Berlin - „Will you still need me when I'm sixty four?“ Diese Zeilen schrieb Paul McCartney 1966 für den (fast) gleichnamigen Song, der kurz darauf auf dem legendären Album „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band“ erscheinen sollte. Ein Vorgriff auf ein Alter, das einer der erfolgreichsten Musiker und Komponisten des 20. Jahrhunderts nun auch schon wieder eineinhalb Jahrzehnte hinter sich gelassen hat. Am Samstag wird der bodenständige Liverpooler, der seine Kinder auf öffentliche Schulen schickte und nach eigener Aussage häufig die Öffis nutzt, 80. Das Alter hält ihn nicht davon ab, am 25. Juni auf dem Glastonbury-Festival zu spielen – der älteste Headliner, der je dort aufgetreten ist, am nächsten Abend steht dann Kendrick Lamar als Hauptattraktion auf der Bühne.

Paul McCartney war und ist bis heute das immer lächelnde, freundlichste Mitglied der Beatles. Der, der auch nach dem öffentlich breitgetretenen und bitteren Ende der Band seinen Charme nicht einbüßte und erfolgreich mit einem Soloalbum weitermachte. Und dann mit seiner Frau Linda McCartney die Band Wings gründete. Auch wenn die Wings nie wirklich ernstgenommen wurden, hat er es mit ihnen geschafft, die Beatles mental hinter sich zu lassen. Deswegen kann er so locker über sie sprechen, auch wenn es ihn inzwischen, so seine Worte, „etwas langweilt“.

Weltweit werden die Fans der Band aber nicht müde, die Beatles und ihr Erbe zu diskutieren. Was von der Karriere des „soften“ Beatle bleiben wird?  In erster Linie wohl die eingängig-tiefsinnigen Melodien, die auch für die Generationen, die nach den Beatles kamen, auf erstaunliche Weise gegenwärtig sind. Wie unter Eingebung schrieb McCartney in den 60er-Jahren Dutzende davon. Man kriegt sie ein Leben lang nicht aus dem Kopf. Und wozu auch? „Let It Be“, „Here Comes The Sun“ und „Hey Jude“ gehören zu den besten Songs aller Zeiten. Aber auch „With A Little Help From My Friends“, ein Song, dessen volles Potential erst der junge Joe Cocker beim Woodstock Festival 1969 auf die Bühne brachte, stammt aus der Feder von Sir Paul, den die Queen 2019 mit Orden und Titel ehrte. Es ist ein Meisterwerk, das die Beatles mit fast unverschämter Lakonie einspielten, ja, man könnte fast sagen, verschwendeten.

McCartney war ein ehrgeiziger Beatle und wollte The Who übertrumpfen

Der mit Sicherheit bekannteste Beatle ist übrigens bis heute für die Stars nachfolgender Generationen ein gefragter Feature-Gast. Zwar fragte sich so mancher Kanye-West-Fan nach dem ersten gemeinsamen Song mit Paul in den Kommentaren, wer denn dieser alte Mann sei. Doch der Sound gefiel ihnen und bewies, dass McCartney es immer noch draufhat. Auch der kurz darauf erschienene Song „FiveFourSeconds“ mit Rihanna und Kanye West war ein großer Chart-Hit, und das dazugehörige Video zeigt neben der lasziven Rihanna einen Paul McCartney, dem es riesigen Spaß macht, als ewig-junger Troubadour den Stab der Pop-Generosität weiterzugeben.

Dass diese Songs spät in seinen Siebzigern noch entstanden sind und dass McCartney nie aufhörte, Musik zu machen, liegt sicherlich auch daran, dass er nicht nur ein hochkreativer, sondern auch ein außergewöhnlich ehrgeiziger Mensch ist. Mit diesem Ehrgeiz als Motor hielt er die Beatles zusammen und trieb sie zu ihren musikalischen Hochleistungen.

Der Song „Helter Skelter“ auf dem weißen Beatles-Album von 1968 ist ein gutes Beispiel für diese geradezu dynamisierende Ambitioniertheit. McCartney las 1967 in einer Kritik der Single „I Can See For Miles“ von The Who, der Song sei wohl „the loudest and und rawest song“, der jemals aufgenommen wurde. McCartney, so die Überlieferung, stürzte sofort ins Studio und schrieb „Helter Skelter“. Er wollte The Who unbedingt übertreffen. Mit Erfolg: „Helter Skelter“ ist nicht nur lauter und roher, der Song war seiner Zeit auch voraus. Er klingt beinahe punkig, man könnte meinen, er sei in den mittleren 70er-Jahren entstanden, während „I Can See For Miles“ nach klassischem Sixties-Rock klingt.

Die Beatles waren schon vor Abschluss des letzten Albums zerstritten

Macca (so nennen ihn seine Freunde in Liverpool, wo man Abkürzungen liebt) wollte aber wohl auch den Kritikern der Beatles eins auswischen, die ihn immer wieder als „the soppy one“, den „Schlappen“, bezeichneten. Grund dafür war der Pop-Einschlag, den er den Beatles verlieh und der ihnen den Riesenerfolg sicherte. Nur John Lennons handfester Rock 'n' Roll hätte dafür wohl nicht gereicht, auch wenn der Musiker der Gesamterscheinung der Beatles damit Tiefe verlieh und mit seiner Plastic Ono Band avantgardistische Akzente setzte, die weit mehr waren als nur die Nach-Beatles-Phase mit seiner Frau, der Künstlerin Yoko Ono.

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Junge Männer, Mythos, Jahrhundertboys – Paul, Ringo, John und George.

Geblieben von McCartney ist in den Köpfen der meisten das Bild des schönen Beatles mit den gefühlsseligen Songs. Das liegt wohl auch daran, dass die Band in der Endphase der Produktion ihres berühmten letzten Albums „Let It Be“ (1970) bereits so zerstritten war, dass die vier Mitglieder mitunter getrennt ins Studio gingen. Ohne den Einfluss von Lennon glitten McCartneys Beiträge zur Platte teilweise in den Kitsch ab. Vor allem dem Song „The Long And Winding Road“ hört man an, dass McCartney die synergetischen Kräfte der Band fehlten. Und was eigentlich sollte dieses „Ob-La-Di, Ob-La-Da“?

Paul McCartney war nie der ganz große Texter. Er war auch nicht der originellste und rockigste Beatle. Er war der mit den Eingebungen für die unvergesslichsten Melodien, die vielleicht je geschrieben wurden. Und er hielt durch seinen Drive und seine Songideen die berühmteste Band der Geschichte lange zusammen.

McCartney ist ein genialer Komponist, der damals die Beatles brauchte, um seine Gabe ganz ausschöpfen zu können. Und die Beatles brauchten ihn. Nicht nur als großartigen Musiker, sondern auch als Gesicht der Band und als den Menschen, der sie zusammenzuschweißen vermochte. Seine Rolle war die komplexeste und von allen Band-Mitgliedern jene, die wohl am schwierigsten zu beschreiben ist. Er hat durch die Softness, die er den Beatles einpflanzte, die ganze Hippie-Bewegung mitgeprägt und ist trotz seiner Weltberühmtheit zu Beatles-Zeiten immer der lässige, freundlich lächelnde Junge aus Liverpool geblieben.

Happy Birthday, Paul!