und ihre Geschichten zu erzählen.

Am Ende des Abends allerdings standen all diese Gewinner natürlich im Schatten von Bong Joon-ho und seinem hoch verdient ausgezeichneten Film. Noch im Herbst hatte der Koreaner mit Blick auf die geringe Rolle, die nicht-englischsprachige Filme dort spielen, über die Oscars scherzhaft gesagt, sie seien eine „recht lokale Veranstaltung, kein internationales Filmfestival“. Nun hat er selbst dazu beigetragen, dass sich das künftig nicht mehr ohne weiteres behaupten lässt.

Alle 24 Oscar-Gewinner 2020 auf einen Blick

Bester Film: „Parasite“ von Bong Joon Ho

Regie: Bong Joon Ho für „Parasite“

Hauptdarsteller: Joaquin Phoenix in „Joker“

Hauptdarstellerin: Renée Zellweger in „Judy“

Nebendarstellerin: Laura Dern in „Marriage Story“

Nebendarsteller: Brad Pitt in „Once Upon a Time in Hollywood“

Internationaler Film: „Parasite“ von Bong Joon Ho - Kamera: Roger Deakins für „1917“

Original-Drehbuch: Bong Joon Ho und Han Jin Won für „Parasite“

Adaptiertes Drehbuch: Taika Waititi für „Jojo Rabbit“

Schnitt: Michael McCusker und Andrew Buckland für „Le Mans 66: Gegen jede Chance“

Filmmusik: Hildur Gudnadóttir für „Joker“

Filmsong: „(I“m Gonna) Love Me Again“ von Elton John und Bernie Taupin (für „Rocketman“)

Produktionsdesign: Barbara Ling und Nancy Haigh für „Once Upon a Time in Hollywood“

Tonschnitt: Donald Sylvester für „Le Mans 66 – Gegen jede Chance“

Tonmischung: Mark Taylor und Stuart Wilson für „1917“

Visuelle Effekte: Guillaume Rocheron, Greg Butler und Dominic Tuohy für „1917“

Animationsfilm: „A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando“ von Josh Cooley

Animations-Kurzfilm: „Hair Love“ von Matthew A. Cherry, Everett Downing Jr. und Bruce W. Smith

Dokumentarfilm: „American Factory“ von Steven Bognar und Julia Reichert

Dokumentar-Kurzfilm: „Learning to Skateboard in a Warzone (if you're a Girl) von Carol Dysinger

Make-up/Frisur: Kazu Hiro, Anne Morgan und Vivian Baker für „Bombshell Das Ende des Schweigens“

Kostümdesign: Jacqueline Durran für „Little Women“

Kurzfilm: „The Neighbors' Window“ von Marshall Curry