Paul Gratzik hat mich viele Jahre beschäftigt. Er hat Geschichte wohl nie harmonisch erfahren. Die Herstellung von Harmonie hat ihn auch nie interessiert. Die Energien seines Lebens und seiner Kunst hat er aus der Entzweiung der Dinge geschöpft. Er hielt an der Utopie einer sozialistischen Gesellschaft fest, auch wenn er seine Zuversicht stets mit Zweifeln artikulierte. Ich habe ihn oft besucht. Jede Auseinandersetzung war eine große intellektuelle und emotionale Herausforderung. Am Dienstag ist er in einem Krankenhaus in Eberswalde gestorben. Im Kopf klar, aber der Mund schon ein paar Wochen stumm, nach einem Schlaganfall.

Als drittes Kind einer Landarbeiterfamilie Ostpreußens in das Jahr 1935 geboren, verliert Gratzik den Vater schon 1941 an der Ostfront. Die Mutter zieht ihre Kinder allein groß, flieht mit ihnen nach Mecklenburg. Paul Gratzik erlernt den Beruf eines Tischlers, geht 1954 an der Arbeiter- und Bauernfakultät (ABF), wo er auf Tamara Bunke trifft. Die jugendliche Abenteurerin wird später die einzige Frau in Che Guevaras Guerilla-Gruppe in Bolivien. Als sie in den Untergrund geht, verlässt auch er die ABF, geht in den Westen, kehrt zurück, arbeitet in Sachsen im Braunkohletagebau. Mit dem Bau der Mauer 1961 glaubt er, dass sein Menschheitstraum wahr würde.

Die Berliner Theater tun es Gratzik besonders an

Paul Gratzik lässt sich von der Stasi anwerben, das Spiel mit Fiktion und Realität übt eine große Faszination auf ihn aus. Er arbeitet als Erzieher in Jugendwerkhöfen, auch die Begegnung mit dem „destruktiven Teil der Gesellschaft“ inspiriert ihn. Er schreibt nicht nur Stasiberichte. Sein Drama „Unruhige Tage“ wird in Leipzig uraufgeführt. 1967 beginnt Paul Gratzik ein Studium am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ in Leipzig, doch schon im Jahr darauf, es ist die Zeit des Prager Frühlings, wird er „aus politisch-ideologischen Gründen“ exmatrikuliert. 

Dennoch ist der junge Dichter in den erlesensten Kreisen der Literaturbohème um Anna Seghers zu Gast. Sie empfängt Kollegen und Freunde wie Jorge Amado, Ilja Ehrenburg, Halldor Laxness, Steffie Spira. Paul Gratzik: „Hier schlürfte ich die erste Auster meines Lebens“.

Mit dem Erfolg der nächsten Stücke, „Malwa“, „Warten auf Maria“ und „Umwege“ wird er freischaffender Schriftsteller. Die Berliner Theater haben es ihm besonders angetan: das Deutsche Theater und die Volksbühne. Er hat unter den Autoren einen Sonderstatus, weil er immer wieder freiwillig in die Produktion zurückkehrt. Er wird gefeiert als Arbeiterdichter. Auch vor DDR-Tabuthemen schreckt er nicht zurück, was ihm Schwierigkeiten mit der staatlichen Zensur einbringt. Das macht ihn als IM unverdächtig. Niemand ahnt, dass gemeinsames Feiern, Diskutieren, Lachen, Schimpfen und Hoffen über viele Jahre einen doppelten Boden hat.

Plötzlich selbst im Visier der Stasi

Er heiratet nach 1959 nun zum zweiten Mal, bekommt eine zweite Tochter. Immer schwerer wird es, die neu gewonnenen Freiheiten (sogar im Westen ist er ein gefragter Arbeiterdichter), die neuen Freunde aus der Literaturszene (u.a. Heiner Müller) und die schwere körperliche Arbeit im Dresdner Transformatorenwerk, die IM-Tätigkeit, das enger werdende Verhältnis zu seinem Führungsoffizier und schließlich das private Glück als Familienvater in einer Neubausiedlung zu vereinbaren.

1975 erscheint sein Roman „Transportpaule“. 1977 verlässt Paul Gratzik seine Frau, geht nach Berlin und wird Vertragsautor beim Berliner Ensemble. 1981 dekonspiriert er sich selbst und verlässt den Staatssicherheitsdienst: „Der tiefste Grund auszusteigen war die Sache, dass der Sozialismus stark beschädigt worden ist. So was Unproduktives, das hat keinen Nutzen gebracht …“ Er informiert die Freunde, die er vorher verriet und wird nun selbst zum Beobachtungsobjekt des Staatssicherheitsdienstes. Dass er nun von den meisten Intellektuellen ausgestoßen, zur Unperson erklärt und in die Provinz verbannt wird, nimmt er in Kauf. Nach 1981 hat er kaum noch geschrieben, ein paar Stücke, Erzählungen, aber wenig veröffentlicht.

So habe ich ihn 1988 kennengelernt. Das erste, was ich von ihm hörte, war: „Das Schreiben habe ich bei der Stasi gelernt.“ In meiner Theaterzeit in den Neunzigerjahren habe ich dann an mehreren Inszenierungen seiner Stücke mitgewirkt. Und ich war nicht allein: Der Regisseur Martin Otting verfilmte 1996 Gratziks Erzählung „Tripolis“ als Spielfilm unter dem Titel „Landleben“. Armin Petras widmete Paul Gratzik ein Stück. Das Theater 89 spielte seine Dramatisierungen für das Theater nach Texten von Johannes Bobrowski und Grimmelshausen.

Er wollte noch einen großen Wurf

Als ich vom Theater zum Film übergelaufen war, habe ich einen Dokumentarfilm über Paul Gratzik gemacht. Das war 2011. Danach sollte sein bislang unveröffentlichter Roman „Ritas Ort“ erscheinen, doch ein falscher Freund vereitelte die Veröffentlichung per einstweiliger Verfügung, obwohl schon eine ganze Auflage gedruckt war. Ein großer Schock. Dennoch schrieb er wieder: „Johannistrieb – eine Telenovelle“ zum Beispiel, erschienen 2015. Er, 80 Jahre alt, geht in diesem erotischen Text in die volle Leiblichkeit, in die seine und in die jener Frau, die er nach Jahren wiedergetroffen hat.

Bis zuletzt hat er geschrieben. Einen großen Wurf wollte er noch machen. Bei meinem letzten Besuch im Krankenhaus war es nicht mehr zu besprechen, was sich Paul Gratzik selbst für den Verbleib seines schriftstellerischen Werkes vorgestellt hat. Was auch immer mir an Texten von Paul Gratzik begegnete: Sie hatten Wucht und funkten uns einen Lebensrhythmus, einen antik anmutenden Sprachduktus und Botschaften entgegen, die in unserer Welt nicht mehr vorkommen.

Annekatrin Hendel ist Regisseurin und Produzentin. Ihr Film „Vaterlandsverräter“ über Paul Gratzik wurde 2011 zur Berlinale uraufgeführt. Sie porträtierte auch den Dichter Sascha Anderson, den Musiker Flake und Fassbinder. Ihr Film „Familie Brasch“ kommt am 16.8. ins Kino.