Demonstrantinnen verhindern die Premiere des neuen Polanski-Films in Paris. 
Foto: AFP/Christophe Archambault

ParisEs sollte die Vorpremiere eines vielversprechenden neuen Films von Roman Polanski im Pariser Ausgehviertel Quartier Latin werden. „J’accuse“ – „Ich klage an“, heißt die Kinoproduktion über die Dreyfus-Affäre, bei der ein jüdischer Offizier Anfang des 20. Jahrhunderts in Frankreich zu Unrecht des Hochverrats beschuldigt worden war. Doch die Vorstellung wurde abgesagt, der Regisseur zum Angeklagten gemacht, als rund 40 Frauen, in Schwarz gekleidet und mit roten Rauchfackeln, die Eingänge zum Kino blockierten und den Besuchern ihr eigenes „J’accuse“ entgegenschleuderten: „Polanski – Vergewaltiger! Publikum – Komplizen!“

Kurz vor dem Start des Films, der beim Festival von Venedig den Großen Preis der Jury erhalten hat, war eine weitere Anschuldigung öffentlich geworden. Die französische Fotografin Valentine Monnier, die früher als Mannequin und Schauspielerin arbeitete, sagte gegenüber der Zeitung Le Parisien, Polanski habe sich während eines Skiurlaubs Anfang 1975 brutal an ihr vergangen, als sie als 18-Jährige mit anderen Freunden in sein Schweizer Chalet eingeladen war: „Er prügelte auf mich ein, bis ich aufgab, dann vergewaltigte er mich.“

Polanskis Anwalt weist Anschuldigungen zurück

Le Parisien zitiert mehrere Bekannte Monniers, die bestätigten, Monnier habe ihnen bereits damals von der Vergewaltigung berichtet – darunter ein Mann, bei dem sie direkt danach Zuflucht gesucht habe. „Sie wirkte erschüttert“, sagte er demnach. „Ich glaube mich zu erinnern, dass sie einen blauen Fleck auf der Wange hatte.“ Polanskis Anwalt Hervé Temime erklärte, sein Mandant weise die Anschuldigungen „mit größter Entschiedenheit zurück“. Man prüfe, juristisch dagegen vorzugehen.

Fall Polanski

Roman Polanski lässt über seinen Anwalt die Vorwürfe „mit größter Entschiedenheit“ zurückweisen. Man prüfe, juristisch dagegen vorzugehen.

Weil die Ereignisse verjährt seien, habe sie nicht geklagt, sagt Monnier. Allerdings berichtete sie seit 2017 in Briefen davon: Sie schrieb an die Polizei von Los Angeles, an den französischen Kulturminister Franck Riester, die Staatssekretärin für Gleichstellung, Marlène Schiappa, sowie an Frankreichs First Lady Brigitte Macron.

„Genie ist keine Garantie für Straffreiheit“

Und die Politik reagiert: „Genie ist keine Garantie für Straffreiheit“, sagte Kulturminister Riester am Donnerstag in Paris bei einer Debatte zur Gleichberechtigung im Film, ohne den polnisch-französischen Regisseur namentlich zu nennen. Und: „Talent ist kein mildernder Umstand.“ Zugleich warnte Riester vor einem „Meinungs-Tribunal“.

Monnier ist die fünfte Frau, die Polanski öffentlich Vergewaltigung vorwirft – drei Schauspielerinnen hatten dies im Zuge der MeToo-Affäre 2017 getan. Bereits 1977 wurde Polanski in Los Angeles wegen Vergewaltigung der damals 13-jährigen Samantha Geimer zu einer 90-tägigen Haftstrafe verurteilt und nach 42 Tagen vorzeitig entlassen. Daraufhin zog er nach Europa.

Kann man das Werk vom Regisseur trennen?

Aufgrund eines weiterhin schwebenden Verfahrens in den USA gegen ihn vermied Polanski seitdem Reisen dorthin. Die neuen Vorwürfe erschüttern die französische Kino-Szene. Jean Dujardin und Polanskis Ehefrau Emmanuelle Seigner, die in „J’accuse“ mitspielen, sagten Interviews ab, TV-Sender verzichteten auf die Ausstrahlung bereits aufgezeichneter Sendungen. Immer lauter wird die Debatte darüber, ob die künstlerische Arbeit eines Regisseurs von ihm als Person, der Schwerwiegendes vorgeworfen wird, zu trennen sei.

„Wir glauben nicht, dass das möglich ist“, erklärte 2017 die Gruppe Osons le féminisme. Oscar-Preisträger Polanski kann auf viele Fürsprecher in der Branche zählen. Doch die Stimmung droht zu kippen. Gerade erst sorgte ein Interview der Schauspielerin Adèle Haenel für Aufruhr, die dem Regisseur Christophe Ruggia vorwirft, sie als Jugendliche sexuell missbraucht zu haben. „Er behauptet, er habe mich entdeckt – er hat mich in erster Linie zerstört“, sagte Haenel, die auf ihre Enthüllungen hin viel Unterstützung erhielt, etwa von Marion Cotillard.

Erotisierung der Gewalt gegen Frauen

Denn sie brach ein Tabu. In Frankreich wurde die MeToo-Diskussion gespalten aufgenommen. Mehrere prominente Frauen, darunter Schauspielerin Catherine Deneuve, forderten vor knapp zwei Jahren in einem offenen Brief „die Freiheit, lästig zu sein“ für Männer ein, die „für die sexuelle Freiheit unerlässlich“ sei. Für Feministinnen war dies ein Beleg dafür, wie schwer sich die französische Gesellschaft mit dem Aufbrechen alter Geschlechter-Schemata und einer echten Befreiung der Frauen tue.

Die franko-amerikanische Forscherin Iris Brey sieht das Land trotzdem an einem Wendepunkt: „Die Geschichte des Kinos hat sich teils auf der Erotisierung der Gewalt gegen Frauen aufgebaut. Es ist schwer, infrage zu stellen, was uns erregt.“ Um die andere Facette einer vergötterten Persönlichkeit wie Michael Jackson oder eben Roman Polanski wahrzunehmen, brauche es Mut, so Brey.