Die Schriftstellerin und Übersetzerin Odile Kennel.
Foto: Charlotte Werndt

Berliner Zeitung: Odile Kennel, am Donnerstag treten Sie in der Brotfabrik unter dem Motto auf „In welchen Sprachen schreibt Berlin?“ Ihr Partner auf dem Podium ist ein brasilianischer Autor. Was bedeutet Ihnen die Vielsprachigkeit der Stadt?

Odile Kennel: Es hat eine Weile gebraucht, bis die Literatur hier lebender Menschen akzeptiert wurde, für die Deutsch nicht die Muttersprache ist. Und für Leute, die nicht auf Deutsch schreiben, ist es natürlich nochmal schwieriger, hier Fuß zu fassen. Die Reihe Parataxe bietet ein Podium für die Autorinnen und Autoren, das finde ich sehr wichtig. Fred di Giacomo, mit dem ich auftrete, kenne ich noch nicht. Schon deshalb freue ich mich auf den Abend: Seine Texte habe ich gerade übersetzt, nun begegne ich ihm. Wenn ich Bücher übersetze, nehme ich selbst den Kontakt auf. Übersetzen verändert ja auch den Text, es ist ein bisschen wie weiterschreiben. Freds Texte haben mir sehr gut gefallen, weil sie voll von feinem Humor und Poesie sind. Humor ist für mich eine sehr wichtige Ingredienz in der Literatur, auch in meiner Lyrik, die zeigt, dass man sich nicht zu ernst nimmt.

Zur Person

Odile Kennel  lebt als Autorin und Übersetzerin in Berlin. In Übersetzung aus dem Portugiesischen erschienen von ihr Érica Zínganos „Ich weiß nicht warum“ (hochroth 2013), Ricardo Domenecks „Körper: ein Handbuch“ (Verlagshaus Berlin 2013) sowie Angélica Freitas‘ „Der Uterus ist groß wie eine Faust“ (Elif Verlag 2020). Sie veröffentlichte 2011 den Roman „Was Ida sagt“ und 2017 „Mit Blick auf See“, 2013 den Gedichtband „oder wie heißt diese interplanetare Luft“ (alle dtv). 2019 erschien ihr Gedichtband „Hors Texte“ (Verlagshaus Berlin). Sie bloggt unregelmäßig auf odilekennel.blogspot.de.

Französisch ist meine Muttersprache, meine erste Sprache, obwohl ich in Deutschland aufgewachsen bin. Das ist gar nicht so leicht auseinanderzudröseln: Ich habe Französisch sprechen und lesen gelernt, aber schreiben auf Deutsch. Abgesehen vom Englischen, das man ja im Westen sowieso lernte, sind im Laufe meines Lebens noch das Spanische und Portugiesische dazugekommen, aus beiden übersetze ich auch. Mein Freundeskreis hier ist so gemischt wie die Sprachen, viele leben auch schon lange in Berlin, sodass wir manchmal auf Spanisch anfangen und ins Deutsche wechseln. Oder wir spielen und ver-französischen einen deutschen idiomatischen Ausdruck. Es macht einfach Spaß, mit zwischensprachlichen Menschen zu reden.

Bis heute werde ich oft gefragt, in welcher Sprache ich denn zu Hause sei, aber das kann ich nicht beantworten. Vielleicht so: Mein Zuhause hat mehrere Räume, der eine ist eher französisch eingerichtet, der nächste eher deutsch, meine anderen Sprachen haben ebenfalls ihren Platz. Und die Bedeutung der Räume ändert sich, Sprache ist nicht statisch.

Im Grunde bin ich in Sprache zu Hause. Das ist meine Existenz, ist mein Material, egal ob ich schreibe oder übersetze. Für meinen letzten Gedichtband „Hors Texte“ habe ich mir den Spaß gemacht, ein Gedicht, das ich auf Französisch geschrieben habe, im Internet einzugeben. Die Google-Übersetzerin war da sehr kreativ. Wiedererkannt habe ich es nicht.

Donnerstag, 22.10. Parataxe mit Odile Kennel und Fred Di Giacomo. Brotfabrik, Caligariplatz 1, Eintritt: 5/3 Euro. karten@brotfabrik-berlin.de