Paris Hilton hat in einer Dokumentation Kindheitstraumata öffentlich gemacht.
Foto: Willy Sanjuan/Invision/AP, File

BerlinEs vergeht kaum ein Tag, an dem man es nicht in den Klatschspalten lesen kann: Prominente Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, die Traumata zu verarbeiten haben oder mit Angststörungen kämpfen – und die ihre Erfahrungen mit der Öffentlichkeit teilen. Ein Beispiel aus der jüngsten Zeit: Paris Hilton. Seit Mitte September kann man sich auf dem YouTube-Kanal der 39-Jährigen eine fast zweistündige Dokumentation der Regisseurin Alexandra Dean anschauen, in der einem die Hotelerbin von einer gänzlich neuen Seite begegnet.

In „This is Paris“ berichtet Hilton ausführlich über traumatische Kindheitserlebnisse, die ihr bis heute Albträume und Schlaflosigkeit bescheren. Die erfolgreiche Unternehmerin und DJane, die jahrelang mit Spaß und Oberflächlichkeit assoziiert wurde, die eine perfekt durchinszenierte Kunstfigur zuverlässig zu bedienen vermochte, zeigt sich hier traurig, nachdenklich, reflektiert. Besonders nahegehend ist der Teil des Films, in dem sie schildert, wie ihre Eltern sie in der Provo Canyon School in Utah unterbrachten, einem Internat für „schwierige“ Kinder. Hilton schildert gefängnisartige Zustände, emotionale und physische Misshandlungen. Ohne sich nun allzu sehr in die ferndiagnostische Tiefe zu begeben, was ohnehin zum Scheitern verurteilt wäre, ahnt der Zuschauer aber doch, wie anstrengend es für Hilton oft gewesen sein mag, die Bling-Bling-Fassade aufrecht zu erhalten. Dass diese Figur Brüche bekommt, konnte man schon vor drei Jahren beobachten, als Hilton davon berichtete, wie ein gegen ihren Willen veröffentlichtes Sexvideo sie gedemütigt habe, dass sie depressiv gewesen sei.

Die Kommentare zur neuen Dokumentation sind größtenteils wohlwollend, viele Nutzer zeigen sich überrascht von dieser Seite der 39-Jährigen, etliche bekunden, sie einfach nur in den Arm nehmen zu wollen. Es gibt noch einen weiteren Effekt bei den Zuschauern: Sie sei aufgewachsen mit Depressionen und Angstzuständen, schreibt eine Userin, und fühle sich durch Hiltons Geschichte gestärkt: „Ich bin nicht allein und wir sind nicht allein.“

Ein Effekt, den Fachleute häufig beobachten, wenn Prominente mit psychischen Problemen an die Öffentlichkeit gehen. Der Psychiater und Therapeut Ulrich Hegerl ist Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Inhaber der Senckenberg-Professur an der Klinik für Psychiatrie in Frankfurt am Main. Er meint, dass es wichtig und förderlich ist, wenn bekannte Menschen über Depression sprechen – zum einen für sie selbst, damit sie nicht mehr permanent versuchen müssen, eine Fassade aufrecht zu erhalten. Zum anderen aber auch für andere Betroffene: „Wenn ein Erkrankter sieht, dass auch berühmte Menschen, die man immer auf der Sonnenseite des Lebens vermutet hat, in die Depression rutschen können, dann nimmt das etwas vom Verliererstigma der Erkrankung weg. Und wenn sie zeigen, dass sie aus der Depression wieder herausgekommen sind, dann macht das Betroffenen Mut, sich Hilfe zu suchen.“

Wie Paris Hilton bezieht auch Influencerin Cathy Hummels einen Großteil ihrer Popularität aus dem regelmäßigen Befüllen ihrer Social-Media-Kanäle. Dass die 32-jährige Frau von Fußballer Mats Hummels immer wieder an Depressionen litt, schreibt sie jetzt in ihrem Buch „Mein Umweg zum Glück“. Sie sei antriebslos gewesen, habe an nichts mehr Freude finden können, so die gebürtige Dachauerin. Einen konkreten Grund für diese Traurigkeit habe es nicht gegeben: „Sie war einfach da, und ich schaffte es nicht, mich ihr zu entziehen. Ich hatte mein Lachen verloren.“ Hummels war nach eigenen Angaben in Behandlung und bekam auch Medikamente. Mittlerweile habe sie keine Angst mehr, dass die Depression erneut ausbricht, versicherte sie.

Für ihre Offenheit erntet Hummels nicht nur Zuspruch. Auf ihrem Instagram-Account werfen ihr manche Kommentatoren Ahnungslosigkeit vor: „Führe mal das Leben als Otto-Normal-Mensch oder als alleinerziehende Mutter/Vater, die jeden Cent umdrehen müssen ... aber die Glitzer-Bling-Bling-Cathy hatte natürlich viele traurige Jahre“, schreibt ein User. Und natürlich fehlt auch der Vorwurf nicht, Hummels wolle nur ihr Buch promoten. So wie Paris Hilton sich von einigen Kommentatoren unterstellen lassen muss, sie wolle endlich mal wieder Aufmerksamkeit generieren.

Auch wenn dies nicht die Mehrzahl der Kommentare abbildet, Ulrich Hegerl mahnt diesbezüglich dennoch zur Vorsicht: „Ich wäre sehr zurückhaltend mit dem Vorwurf der Effekthascherei. Denn wenn jemand wirklich depressiv ist, tut dieser Vorwurf doppelt weh.“ Hegerl beobachtet seit Jahren, dass Prominente mit psychischen Problemen und Erkrankungen gezielt die Öffentlichkeit suchen. Und tatsächlich ist die Liste lang: Mit Miley Cyrus, Angelina Jolie, Lady Gaga, Owen Wilson, Demi Lovato, Anne Hathaway, Hayden Panettiere, Jim Carrey oder Adele haben zahllose Künstler über Angststörungen, postpartale Stimmungskrisen, bipolare Erkrankungen und Depression gesprochen.

Hegerl meint, das zeige letztlich nur: Es kann jeden treffen, auch einen Prominenten, der scheinbar ein gutes Leben führt. Betroffenen könne dadurch klar werden: Es ist eine häufige und schwere Erkrankung, und kein persönliches Versagen. Diesbezüglich gäbe es immer noch große Wissensdefizite. „Die meisten Menschen mit Depression glauben, sie seien selbst schuld. Sie fühlen sich hoffnungslos und glauben nicht, dass ihnen jemand helfen kann. Diese Hoffnungslosigkeit ist eingebaut.“ Die Depression sei eine eigenständige Erkrankung und weniger eine Reaktion auf schwierige Lebensumstände, als die meisten denken. „Entscheidend ist, ob eine Veranlagung zu Depressionen vorliegt oder nicht.“ Daher könne es jeden treffen – auch jemanden, der im Rampenlicht steht.

Hilfe suchen und finden

· Erster Ansprechpartner ist der Hausarzt bzw. der Facharzt für Psychiatrie oder Psychotherapeut.
· Deutschlandweites Info-Telefon Depression 0800 33 44 5 33 (kostenfrei). 
· Wissen, Selbsttest und Adressen rund um das Thema Depression unter www.deutsche-depressionshilfe.de
· Fachlich moderiertes Online-Forum zum Erfahrungsaustausch: www.diskussionsforum-depression.de
· Hilfe und Beratung bei den sozialpsychiatrischen Diensten der Gesundheitsämter.