Nur noch selten, aber manchmal eben doch, schreibt das Kino die verrücktesten Geschichten. Im letzten Jahr etwa begeisterte eine findige Familie von Kleindieben die Festivaljury von Cannes derart, dass sie Hirokazu Koreedas Drama „Shoplifters“ die Goldene Palme verlieh. In diesem Jahr nun konnte man den Eindruck gewinnen, eine noch ausgefuchstere Familie habe die andere ersetzt und mit perfiden Tricks fette Beute gemacht – die koreanische schwarze Komödie „Parasite“, für die keine Genrezuschreibung so recht trifft, holte sich den Hauptpreis. Es ist reiner Zufall, dass sich in diesem Akt der Übernahme bereits die Handlung von Bong Joon-hos großartigem neuen Film spiegelt. Aber damit sind die Überraschungen nicht erschöpft. Selten hat man ein solch verblüffendes, in jeder Szene mit absurden Wendungen aufwartendes Kinoabenteuer erlebt – das auch noch etwas zu sagen hat.

Ganz unten

Aus einem Keller blickt Familie Kim auf die Welt, wie wir das im Kino tun – durch ein Fenster, das ihnen die Straße von unten zeigt. Ganz unten sind sie tatsächlich angekommen, nach mehreren Missgeschicken, und der Blick nach draußen bietet keine schöne Perspektive. Passanten urinieren in den Rinnstein. Die Chefin kommt vorbei, um sie wegen falsch gefalteter Pizzakartons zu maßregeln. Aber die Kims denken weiter. So wie sie mit ihren Handys jeden Winkel ihrer trübseligen Behausung absuchen, um das WLAN der Nachbarn anzuzapfen, träumen sie vom Anschluss an die andere, größere Welt der Reichen und Schönen. Es muss doch einen Ort für sie geben, an dem es sich leben lässt und nicht bei jeder Überflutung buchstäblich die Scheiße aus der Schüssel quillt.

Die Gelegenheit bietet sich durch einen Job als Hauslehrer, den der Jüngste durch einem Freund vermittelt bekommt. Gibt es in einer rigiden Klassengesellschaft wie der südkoreanischen eine andere Möglichkeit, die andere Seite auch nur zu Gesicht zu bekommen? Kurz darauf jedenfalls hat die reiche Familie Park auch noch eine Kunsttherapeutin für ihren Satansbraten von Sohn. Vom geschwisterlichen Verhältnis ihrer neuen Angestellten ahnt sie nichts. Erweisen sich doch die Kims als brillante Urkunden- und Diplomfälscher via Photoshop. Eigentlich ist es ein Witz, dass die offensichtlich begabten Sprösslinge bisher von keiner Universität angenommen wurden. Doch an Aufstieg durch Bildung glaubt hier niemand. In zementierten Besitzverhältnissen – versinnbildlicht durch die Villa der Parks – hilft es nur noch, die Identitäten aufzulösen. Und liegt nicht zuletzt in der Hochstapelei, hier begünstigt durch ein blindlings geglaubtes System privater Empfehlungen und Bewertungen, das Wesen des Kapitalismus?

Die eklatanten Gegensätze von Arm und Reich beschäftigen Bong Joon-ho in jedem seiner Filme. Nur die Form ist immer eine völlig andere. Vom Monsterfilm „The Host“ bis zum Netflix-Drama „Okja“ – über ein mutiertes Superschwein – perfektionierte er seine Tricktechnik, um in seinem ersten Hollywoodfilm „Snowpiercer“ bei beißender Satire zu landen. Hier war der gleichnamige Zug das Monster, in dessen Bauch Unter- und Oberklasse ums Überleben kämpften. Mit „Parasite“ trägt Bong den Klassenkampf zurück ins heimische Korea und gibt vor, sich zu bescheiden. Die Science-Fiction weicht einem scheinbar traditionellen Gesellschaftsdrama. Vieles erinnert an den koreanischen Klassiker „Das Hausmädchen“ von 1960, nicht ohne Grund: Bongs stilsicherer Szenenbildner Lee Ha Jun Jun stattete zuletzt schon das Remake aus.

Zerstörerische Kräfte

Doch einmal mehr erweist sich Bong Joon-ho als der Trickster des südkoreanischen Kinos. Von der weiteren Handlung bittet der Filmemacher, nichts zu verraten, aber die spottet ohnehin jeder Beschreibung. Es wird apokalyptisch, ja monströs. Mit ungehemmtem Siegeswillen entfesseln die Kims zerstörerische Kräfte, die sie nicht mehr beherrschen. Daneben stellen sich, in atemlosen Ruhepausen, aber auch elementare Fragen: Riechen Arme anders, wie es die ansonsten sehr netten – und reichlich naiven – Parks argwöhnen? Sind die Wohlhabenden nur so nett, weil sie reich sind? Es gibt Witze über den Diktator Kim Jong-un, und als man längst nicht mehr lacht, quillt die stinkende Wahrheit der Verhältnisse nach oben. Der Filmemacher jongliert die Versatzstücke von Satire, Komödie, Thriller und Sozialdrama mit einer Sicherheit, die an einen Hitchcock, Chabrol oder Buñuel erinnert. Und so gilt „Parasite“ als heißer Oscar-Kandidat, nicht nur in der Auslandskategorie, sondern auch für Script, Regie und den besten Film.

Wer in diesem Film schließlich die Parasiten sind, mag jeder selbst entscheiden. Die Armen, die Reichen, der Kapitalismus selbst? Vielleicht sind es ja auch wir Zuschauer, die an diesen ungeheuren Vorgängen aus einem gar nicht so fernen Land eine diebische Freude empfinden.

Parasite Südkorea 2019. Regie: Bong Joon-Ho, Darsteller: Song Kang Ho, Cho Yeo-Jeong, Park So Dam u.a.; 131 Min., Farbe. FSK ab 16.