Die neue Intendantin bereitete ihren zukünftigen Mitarbeitern schon am Wahlabend eine erste Geduldsprobe – allerdings ungewollt. Die Kollegen der Hauptnachrichten warteten lange vergeblich mit Kamera und Mikrofon im Foyer des Babelsberger Sendezentrums, um den neuen Chef oder die neue Chefin gleich in „Brandenburg aktuell“ ab 19.30 Uhr vorzustellen. Doch es wurde ein Fall für die Spätnachrichten. Die 29 Mitglieder des Rundfunkrats hatten erst mal interne Kommunikationsprobleme aufzuarbeiten und konnten sich erst nach über fünf Stunden Sitzungszeit einigen. Dem Vernehmen nach lag Schlesinger mit ihrem Gegenkandidaten, Theo Koll vom ZDF, so dicht beieinander, dass es sechs Wahlgänge brauchte, bis Patricia Schlesinger die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit von 20 Stimmen auf sich vereinen konnte. Sie habe gebibbert, gestand Schlesinger danach den wartenden Journalisten.

Das Programm beleben

Damit setzte sich diesmal die erklärte Favoriten der Intendantenwahl durch. Vor 13 Jahren, bei der ersten und bisher einzigen Intendantenwahl des Senders, hatte der Rundfunkrat mit Dagmar Reim noch eine Außenseiterin gewählt und gegen den Favoriten Ulrich Deppendorf, um Parteiferne zu demonstrieren. Denn Deppendorf, damals Fernsehdirektor des mächtigen WDR, galt als Wunschkandidat der beiden sozialdemokratischen Regierungschefs Klaus Wowereit und Matthias Platzek. Seither gilt die Wahl von Frauen in Führungspositionen als ein Markenzeichen des RBB – aktuell sind es 43 Prozent.

Patricia Schlesinger stammt wie ihre Vorgängerin vom NDR in Hamburg, verantwortet hier noch bis zum Sommer die Abteilung Dokumentation und Kultur beim Fernsehen. Sie habe den Rundfunkrat mit ihrem strukturellen Konzept überzeugen können, erklärte Schlesinger. Diese Veränderungen dürften sich auf das Fernsehen beziehen. Vorgängerin Dagmar Reim, die im Sommer  vorzeitig aus dem Amt scheidet, konnte damals als Gründungsintendantin des RBB ihre Führungsmannschaft komplett neu benennen.

Dagegen muss Patricia Schlesinger mit Direktoren auskommen, die in den letzten Jahren den Sender geleitet haben und weiter leiten sollen – und von denen einige, wie Programmdirektorin Claudia Nothelle und Verwaltungschef Hagen Brandstätter, sich ebenfalls um den Intendantenposten beworben hatten, aber von der Findungskommission aussortiert wurden. Dies fassten nicht wenige  als Herabsetzung der RBB-Mitarbeiter auf. Die neue Intendantin muss die Belegschaft von fast 2 000 Festangestellten erst mal auf ihre Seite ziehen. Am Abend ihrer Wahl legte Schlesinger deshalb Wert auf das Wörtchen „noch“: Sie wolle den RBB noch stärker und noch besser machen, betonte sie und lobte die scheidende Intendantin Dagmar Reim. Sie mache einen tollen Job.

Auf jeden Fall muss Schlesinger bei der versprochenen Belebung des quotenschwachen Fernsehprogramms viel Geduld aufbringen. Denn das Einbringen neuer Sendeformate, das Umstellen von Programmabläufen könnte sogar zunächst zu einem weiteren Absinken der Quote führen – und der RBB hat bislang die schwächste Quote aller Dritten ARD-Programme. Das Publikum könnte angestammte Sendungen an vertrauten Plätzen vermissen – neue Zuschauer aber müssten die neuen Formate erst finden.

Mehr Kooperationen nötig

Stärker als bislang muss die künftige Intendantin dafür sorgen, das Besondere aus Berlin-Brandenburg im Fernsehen widerzuspiegeln. Die heterogene Zuschauerschar schreckt sie aber nicht. Sie komme von einer Ost-West-Sendeanstalt und habe familiär starke Bindungen in den Osten Deutschlands. Ihr Großvater war kurzzeitig in den 50er Jahren Minister in Sachsen, ihr Vater flüchtete in den Westen nach Niedersachsen. Beim NDR gelingt der Spagat zwischen Großstadt und Land offenbar bislang besser als beim RBB. Überhaupt könnten Schlesingers ARD-Kontakte hilfreich sein. Denn immer noch produzieren die Dritten Programme zu viel parallel. Wenn der RBB beispielsweise mittwochs zur besten Sendezeit ein Gesundheitsmagazin bringt, so bringt dies angesichts einer Zuschauerschar, die im Schnitt über 60 Jahre alt ist, erst mal halbwegs stabile Quoten. Doch die Prophylaxe gegen Gefäßverkalkung ist kein spezifisches Problem der Region – deshalb können die ARD-Anstalten durchaus stärker kooperieren. Überdies würden solche Service-Magazine durchaus auch im Vorabendprogramm ihre Zuschauer finden. Hier erreicht der RBB bislang nur Quoten unter dem Schnitt.

Bis zum Dienstantritt zum 1. Juli will sich Patricia Schlesinger genauso gründlich auf ihren neuen Job vorbereiten wie auf ihre Intendantenkür vor dem Rundfunkrat. Erst danach will sie erste Auskünfte über ihre Programmreform geben. Bis dahin habe der Sender schließlich eine großartige Intendantin, betonte Schlesinger am späten Donnerstagabend.