Da wird der Literaturnobelpreisträger des Vorjahres heute siebzig Jahre alt und schon erscheint sein neuester Roman auf deutsch, in dem es um einen alternden Schriftsteller geht. Der hat sein Adressbuch verloren, doch das kümmert ihn kaum, hat er doch mit der Vergangenheit und ihren Menschen, deren Telefonnummern notiert sein mögen, abgeschlossen. Er überlasst sich dem trägen Fluss der Gegenwart, genießt das Wohlgefühl der Amnesie.

Mit den zwei Wörtern „Fast nichts“ beginnt der Roman. Dieser Fastsatz könnte als Motto auch über dem Gesamtwerk Modianos von gut dreißig Büchern stehen.

Denn der Autor weiß stets fast nichts von den Personen, auf deren Suche er sich befindet, und auch der Leser erfährt von ihnen kaum mehr als nichts. Aber gerade das Ungefähre und Womögliche macht den suchterzeugenden Reiz der Romane aus.

Ich weiß nicht, ob Modiano das Buch „Das Was weiß ich und das Fast nichts“ des französischen Philosophen Vladimir Jankelevitsch kennt, jedenfalls jagt er diesem Fast Nichts, das die Erinnerung noch hergibt, auch in diesem Roman nach.

Spiel mit den Mitteln des Kriminalromans

Jean Daragane döst an einem heißen Spätsommertag vor sich hin, da klingelt das Telefon und jemand teilt ihm mit, er habe das Adressbuch gefunden und bringe es ihm. Von der Bestimmtheit des Mannes schreckt Daragane zurück, willigt aber in ein Treffen ein.

Doch das Unglück beginnt, als er sein Zimmer verlässt, der Fremde namens Ottolini fragt ihn nach einem gewissen Guy Torstel, der im Adressbuch notiert ist. Er hat ein Dossier über diesen Mann abgelegt, der in eine kriminelle Affäre verwickelt sein soll, und hat herausbekommen, dass Daragane in seinem ersten Roman diesen Torstel erwähnt hat. Daragane erinnert sich nicht, empfindet diesen Ottolini als eine Drohung, fürchtet eine Erpressung, zumal ihn dessen junge Freundin vor ihrem Lebensgefährten warnt. Eine Klette sei der.

Die Altersruhe ist dahin, denn aus dem Nebel des Vergessens tauchen nach und nach die Gespenster der Jugend auf, aber auch eine Annie Astrand, die sich um den kleinen Jean Daragane gekümmert hat, als dessen Eltern ihn abgeschoben haben. Seinen ersten Roman hat Daragane für sie geschrieben, als eine Art Notruf an sie, die verschwunden war. Und er hat sie, nachdem der Roman veröffentlicht ist, auch wiedergefunden. Nach all den Jahren. Und nach all den weiteren Jahren hat er sie wieder vergessen, bis dieser Ottolini in sein Leben getreten ist.

Modiano spielt mit den Mitteln des Kriminalromans, erzeugt eine Spannung, die den bisherigen Romanen eher fremd war. Das Unheimliche dieser Begegnung infiziert auch den Leser, der sich um Daragane fürchtet. Doch schließlich findet der seine Alterssouveränität wieder, und es geht wie in allen Romanen Modianos um ein einziges Thema: Das Vergessen, das Erinnern und das Warum des Lebens. Thema mit Variationen wie in der Musik, Variationen, die Momente aus dem Leben eines Ichs durchspielen und dieses Ich ist Modiano selbst.

Auch dieser Daragane, der seinen ersten Roman mit 21 Jahren geschrieben hat wie Modiano, der dieselben Orte und Personen als Lebenstationen hat. Zwar spielt er mit diesem Daragane Verstecken, aber man erkennt hinter dessen Silhouette Modiano selbst.

Erinnerung als Metapher für die Suche nach einem Heim

Von den weiteren Romanen Jean Daraganes erfahren wir nichts, auch nicht, ob er den Nobelpreis bekommen hat, aber Modiano hat „Damit du dich im Viertel nicht verirrst“ ja auch geschrieben, bevor er ihn erhalten hat. Warum aber der ungewöhnliche Titel für einen Roman?

Diese Annie Astrand ist für den jungen Daragane ein Leitstern der Kindheit gewesen, als sie ihn in Obhut genommen hatte. Sie leben in der Villa außerhalb von Paris, in der sich für das Kind geheimnisvolle Begegnungen abgespielt haben, dann am Pariser Montmartre, das der kleine Junge bisweilen allein erkunden muss. Dafür hat Annie ihm einen Zettel mit der Adresse gegeben, auf dem zu lesen war: „Damit du dich im Viertel nicht verirrst.“

Die Erinnerung ist für Daragane durch diesen Ottolini nicht nur zu einer bedrohlichen Heimsuchung geworden, sie ist auch eine Suche nach einem Heim, einem nur Temporären eines verlorenen Kinds, das einundzwanzig Jahre alt werden musste, um sich durch das Schreiben eines Roman von dieser Verlorenheit zu befreien.

Präzise benennt Modiano den Augenblick, als Daragane mit den ersten Satz des Romans niedergeschrieben hatte. Dieser hatte diesen Torstel wiedergetroffen, der hatte den Namen Annie Astrand fallen lassen und die Existenz eines kleinen Jungens erwähnt, der er gewesen sein muss, sodass die Erinnerung wie ein Blitz in ihn gefahren war und er nicht anders konnte als zu schreiben zu beginnen.

Eigene Welt mit melancholischem Schimmer

Wie stets baut Modiano seine Romane auf Koinzidenzen auf, die keine Zufälle sondern sich miteinander verbindende Zwangsläufigkeiten sind: Das verlorene Adressbuch, das wiedergefunden wird von einem, der über jenen Torstel forscht, der flüchtig in sein Kinderleben getreten war, den er wieder trifft und der wiederum ihn auf die Spur der Annie Astrand setzt.

Die große Kunst Modianos ist es nicht nur, ein solches Geflecht zu schaffen, sondern vom ersten Satz an eine eigene Welt von Ort, Zeit und Menschen zu kreieren, über der ein melancholischer Schimmer liegt.

Nach einigen ein wenig schwächeren Romanen hat Modiano mit „Damit du dich im Viertel nicht verirrst“ wieder ein Chef-d'oeuvre seiner Literatur vorgelegt, das seine Bewunderer erneut vor Leselust jauchzen werden lässt.