Sängerin Judith Holofernes nutzt die Plattform bereits (Archivbild).
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Die Auswirkungen der Corona-Krise auf sämtliche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens sind hinlänglich bekannt. Doch eine Sparte ist von der Pandemie besonders hart betroffen: die Musikbranche. Dort wird das meiste Geld nach wie vor mit Konzerten verdient – eigentlich. Denn Live-Auftritte dürfen nach wie vor nicht stattfinden. Gleichzeitig gehen die Absatzzahlen durch den Verkauf physischer Tonträger kontinuierlich zurück, und durch Streaming lässt sich sogar noch weniger verdienen. Viele Musiker bringt das in existenzielle Bedrängnis. Doch eine US-amerikanische Social-Payment-Plattform bietet jenen Musikern nun eine Perspektive: Patreon.

Jack Conte, der Chef von Patreon, befand sich bei der Gründung 2013 in einer ähnlich prekären finanziellen Lage wie viele Künstler heute. Conte war selbst Musiker und hatte damals sein Konto geplündert, um auf eigene Faust ein aufwendiges Musikvideo zu seinem Song „Pedals“ zu drehen. Er war sich sicher, dass das Stück bei YouTube zum Hit werden würde. Und tatsächlich: Binnen kürzester Zeit generierte das Video über eine Million Zugriffe. Als YouTube ihm jedoch die Abrechnung schickte, machte sich Ernüchterung breit: Das Portal überwies ihm dafür gerade mal 166 Dollar.

„Es machte mich krank zu sehen, wie Kreative in dieser Welt ausgebeutet werden“, erzählt Conte. „Wir füllen das Internet mit Leben, aber selbst davon leben können wir nicht.“ Er dachte über eine Lösung des Problems nach und rief kurz darauf die Social-Payment-Plattform Patreon ins Leben, die auf einem einfachen Abo-Modell beruht: Wer einen Musiker regelmäßig mit kleinen Beträgen unterstützt, bekommt im Gegenzug Zugriff auf exklusiven Content wie Songs oder Behind-the-scenes-Videos.

Patreon unterscheidet sich dabei grundlegend von Anbietern wie Kickstarter, Indiegogo oder Ulule, bei denen einmalig eine große Menge Geld für ein bestimmtes Ziel gesammelt wird. Dieses dauerhafte Subskriptionsmodell funktioniert jedenfalls gut und kommt an: Mittlerweile sind schon über 150.000 „Creators“ registriert, die von vier Millionen sogenannten „Patrons“ unterstützt werden – mit 500 Millionen Dollar allein im letzten Jahr.

Immer mehr Künstler melden sich auf Patreon an

Dabei ist das Modell des Crowdfunding keineswegs neu: die Einstürzenden Neubauten etwa, seit 2019 bei Patreon, finanzieren ihre Alben schon seit knapp zwanzig Jahren allein durch Fanspenden. Und auch für die US-Amerikanerin Amanda Palmer, die bei Patreon über 15.000 Unterstützer hat, gehört das Prinzip der Schwarmfinanzierung bereits seit vielen Jahren zu ihrem Erfolgsrezept unabhängigen Arbeitens. Auch Judith Holofernes, ehemalige Sängerin der Band Wir sind Helden, ist seit letztem Jahr bei Patreon.

„Ich habe lange Zeit versucht, auf konventionellen Wegen Musik zu machen, doch für mich hat das nicht gut funktioniert, das hat mich ungeheuer aufgerieben. Also habe ich nach neuen Wegen gesucht“, sagt Holofernes. „Das Wesen von Popmusik ist ja, dass du das ganze Land dazu bringen musst, dich mindestens zu tolerieren und zu wissen, wer du bist, damit ein Bruchteil dieser Leute mal irgendwann was von dir konsumiert“, erklärt sie. „Patreon ist eine deutliche Abkehr von diesem Konzept. Dort konzentriert man sich auf wenige Leute, denen die Musik dafür umso mehr bedeutet. Das ist gewöhnungsbedürftig, aber auch wahnsinnig schön und befreiend, zumal man viel enger mit diesen Menschen verbunden ist.“

Und diese Verbundenheit suchen seit dem coronabedingten Lockdown Mitte März immer mehr Kreative. Laut Conte haben sich seither mehr als 100.000 neue Creator auf Patreon angemeldet – das sind doppelt so viele wie vorher. Die Zahl der Patrons ist ebenfalls gestiegen, und zwar um 35 Prozent. Der Betrag, den die Unterstützer den Musikern zukommen lassen, wuchs dabei sogar um 80 Prozent. Die Patrons wissen, dass die Musiker besonders unter der Krise zu leiden haben – und zeigen sich entsprechend solidarisch. Jack Conte jedenfalls ist zufrieden und arbeitet derzeit daran, Patreon in Europa zunehmend bekannter zu machen. „Es ist einfach toll, dass durch Patreon immer mehr Leute von ihrer Kunst leben können – gerade in chaotischen Zeiten wie diesen“, sagt er. „Das lässt nicht nur für die Künstler, sondern auch für mich einen Traum wahr werden.“