Bevor das Konzert beginnt, läuft in der Waldbühne ein Medley mit Beatles-Hits, zum Aufwärmen sozusagen. Obwohl das nicht nötig gewesen wäre, der Dienstagabend ist dann doch noch überraschend mild geworden. Paul McCartney kann auf eine Vorband verzichten, ein bisschen Rock’n’Roll-Music vom Laptop reicht schon, um die 22.000 Leute in Stimmung zu bringen.

Neben den Originalsongs sind auf dem Mixtape auch ein paar namenlose Coverversionen zu hören, und so hat man bei der Warterei auf den Oberbeatle Gelegenheit, darüber zu sinnieren, warum es eigentlich nur so wenige eigenständige Interpretationen von Beatles-Songs gibt, die einem jetzt ohne zu googeln einfallen würden. Joe Cockers „With A Little Help…“, sicher, aber sonst?

Der Gedanke, dass es vielleicht unmöglich ist, sich die Stücke der Beatles tatsächlich zu eigen zu machen, geht einem beim Auftritt von Paul McCartney nicht mehr aus dem Kopf. Diese Lieder sind größer als ihre Schöpfer. Waren es schon immer. Selbst McCartney bleibt nichts anderes übrig, als sie nachzusingen. Aber das tut er auf seine unnachahmliche Weise. Seit fast einem halben Jahrhundert schon ist er seine eigene Beatles Revival Band. Er verwaltet dieses großartige Weltkulturerbe, ohne es zu charakterisieren. Manchmal ist das sehr toll, manchmal weniger.

Drei Sekunden Ewigkeit

Das Konzert beginnt mit einem der berühmtesten Akkorde der Rockgeschichte. Ist es ein Fadd9? Ein G7add9sus4? Da sind sich die Experten auch gut fünfzig Jahre nach der Uraufführung des Stücks nicht ganz sicher. George Martin, der Produzent der Beatles, hatte 1964 für den historischen Auftakt die Tonspuren von Gitarre, Bass und Piano übereinandergelegt. Die Mühe sollte sich lohnen. Drei Sekunden für die Ewigkeit. Der Song dazu heißt „A Hard Day’s Night“ und den kennt jedes Kind. Jedenfalls jedes Kind, das heute um die sechzig ist. Die älteren Menschen bleiben übrigens an diesem Abend nicht unter sich. Es hat sich ein erstaunlich bunt gemischtes Mehrgenerationenpublikum zu Paul McCartney gesellt.

Der charmiert gleich drauflos, macht ein, zwei Ansagen auf Deutsch, wobei er die Sätze völlig unverblümt vom Teleprompter abliest. Offenbar hat er sich für jede Station seiner kleinen Europatour eine regionale Besonderheit aufschreiben lassen. Berlin bekommt: „Ick freue mick wie Bolle.“ Und das Publikum hat sich final auch janz köstlich amüsiert.

Aber soweit ist es noch nicht. Das Gastspiel läuft überraschend schleppend an. Die Solosongs, die Paul McCartney nach dem Ende der Beatles veröffentlicht hat, sind nicht geeignet, die Leute von den Sitzbänken zu heben. Mit seiner vierköpfigen Begleitband spielt er schon länger zusammen, als je mit den Beatles oder auch den Wings. Da hat sich vieles ein- und abgeschliffen, so dass nun manches etwas gewöhnlich klingt.

„Letting Go“, „Let Me Roll It“, „Maybe I’m Amazed“ selbst die alten Beatles-Nummern „I’ve Got a Feeling“ und „We Can Work It Out“ heben sich nicht von dem wenig inspirierten Gitarrenrock ab. Das ist schade, aber nicht schlimm. Denn bald wird sich zeigen, dass McCartney für eine Stunde einfach nur seine eigene Vorband war.

Mit „In Spite of All the Danger“, das bis in die Zeit vor den Beatles zurückreicht, geht das Programm dann nämlich richtig los. Früher hätte man es unplugged genannt. Die Musiker stehen mit ihren akustischen Instrumenten vorn an der Rampe und der mächtige Schlagzeuger drischt einmal nicht auf die Trommeln, sondern erinnert fast an good old Ringo Starr, der in ein paar Tagen mit seiner All-Starr-Band auf Erbetour durch Nordamerika geht. Aber das nur nebenbei.

„Love Me Do“ ist so schlicht wie wundervoll, „And I Love Her“ ebenso, bei „Blackbird“ fährt Paul McCartney auf einem Hubpodium fünf Meter in die Höhe, bis er dem Denkmal gleicht, das er jetzt schon ist. Die Stimme, die in seinen bald 74 Jahren einiges an Schmelz verloren hat, gewinnt Kraft – ein erhabener Moment. Das nächste Lied widmet er John Lennon, seinem Kumpel, wie er ihn nennt. Für George Harrison, der nun auch schon lange tot ist, spielt Paul McCartney jetzt fast ebenso lange „Something“ auf der Ukulele. Es wird überhaupt viel herumgewidmet in dieser Nacht. Jimi Hendrix und George Martin, Linda und Nancy, seine erste und die dritte Frau, die geschiedene Zwischenfrau Heather bekommt anders als früher natürlich keinen Gruß mehr. Die 32 Millionen Euro Abfindung müssen reichen.

Paul McCartney ist zwar einer der reichsten Musiker der Welt, wenn es drauf ankommt aber auch ein wenig knickrig, wie es scheint. „The Fool On The Hill“, original von drei Flötisten umspielt, überlässt er preiswert dem Synthesizer und bei „Eleanor Rigby“ hat das Budget auch nicht für ein Streichquartett gereicht. Das geht nun gar nicht. Die Rolling Stones sind vor zwei Jahren in der Waldbühne nicht nur mit einem Solisten am Flügelhorn aufgetreten, sondern hatten gleich noch einen Berliner Jugendchor dabei.

Und jetzt alle

Das fröhliche „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ leitet zum Finale mit „Band On The Run“ und „Back in the U.S.S.R.“ über – alles Selbstläufer, bei denen die Zuhörerschaft automatisch aus dem Häuschen gerät. Besinnlich wird es noch einmal bei dem „Let It Be“ , zu dem selbst die junge Ordnungshüterin in der orangefarbenen Weste (Nummer 4136) am Rande des Innenraums leise mitsingt. Bei „Live And Let Die“ krachen die Feuertöpfe und fliegen die Raketen, da sieht man, wo das Geld, das für die Flöte fehlt, geblieben ist. „Hey Jude“ dirigiert Paul McCartney wie einst Gotthilf Fischer seinen Massengesang. Und alle machen mit, ohne dass es peinlich wird. Das letzte Stück, „The End“, ist auch das letzte das die Beatles 1969 aufgenommen haben. Perfekt Paul eben.